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Elektrosensibilität«Der Elektrosmog macht mich krank»

Elektrosensible leiden nicht nur an ihren Beschwerden, sondern auch unter dem Stigma, Hypochonder zu sein.

Rund 5 Prozent der Schweizer Bevölkerung bezeichnen sich als elektrosensibel – Lucja Stankiewicz ist eine davon.
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Mit der menschlichen Seele kennt sich Lucja Stankiewicz bestens aus. Sie hat eine erfolgreiche Karriere als Psychiaterin hinter sich, war Gemeinderätin in Muri, reiste viel, war gesellschaftlich engagiert.

Als sie sich ein neues Funktelefon kaufte, begannen die Beschwerden. Plötzlich wurde ihr beim Telefonieren schwindlig. Sie brachte das Telefon zurück und telefonierte mit dem alten weiter. Die Symptome verschwanden. Monate später legten Techniker eine ISDN-Leitung. Stankiewicz begann plötzlich an massiver Schlaflosigkeit zu leiden, die nach Abschaltung der Leitung wieder verschwanden.

 

«Ich lebe wie eine Höhlenbewohnerin, weil der Elektrosmog mich krank macht.»

 

Lucja Stankiewicz, Elektrosensible

Dann kam der 27. Oktober 2008. Die Ölheizung im Haus wurde durch eine Gasheizung ersetzt. «Die Arbeiten müssen etwas an der elektrischen Situation im Haus verändert haben», sagt Stankiewicz. Eine innere Unruhe erfasste sie, sie war unwohl, hatte Kopfschmerzen, hielt es in der Wohnung nicht mehr aus. Sie zog vorübergehend zu ihren Eltern. Dort klangen die Beschwerden ab.

Stankiewicz erinnerte sich an einen Artikel in einer Ärztezeitschrift über Elektrosensibilität, in dem auf das Beratungstelefon der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz hingewiesen wurde. «Dort empfahl man mir, meine Wohnung von einem Elektrobiologen prüfen zu lassen. Ausserdem wurde ich ärztlich und psychologisch untersucht», sagt Stankiewicz. Sie liess in ihrer Wohnung eine Netzfreischaltung einbauen. Die Leitungen stehen dann nur unter Strom, wenn er wirklich gebraucht wird, weil beispielsweise eine Lampe angezündet wird. Über ihr Bett spannte sie einen Baldachin aus einem speziellen Stoff, in dem ein feiner Silberfaden eingesponnen ist, der den Elektrosmog abschirmen soll.

Die endgültige Bestätigung für ihre Elektrosensibilität fand sie bei einem Ferienaufenthalt in Unterbäch, einem kleinen Walliser Dorf in der Nähe von Raron. «Als ich dort ankam, habe ich sofort gemerkt, dass ich es dort  nicht aushalte. Ich musste meine Ferien vorzeitig abbrechen.  Im Nachhinein habe ich erfahren, dass die Gemeinde mit einem kleinen Elektrizitätswerk eigenen Strom produziert», sagt die 66-jährige Psychiaterin.

Nach dem Aufenthalt in Unterbäch verschlimmerten sich ihre Beschwerden stark. Nahezu jede Elektrosmog-Quelle, Zugleitungen, Antennen, Drahtlosnetzwerke verursachten Schwindel, ein Brennen hinter dem Brustbein. Sie fühlte sich unsicher auf den Beinen, war merkwürdig aufgekratzt, litt an Übelkeit, war gereizt und fühlte sich in ihrem Denkvermögen eingeschränkt.

Lucja Stankiewicz, Elektrosensible
Quelle: Giorgia Müller

Nach und nach haben ihre Beschwerden Stankiewicz aus dem beruflichen und gesellschaftlichen Leben gedrängt. Sie zog um in ein Mehrfamilienhaus, dessen Besitzer ebenfalls elektrosensibel ist. Er hat die Wände mit spezieller Farbe streichen lassen, um es von den Strahlen abzuschirmen. Im ganzen Wohnbereich von Stankiewicz gibt es kaum elektrische Geräte, im Schlafzimmer steht kein einziges. In die Lampen fliesst der Strom über ein abgeschirmtes Kabel, den Fernseher hat sie entsorgt. Musik hört sie nur noch mit einem batteriebetriebenen Radio. «So fühle ich mich wohl und kann mich von den elektrosmogbedingten Beschwerden erholen.» 

