Beobachter: Caroline Fux, seit einem Jahr sind Sie Sexberaterin beim «Blick» – Ihr Traumjob?
Caroline Fux: Es ist nicht so, dass ich schon als kleines Mädchen gesagt habe: Ich will einmal Sextante werden. Aber die Themen Sex, Liebe und Lust haben mich schon immer interessiert. Von daher – ja, Traumjob.

Beobachter: Fünf Tage die Woche haben Sie Einblick in die Sexprobleme anderer. Vergeht einem da nicht selber die Lust?
Caroline Fux: (lacht) Nein, zum Glück nicht. Sollte es so weit kommen, würde ich mich sofort in ein Sabbatical verabschieden. Aber selbstverständlich gibt es Anfragen, die mich persönlich beschäftigen.

Beobachter: Aber Sie laufen nicht durch die Strassen und denken: «Alles Kranke!»
Caroline Fux: Eine solche Phase durchlaufen wohl alle Psychologinnen und Psychologen irgendwann einmal. Wenn man sich so intensiv mit Krankheitsbildern beschäftigen muss, sieht man sie plötzlich überall, bei sich und bei anderen. Irgendwann erkennt man: Das Spektrum der Normalität ist enorm breit. Das gilt auch für die Sexualität.

Beobachter: «Das ist ganz normal», schrieb ihr legendärer Kollege Dr. Sommer vom Jugendmagazin «Bravo» in jeder zweiten Antwort. Sie auch?
Caroline Fux: Die meisten Leute wünschen sich tatsächlich von mir eine Bestätigung, dass das, was sie empfinden oder erleben, okay ist. Und in den allermeisten Fällen kann ich sagen: Es ist okay. Natürlich nur, solange es auch für die Partnerin oder den Partner stimmt.

Beobachter: Das klingt jetzt nicht wahnsinnig prickelnd.
Caroline Fux: Sex ist nicht immer prickelnd. Manchmal ist er schwierig, manchmal verletzend, manchmal auch ein bisschen «gruusig». Ich bin ein sehr offener Mensch, aber in gewissen Dingen bin ich konservativ. Es gibt die Grenzen der Legalität, und ich setze mich vehement für Respekt und Anstand ein. Das hat für mich absolute Priorität – in der Beziehung und im Bett.

Beobachter: Diese Grundhaltung spürt man auch in Ihren Büchern. Warum braucht es einen Paar- und einen Sexratgeber? Hat man in gut funktionierenden Beziehungen nicht eh guten Sex und umgekehrt?
Caroline Fux: Das ist sehr oft so, aber leider nicht immer. Es gibt Paare, die haben super Sex, schaffen es aber nicht, einen gemeinsamen Alltag zu gestalten. Und dann gibt es die, die eine sehr schöne Beziehung führen, aber im Bett Probleme haben. Das ist dann ganz bitter. Was macht man in einem solchen Fall? Jemanden wegen schlechten Sexes zu verlassen ist gesellschaftlich überhaupt nicht akzeptiert.

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Beobachter: Sie würden wohl empfehlen, einen Sexratgeber zu kaufen.
Caroline Fux: Warum nicht? Oder sich professionelle ­Hilfe zu holen. Für die meisten Menschen ist eine Paarbeziehung, die für immer hält, etwas vom Wichtigsten. Macht man Um­fragen, wollen 90 Prozent der Jugendlichen später heiraten. Über die Hälfte wird scheitern. Das zeigt doch: Arbeit an der Beziehung ist in jedem Fall ein gute Investition.

Beobachter: Wie unromantisch.
Caroline Fux: Ich plädiere für mehr Mut zu Rationalität, Nüchternheit und Ökonomie in der Liebe und beim Sex. Wir sind ökonomische Wesen, wir tun das, was uns weiterbringt, und hören mit Dingen auf, die das nicht tun. Das ist gut so, heisst aber auch, dass wir dafür sorgen sollten, dass unsere Beziehung interessant bleibt.

Beobachter: Mittels Absprachen, Listen, verordneter Paar-Zeit.
Caroline Fux: Wir putzen die Zähne und gehen zum Zahnarzt. Wir bringen das Auto in den Service, leisten uns ab und an die Wasch­strasse. Nur in der Beziehung lehnen wir Wartungsarbeiten total ab.

Beobachter: Sie können sicher erklären, warum?
Caroline Fux: Da kommt uns wohl unsere romantisierte Vorstellung von Liebe in die Quere. Die Beziehung soll ein immerwährender Quell der Freude, der Unterstützung, der Anerkennung sein. Ein Perpetuum mobile sozusagen. Ich bemühe gerne das Symbol des weissen Einhorns, das im Garten steht – regelmässiges Ausmisten hat in dieser Phantasie keinen Platz. Aber das Leben ist nicht so und die Liebe schon gar nicht.

Beobachter: Solange man verliebt ist, funktioniert es doch wunderbar. Warum wird es immer irgendwann schwierig?
Caroline Fux: Man spricht von den magischen drei Monaten. In dieser Zeit ist die Beziehung tatsächlich gratis. Das lässt sich rein biologisch erklären. Die Natur setzt darauf, dass wir uns fortpflanzen. Nach drei Monaten sollte das geklappt haben, danach flauen die Hormone ab, und der Alltag zieht ein.

