Sie beschreiben eindrücklich, wie dieses Jahr für Sie war. Bei der ersten Corona-Welle standen Sie hinter den Massnahmen, fanden, die Schweiz mache es gut. Es gab viel zu lernen, zu organisieren, gerade für Sie als Besitzer eines kleinen Betriebs Homeoffice regeln Arbeitgeberpflichten für das Büro zu Hause . Es war aber auch eine schwierige Zeit. Sie machten sich Sorgen um die Firma, die Verantwortung den Mitarbeitenden gegenüber lastete schwer. Und irgendwie blieb das Thema abstrakt. Sie kannten niemanden, der vom Virus betroffen war. Aber alle waren betroffen von den Massnahmen. Bei Berufskollegen griff Unmut um sich.

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Und auch Sie begannen sich zu fragen, ob das alles wirklich nötig war. Ihre Schwester hingegen schien in einem anderen Tal zu leben. Aber das war schon immer so. Sie war schon immer eher ängstlich, besorgt, Sicherheit war ihr wichtig. Verstehen konnten Sie das zuerst schon, da ihr Sohn an Asthma leidet.

Emotionale Gespräche

Unterdessen tendiert Ihr Verständnis gegen null. Das Thema Corona regt Sie nur noch auf Wachsende Verunsicherung wegen Corona-Pandemie «Es droht ein Jo-Jo-Effekt, vor dem alle gewarnt haben» . Sie merken, dass Ihnen die Wut nicht guttut. Sie mussten den Magenschutz verdoppeln, schlafen schlecht. Die Finanzsorgen drücken. Zwei Monate zu überbrücken, ist eine Sache, anderthalb Jahre etwas anderes. Da kann Ihre Schwester gut reden, sie hat ein sicheres Einkommen.

Am Samstag sind Sie aneinandergeraten, wegen des Weihnachtsfests. Man müsse Maske tragen, das Fondue chinoise gebe es nicht Fondue Chinoise Genuss ohne Nachwirkungen , das sei zu gefährlich. Und immer geht es um den Sohn mit Asthma. Dabei trägt er ja keine Maske, wenn er zu Besuch kommt. Das Gespräch wurde emotional. Es bestand vor allem aus gegenseitigen Vorwürfen. Sie sei schon immer zu ängstlich, aber auch kontrollierend gewesen. Und sie hat Ihnen an den Kopf geworfen, dass Sie ja immer gegen etwas seien, vor Wut kochten und den Magenschutz ja auch schon seit 15 Jahren einnähmen. Nun seien Sie eben gegen die Massnahmen des Bundesrats, gegen die Wissenschaft. Nächstes Jahr seien Sie wieder gegen die EU.

Aktionstag zur psychischen Gesundheit

Laut einigen Studien schlägt die Coronakrise diesen Herbst bei einem Teil der Menschen wieder stärker aufs Gemüt, und sie kann psychische Probleme verstärken. Deshalb veranstaltet das Bundesamt für Gesundheit BAG am 10. Dezember einen Aktionstag zur Stärkung der psychischen Gesundheit unter dem Motto «Darüber reden. Hilfe finden». Dem BAG geht es darum, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren und sie auch zu ermuntern, Hilfsangebote zu nutzen. Aus Sicht des Bundes ist es verständlich, dass in der aktuellen Situation Sorgen und Ängste auftauchen. Es sei wichtig, darüber zu sprechen und sich einer nahestehenden Person anzuvertrauen oder das Hilfsangebot einer Organisation zu nutzen – und nicht zu warten, bis es «einfach so» wieder besser gehe.  

Dazu macht das BAG auf die Angebote von verschiedenen Institutionen aufmerksam, die sich am Aktionstag beteiligen: die Dargebotene Hand, Pro Juventute, Pro Senectute, Pro Mente Sana, Caritas und das Schweizerische Rote Kreuz.

Links zum Aktionstag und zur Kampagne der Deutschschweizer Kantone und Pro Mente Sana:

https://dureschnufe.ch

www.wie-gehts-dir.ch

Streit statt Vorfreude

Was kann ich Ihnen da raten? Zum Glück haben Sie noch etwas Zeit. Es ist wichtig, das Fest gut vorzubesprechen. Das Schlimmste wäre ja, wenn der Streit am Weihnachtsabend Weihnachtsfrust Krach beim Fest der Liebe? eskalierte. Die Dünnhäutigkeit ist bei allen grösser geworden, unabhängig davon, wie man zum Thema steht. Bei allen braucht es derzeit wenig, damit es eskaliert – das umgestossene Glas, die Warteschlange, die Inkompetenz einer Schalterangestellten. Wir reagieren aktuell viel stärker als sonst.

«Ich empfehle Ihnen, sich in diesem Jahr von der Tradition zu lösen.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH

Zu zweit werden Sie das Weihnachtsfest nicht vorbesprechen können. Ich nehme an, so was wäre auch vor zehn Jahren oder als Kind nicht gut gegangen. Das ist eine typische Geschwisterdynamik. Ich würde also den Kreis erweitern. Der Schwager gehört mit an den Tisch, die Cousine aus Winterthur auch.

Ein anderes Weihnachten

Ich empfehle Ihnen, sich in diesem Jahr von der Tradition zu lösen. Es genau so zu machen wie sonst auch, bedeutet, Corona zu ignorieren. Unabhängig davon, ob das sinnvoll ist oder nicht, wird es einigen am Tisch unwohl sein, einige werden nicht dabei sein können oder wollen. Wenn man es ähnlich machen will wie sonst, aber angepasst, etwa mit Maske oder Distanz, vergleicht man, wie es sonst wäre. Und es wird schlechter sein.

Hier heisst es, kreativ zu sein. Bei einem kürzeren Weihnachtsfest im Wald braucht es keine Diskussion, ob nun die Fenster alle 20 Minuten geöffnet werden. Das Distanzhalten wirkt viel natürlicher als im Wohnzimmer. Auch ein getrenntes Weihnachtsfest, bei dem für eine halbe Stunde eine Videokonferenz stattfindet und jeder vor der Kamera eine Kerze anzündet, kann funktionieren – und ist besser als ein Fest mit Maske und maskierter Wut.

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Es geht auch um die Sinnfrage

Wofür steht das Fest für Sie als Familie? Im christlichen Sinn steht es für Nächstenliebe, Einstehen für die Schwächeren, sich selbst nicht so wichtig nehmen. Für Beziehungen zu Menschen, die einem wichtig sind, trotz aller Querelen.

Im Vorbereitungsgespräch wird es also darum gehen, eine Form zu finden, bei der allen wohl ist. Es wird wichtig sein, dass alle einbringen, was erfüllt sein muss, damit sie das Fest geniessen Weihnachtsgeschenke für Kinder Mehr Luft unterm Baum! können. Und dann gilt es, eine Form zu finden, die diese Vorgaben möglichst erfüllt.

Man kann das Fest auch auslassen. Hinduistische und muslimische Menschen in Grossbritannien mussten in diesem Jahr auf alle wichtigen Feste verzichten. Viele freuen sich umso mehr auf das nächste Jahr. Aber es ist natürlich anders, wenn das Nein von der Regierung kommt als von innerhalb der Familie. Und der Ausfall muss kompensiert werden. Vielleicht mit einem sehr persönlichen Geschenk, das die Bedeutung von Weihnachten wirklich ausdrückt – etwa mit einem handgeschriebenen Brief an die Schwester über gemeinsame Kindheitserinnerungen.

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an:
thomas.ihde@beobachter.ch

Oder per Post an:

Thomas Ihde
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