Ich lebe am Ort mit der schönsten Aussicht der Welt. Die paar Stufen von der Hauptstrasse hier herauf sind zwar steil, aber ich schaffe sie auch noch mit 101 Jahren. Der Blick über den Lago Maggiore ist einmalig.

Ich bin mit meiner Frau hierher­gezogen, das ist lange her. Als ich 80 war, starb sie. Ich dachte mir: Das kann es doch noch nicht gewesen sein! Ich machte mich auf die Suche und lernte eine andere Frau kennen. Mit ihr wanderte ich nach Spanien aus, blieb zehn Jahre dort. Dann wurde es mir zu kompliziert. Ich kam zurück in die Schweiz. In dieser Zeit habe ich viele Kontakte hier im Tessin verloren.

Neben Spanisch spreche ich Französisch, Italienisch, Englisch und Romanisch. Die Sprachen kommen mir aber langsam abhanden, weil ich sie nicht mehr brauche. Deshalb schaue ich jeweils nach den deutschen noch die Nachrichten auf Rumantsch.

«Googeln ist für mich kein Fremdwort»

Die Krise in der Ukraine? Das ist nichts, nichts im Vergleich zu den Weltkriegen! Ich habe 835 Diensttage, war Panzer­wagenfahrer. Nach dem Krieg war nichts mehr, wie es war, auch in der Schweiz nicht. Am meisten gemerkt hat man das daran, dass es fast keine sicheren Jobs mehr gab.

Ich glaube, dass es mir heute noch so gut geht, weil ich immer dazugelernt habe. Neue Sprachen, ein neues Land, vor allem die Technologie. Als gelernten Maschinenschlosser und Inhaber eines Radio- und TV-Geschäfts hat sie mich immer ­interessiert. Ich besitze selbstverständlich einen topmodernen Fernseher und habe Internet. Googeln ist für mich kein Fremdwort.

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Immer wieder höre ich von Menschen, die vielleicht 70 sind und sich ­davor fürchten, alt zu werden. Sie tun mir leid. Sie machen sich das Leben ­unnötig schwer. Wieso Angst haben? Es kommt eh, wie es muss, und es wird nicht besser, wenn man sich fürchtet. Manchmal muss man seinem Glück auf die Sprünge helfen. Ich bin sicher, dass es gut ist, wenn man im Leben gearbeitet hat und auch im Alter noch etwas tut. Der Mensch braucht das.

«Wenn ich alt und verwirrt bin...»

Ich lebe allein. Eine liebe Frau aus ­einem Nachbardorf kauft für mich ein, putzt und kocht. Sie macht die beste ­Salatsauce der Welt! Seit zwei Jahren hilft sie mir auch bei der Buchhaltung. Ich bezahle sie für ihre Arbeit. Und sie fährt mich, wenn ich irgendwo hinmuss – ­immerhin in meinem eigenen Auto, das habe ich nicht weggegeben.

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Es ärgert mich, dass ich nicht mehr fahren darf. Den Führerschein habe ich ab­gegeben, mit 89, nach 67 Jahren. TCS-Mitglied bin ich noch immer. Sicher das älteste!

An meinem 100. Geburtstag habe ich eine grosse Party bei mir zu Hause veranstaltet, über 70 Leute sind gekommen, Familie, Freunde aus dem Dorf, Kollegen aus dem Chor, bei dem ich ­Tenor singe. Inzwischen trage ich zwar ein Hörgerät, aber sonst ist alles original an mir. Künstliche Gelenke, das habe ich zum Glück nie gebraucht.

Ein Jahrhundert lang leben, das ist eigentlich viel zu lang. Auch wenn ich weiss, was in der heutigen Welt passiert – ich lebe in zwei Zeiten. Die ­Jahre des Krieges, meiner Jugend, das ist alles sehr präsent. Aber ich lebe auch heute gern, vor allem lebe ich gern hier im Tessin. Erst wenn ich einmal alt und verwirrt bin, möchte ich nicht mehr hier sein. Einfach einschlafen oder eine ­Tablette schlucken. Aber das ist im ­Moment kein Thema.

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Alter Mann
Quelle: Thinkstock Kollektion