Bis zu 74 Herzpatientinnen und -patienten hätten nicht sterben müssen, wenn sie nicht am Zürcher Universitätsspital, sondern in einer anderen Einrichtung operiert worden wären. Zu diesem Schluss gelangt ein Untersuchungsbericht zur Krise an der Herzklinik des Universitätsspitals unter der Leitung von Francesco Maisano

Grund für die vermeidbaren Todesfälle sei eine fatale Kombination aus Führungsversagen, mangelnder Teambildung sowie fehlender Kompetenz der operierenden Ärztinnen und Ärzte gewesen. Chirurgen mit «durchschnittlichen Fähigkeiten» hätten wiederholt Eingriffe durchgeführt, die über ihren Möglichkeiten lagen. In anderen Fällen seien unnötig komplexe Ansätze gewählt worden. Teilweise sei «aggressiv» operiert worden. 

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Aufgabe von Klinikdirektor Maisano wäre es gewesen, diese «übermässige Kühnheit» zu zügeln und sie «an die tatsächliche Kompetenz seines Teams anzupassen». Diese Aufgabe habe Maisano nicht hinreichend wahrgenommen. Gleichzeitig trügen aber auch die Operateure Verantwortung, weil sie ihre Fähigkeiten überschätzten und sich für Techniken entschieden, die ihre fachliche Kompetenz überstiegen. 

Spitalrat stellt Strafanzeige

Der jetzige Spitalrat hat 24 Fälle bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. 11 davon betreffen sogenannte aussergewöhnliche Todesfälle. Bei den übrigen 13 Fällen bestehe der Verdacht, dass Medizinprodukte unangemessen eingesetzt wurden. Spitalratspräsident André Zemp, der zur Zeit von Maisano noch nicht im Amt war, bezeichnete die Ergebnisse des Berichts als «erschütternd und vernichtend» und bat die Opfer – den Tränen nahe – um Verzeihung.

Beratung mit Chatbot

Dass die Missstände publik wurden, ist vordringlich dem Whistleblower André Plass zu verdanken. Der Beobachter hatte Plass im Jahr 2021 für den Prix Courage nominiert. 

Kern des Skandals ist das sogenannte Cardioband zur Behandlung von kranken Herzklappen und die damit verbundenen wirtschaftlichen Interessen von Francesco Maisano. Unter der Leitung von Maisano implantierte man zwischen 2015 und 2020 insgesamt 44 Cardiobänder. 

Experimentelles Produkt

Der Bericht kritisiert diesen Einsatz scharf. Das experimentelle Produkt sei auch bei Menschen mit geringem oder mittlerem Risiko eingesetzt worden, darunter ein 17-Jähriger und ein 51-Jähriger. Diese hätten von einer Standardoperation deutlich mehr profitiert. 

Ebenso schwerwiegend: Das Cardioband zeigte nur begrenzten Nutzen. Nach einem Jahr litten knapp zwei Drittel der Behandelten erneut unter einer erheblichen Klappenundichtigkeit. Zudem erlitt mehr als jeder siebte Patient schwere Verletzungen der Herzkranzgefässe, die teils Herzinfarkte auslösten und in einem Fall tödlich endeten. 

120’000 Dollar jährlich

Maisano spielte eine zentrale Rolle bei der Entwicklung des Cardiobands. Er hielt wesentliche Patente daran und erhielt als Berater der Herstellerfirma Valtech ein jährliches Honorar von 120’000 Dollar. Er hatte ein direktes finanzielles Interesse, das Cardioband zu fördern, häufig einzusetzen und zur Marktreife zu bringen. Dafür waren erfolgsabhängige Meilenstein-Zahlungen vertraglich vereinbart. 

In Aufklärungsgesprächen hätten die USZ-Herzchirurgen den Patienten sowohl Maisanos finanzielle Interessen als auch die Risiken des Cardiobands verschwiegen. Fundierte Studien seien keine veröffentlicht worden. Stattdessen habe das Team oberflächliche Kurzberichte publiziert, die schwerwiegende Komplikationen wie gerissene Ankerdrähte verschwiegen und Erfolge übertrieben dargestellt hätten. 