Lesetipp

Viele denken, Mobilfunkstrahlung sei gesundheitlich unbedenklich. Doch jüngste Forschungsergebnisse mahnen zur Vorsicht, wie der Artikel «Mobilfunkstrahlung – Wie gross ist das Risiko?» zeigt.

Mehr als man denkt

In einer Umfrage aus dem Jahr 2003 bezeichneten sich rund fünf Prozent der Schweizer Bevölkerung als elektrosensibel.

Die Beschwerden reichen von Stimmungsschwankungen über Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen bis zu Herz-Kreislauf-Symptomen. Allgemein anerkannte Kriterien für eine objektive Diagnose gibt es nicht. Die Ursachen für die Gesundheitsauswirkungen lassen sich gemäss Bafu meist nicht genau bestimmen.

«Elektrosensibilität ist ein subjektiver Begriff: Der Patient hat Beschwerden und vermutet, dass sie durch Elektrosmog verursacht werden», sagt Peter Kälin, Präsident des Vereins Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz.

Die möglichen Risiken der Mobilfunkstrahlung beunruhigen aber auch viele Leute ohne Beschwerden. So etwa Christoph Thomet. «Die vier Meter hohe Mobilfunkantenne auf dem Giebel des Nachbargebäudes löste bei mir Unbehagen aus.» Thomet und seine Familie renovieren in Derendingen SO ein Einfamilienhaus. Der 36-jährige Sozialwissenschaftler will alles richtig machen. Er holte sich Rat bei einer auf Elektrosmog spezialisierten Firma.

«Abstand von Bett und Sofa»

Markus Gugler aus Deitingen SO berät Private und Firmen im Zusammenhang mit nichtionisierender Strahlung. Schon mit einfachen Mitteln lasse sich viel erreichen: «Möbel wie Bett oder Sofa, wo wir uns längere Zeit aufhalten, sollten möglichst weit entfernt von der Strahlenquelle platziert werden», sagt Gugler. Am meisten überrasche seine Kunden, dass heute ein Grossteil der elektromagnetischen Strahlung nicht von aussen eindringt, sondern hausgemacht ist. Geräte wie etwa Kochherd, Haartrockner oder Bügeleisen erzeugen örtlich starke Magnetfelder. «Man ist dieser Strahlung nur kurz ausgesetzt. Ausserdem nimmt sie mit zunehmendem Abstand rasch ab.»

Markus Gugler, Elektrosmog-Spezialist
Quelle: Giorgia Müller

Anders bei der Elektroinstallation oder bei Geräten im Dauerbetrieb: Bei Radioweckern, Ladegeräten und Lampen mit Transformator empfiehlt Gugler einen Meter Abstand. Stark strahlen können Funktelefone im Dauerbetrieb, Funklautsprecher und Drahtlosnetzwerke. «Wenn man das WLAN nur dann einschaltet, wenn man es braucht, hat man schon viel zur Senkung der Strahlenbelastung im Haushalt beigetragen.»

Telefonieren: So strahlt es weniger

  • Telefonieren Sie mit einer Freisprecheinrichtung (Kopfhörer, Headset), um die Strahlung am Kopf zu reduzieren. Tragen Sie dabei das Handy in der Gürtel- oder in der Seitentasche. Auch drahtlose Freisprecheinrichtungen mit einem Bluetoothsender sind geeignet und empfehlenswert.
  • Telefonieren Sie möglichst im UMTS-Modus (auf dem Handy angezeigt wird «3G»). Dazu benötigen Sie ein UMTS-fähiges Handy. Im UMTS-Modus strahlt es etwa 100-mal schwächer als im «üblichen» GSM-Betrieb (angezeigt wird «2G»).
  • Telefonieren Sie kurz. Oder: Schreiben Sie eine SMS oder benutzen Sie das Schnurtelefon.
  • Telefonieren Sie möglichst nur bei guter Empfangsqualität (das Display zeigt die Signalstärke an).
  • Halten Sie beim Aufbau der Verbindung das Telefon noch nicht ans Ohr, weil es dann mit voller Leistung sendet (im UMTS-Betrieb ist diese Massnahme unnötig).
  • Achten Sie beim Kauf des Mobiltelefons darauf, dass der «Strahlungswert» SAR klein ist oder kaufen Sie ein UMTS-Gerät.
Veröffentlicht am 21. Juli 2015