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Beobachter: Die Socken kommen neben den Wäschekorb zu liegen.
Caroline Fux: Zum Beispiel. In der Verliebtheitsphase klammern wir uns ja an das Gefühl, für­einander geschaffen zu sein. Jede gemeinsame Handlung befeuert diese Gewissheit, und sei es nur, dass man am Salatbuffet aus der gleichen Schüssel schöpft. Später findet man dann heraus, dass der andere Salate mag, die man selber nie essen würde. Dann beginnt die Auseinandersetzung damit, dass der andere Angewohnheiten und Bedürfnisse hat, die sich mit den eigenen nicht decken.

Beobachter: Und die Frau sagt: «Schatz, wir müssen reden.»
Caroline Fux: Aus gutem Grund. Man weiss aus diversen Studien, dass Menschen von einer stabilen Zweierbeziehung profitieren. Männer immer, Frauen nur, wenn die Beziehung gut ist. Daher ist es durchaus sinnvoll, dass sie es sind, die sich um die Qualität der Beziehung bemühen.

Beobachter: Kürzlich wurden Studien veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass Monogamie Frauen schneller langweilt als Männer. Hat Sie das erstaunt?
Caroline Fux: Nein. Wir wissen schon länger, dass Frauen die Lust verlässt, wenn sie sich in der Beziehung langweilen oder sich nicht wohl fühlen. Daran merkt man sehr schön, dass Frauen und Männer anders funktionieren. Wenn eine Frau das Gefühl hat, ihr Partner interessiere sich nicht mehr für sie, dann will sie nicht mehr mit ihm schlafen. Punkt.

Beobachter: Der Mann kann immer?
Caroline Fux: Nein, aber wenn ihm die Lust vergeht, dann aus anderen Gründen. Männliche Unlust wird mehr und mehr zum Thema. Die Genderdiskussion hat der Sexualität geschadet, die ganze Verunsicherung, was die Rollen anbelangt. Dazu kommt natürlich die immer höher werdende Arbeits­belastung. Niemand kann 55 Stunden arbeiten, sich um 20 Uhr ein Fertigmenü reinziehen, ins Bett fallen und meinen, jetzt steppe der Bär.

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Beobachter: Die Genderdiskussion ist ein gutes Stichwort: 70 Millionen Menschen weltweit haben die Trilogie «Fifty Shades of Grey» gelesen. Ein Roman über die sadomasochistische Beziehung zwischen einer jungen Studentin und einem erfolgreichen Geschäftsmann. Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Caroline Fux: Ich muss gestehen: Ich konnte das Buch nicht zu Ende lesen, es ist grauenhaft geschrieben. Aber ich bin froh um die Diskussion, die es ausgelöst hat. Für guten Sex sind klassische Geschlechterrollen wichtig, Dominanz und Hingabe. SM kann eine wunderbare Möglichkeit sein, damit zu spielen. Das Buch hat vielen Menschen ­einen Zugang zu dieser Form der Sexualität ermöglicht.

Beobachter: Der Mann ist stark, die Frau schwach…
Caroline Fux: Die Frau wird genommen, der Mann nimmt. Das klingt heute schon fast sub­versiv, aber das ist für die meisten Paare die Essenz von Sex. Die Protagonistin von «Fifty Shades of Grey» gibt im Bett jegliche Verantwortung ab. Sie wird gefesselt, ihr werden die Augen verbunden, in manchen Szenen kann sie nicht einmal mehr sprechen. Darf man das als Frau heute überhaupt noch: sich einem Mann total hingeben, ihn total bestimmen lassen? Das kann wunderbar sein. Ich betone: Wir reden von Sex, nicht vom Alltag.

Beobachter: Lässt sich das so haarscharf trennen?
Caroline Fux: Natürlich ist es ein Widerspruch, wenn sich Frauen für den Alltag diese handlichen, ­lieben Männer wünschen, sie aber dann beim Sex nicht erotisch finden. Da sage ich: «Frau, entscheide dich!» Anderseits sind wir Menschen halt voller Widersprüche. SM scheint jedenfalls für viele Paare eine Möglichkeit zu sein, archaische Wünsche auszuleben, ohne sich im Alltag davon dominieren zu lassen.

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Beobachter: Apropos weibliche Unlust. Welche Zukunft sagen Sie dem angekündigten «Viagra» für die Frau voraus?
Caroline Fux: Viagra und die angekündigten Präparate haben pharmakologisch wenig gemein. Bei Männern geht es um ein mechanisches Problem, bei Frauen geht es um die feh­lende Lust. Gemeinsam ist der Sache vielleicht, dass die Idee, eine Pille einzuwerfen und damit alle Probleme lösen zu wollen, extrem gut in unsere Zeit passt. Die angekündigten Präparate für Frauen sind, stark vereinfacht ausgedrückt, einfach Anti­depressiva. Ich rate zur Vorsicht.

Beobachter: Warum?
Caroline Fux: Ich glaube nicht, dass die Pille in der Mehrheit der Fälle das Grundproblem löst, sie bekämpft ein Symptom.

Beobachter: Das heisst?
Caroline Fux: Liegt es wirklich nur daran, dass ein Neuro­transmittersystem aus dem Gleichgewicht geraten ist, dann sind solche Präparate ein Segen. Wenn ich aber keine Lust habe, weil meine Beziehung beschissen ist, hilft mir die Tablette nur bedingt. Selbst wenn ich dann wieder Sex hätte, bliebe meine Be­ziehung beschissen. Das kann man doch nicht ernsthaft wollen, oder?