Institutionelles Wegsehen

Der Bericht betont, dass dieses System nur durch institutionelles Wegsehen möglich wurde. Dem Spitalrat unter der Führung von Martin Waser und der Spitaldirektion unter Gregor Zünd seien Maisanos 14 Patente und seine enge Verbindung zur Industrie bereits bei seiner Berufung 2014 bekannt gewesen. Dennoch hätten sie keine Massnahmen ergriffen, um den massiven Interessenkonflikt zu bereinigen.

Spitaldirektor Zünd habe die Klinik «an der langen Leine» geführt. Der Direktion sei die überhöhte Sterblichkeit bekannt gewesen, trotzdem habe sie die nötigen Schritte verschleppt. Selbst als die Krise längst öffentlich war, habe Zünd gegenüber internen Aufsichtsgremien beschwichtigt.

Damaliger Spitalrat ohne Sensibilität

Ein äusserst kritisches Zeugnis stellt der Untersuchungsbericht auch dem damaligen Spitalrat als oberstem Aufsichtsorgan aus. Dem Rat habe es ganz generell an Sensibilität für Interessenkonflikte gemangelt. So habe er Direktor Gregor Zünd den Einsitz in den Verwaltungsrat eines Medtech-Lieferanten bewilligt. 
 
Als besonders gravierend wird das Verhalten des damaligen Spitalrats gegenüber der Zürcher Gesundheitsdirektion gewertet. Das Aufsichtsgremium habe beschwichtigt und abgewiegelt. So habe es der Behörde zugesichert, dass keine unmittelbare Gefährdung des Patientenwohls bestehe und keine Sofortmassnahmen angezeigt seien. Eine Behauptung, die der amtierende Spitalratspräsident Zemp nun ausdrücklich als falsch bezeichnete. 

USZ mit umfassender Neuausrichtung

Das USZ hat als Reaktion auf die gravierenden Befunde des Untersuchungsberichts eine umfassende Neuausrichtung eingeleitet. Die Spitalführung hat sich bei den Betroffenen und deren Angehörigen öffentlich entschuldigt und eine spezifische Informations- und Beratungsstelle eingerichtet, die von Experten und einem Beirat unterstützt wird. Die drei verbliebenen Mitglieder des Spitalrats, die dem Gremium bereits während der Krisenjahre angehört hatten, sind von ihren Mandaten zurückgetreten, um dem Spital einen unbelasteten Neuanfang zu ermöglichen. 

Im März 2026 wurden ein neuer verbindlicher Verhaltenskodex sowie eine Whistleblowing-Meldestelle eingeführt, an die sich Mitarbeitende auch anonym wenden können, um Missstände oder Gefährdungen der Patientensicherheit zu melden. Kadermitarbeitende müssen künftig ihre Nebenbeschäftigungen und Interessen in einem öffentlichen Register deklarieren.

Richtlinien überarbeitet

Die Herzklinik hat regelmässige Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen eingeführt, um Komplikationen offen aufzuarbeiten. Ausserdem wurden die Richtlinien für experimentelle Therapien überarbeitet und zwingende Vorgaben – wie etwa die Notwendigkeit einer unabhängigen Zweitmeinung und detaillierte Nutzen-Risiko-Abwägungen – eingeführt. 

Stellungnahme von Francesco Maisano

Francesco Maisano wehrt sich in einer umfassenden Stellungnahme zum Untersuchungsbericht entschieden gegen die Vorwürfe und weist die Hauptschuld von sich. Der Bericht zeige primär systemische Governance-Mängel des Universitätsspitals und der Universität Zürich auf. Es sei verfehlt, ihn als einzelnen klinischen Akteur zum Hauptverantwortlichen zu machen. Alle klinischen Studien und experimentellen Therapien seien von der Ethikkommission und Swissmedic genehmigt worden. Die untersuchten Jahre (2016 bis 2020) seien die frühe Einführungsphase für neue Transkatheter-Therapien gewesen, bei der Lernkurven und Komplikationen in der Frühphase normal und wissenschaftlich anerkannt seien. Zudem seien therapeutische Entscheidungen nicht von ihm allein, sondern im Rahmen eines multidisziplinären Herzteams getroffen worden. Er habe seine Beziehungen zur Industrie gegenüber den zuständigen Behörden stets offengelegt. 

Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals am 5. Mai 2026 veröffentlicht. 

Quelle