Beobachter: Herr Brenneisen, seit über 30 Jahren erforschen Sie die Cannabispflanze. Was hat Sie am meisten überrascht?
Rudolf Brenneisen:
Dass unser Körper selber cannabinoidähnliche Stoffe bildet und über spezielle Rezeptoren verfügt, wo diese andocken. Cannabinoide sind der Hauptwirkstoff der Pflanze.

Beobachter: Der Mensch ist also auf den Konsum von ­Cannabis eingestellt?
Rudolf Brenneisen:
Er reagiert jedenfalls stark auf bestimmte Cannabinoide, zum Beispiel Tetrahydrocannabinol (THC). Leider haben wir uns in der öffentlichen Debatte zu stark auf die psychotropen Effekte von Cannabis konzentriert, auf den Konsum als Droge. Heute ist wissenschaftlich belegt, dass die Pflanze auch gegen viele Beschwerden und Krankheiten helfen kann.

Beobachter: Bekannt ist, dass Cannabis schmerzlindernd und krampflösend wirkt. Das schaffen viele ­Medikamente auch. Wozu braucht es dann noch Cannabis?
Rudolf Brenneisen:
Er ist relativ günstig und hat kaum schwerwiegende Nebenwirkungen. Anders als bei klassischen Schmerzmitteln sind auch ­keine Todesfälle durch Überdosierung ­bekannt.

Beobachter: Die Patienten werden aber high.
Rudolf Brenneisen:
Das kann tatsächlich ein Problem sein. Schmerzpatienten wollen ja möglichst schmerzfrei und nicht ständig bekifft sein. Dafür gibt es aber Lösungen. Oft erzielt man die gewünschte Wirkung bereits mit einer relativ kleinen Dosierung, bevor ein psychotroper Effekt einsetzt. Zudem gibt es mittlerweile spezielle Cannabiszuchten mit einem hohen Anteil an Cannabidiol. Das reduziert den High-Effekt des THC stark.

Beobachter: Solche Produkte sind in der Schweiz aber nur einer kleinen Gruppe von Schwerstkranken über eine Sonderbewilligung des Bundesamts für Gesundheit zugänglich. Zudem werden sie von den Krankenkassen oft nicht bezahlt. Die THC-intensive Cannabisblüte ist sogar ganz verboten. Ein Fehler?
Rudolf Brenneisen:
Ja. Verschreibungsfähig ist praktisch nur reines THC. Das ist allerdings exorbitant teuer. Cannabis wurde eben über Jahrzehnte als Droge dämonisiert. Jetzt geht es darum, den Einsatz als Heilpflanze Schritt für Schritt zu entstigmatisieren. Andernfalls verzichten wir auf ein sehr wertvolles Medikament mit einem enormen therapeutischen Potential.

Beobachter: Tausende Patienten werden in die Illegalität gedrängt, um sich Cannabis zu beschaffen. Was ist zu tun?
Rudolf Brenneisen:
Wir müssen klar unterscheiden zwischen dem medizinischen Einsatz und dem Freizeitkonsum von Cannabis. Die Bevölkerung hat 2008 eine Liberalisierung von Cannabis als Droge an der Urne verworfen. Das gilt es zu respektieren. Die Politik und das Bundesamt für Gesundheit haben es aber in der Hand, die Verschreibung von medizinischem Hanf zu vereinfachen, ohne einen Missbrauch zu riskieren.

Beobachter: Wie soll das gehen?
Rudolf Brenneisen:
Der standardisierte, qualitativ abgesicherte Medizinalhanf wird immer etwas teurer sein als Gras, das auf der Gasse verkauft wird. Das macht es für den Freizeitkonsum wenig interessant. Auch das Problem von Missbräuchen liesse sich lösen: mit einer Kreditkarte für Cannabis, zusätzlich zum Betäubungsmittelrezept. Der Bezug würde so in Apotheken genau erfasst. Es braucht zudem streng kontrollierte Hersteller von Cannabis. Solche gibt es schon, zum Beispiel den staatlich lizenzierten Produzenten Bedrocan in Holland.

Beobachter: Würde die Bevölkerung «Cannabis auf Rezept» überhaupt akzeptieren?
Rudolf Brenneisen:
Da bin ich mir sicher. Es wäre ja auch nicht völlig neu. Cannabispräparate wurden über Jahrtausende als Medikamente eingesetzt. Bis 1970 wurde Cannabiskraut sogar im amtlichen Schweizer Arzneibuch geführt. Ich selber hatte in meinem Apothekenpraktikum daraus noch Arzneien hergestellt – gegen Hühneraugen.

Macht Cannabis dumm?

Die bisher wohl aussagekräftigste Studie über Cannabiskonsum und geistige Leistungsfähigkeit sorgte letzten August für falsche Schlagzeilen. Kiffen mache dumm, war oft zu lesen. Richtig aber ist: Bei erwachsenen Konsumenten wurden kaum Defizite festgestellt. Für die Studie hatten amerikanische Forscher von 1973 an 1037 Bewohner der neuseeländischen Stadt Dunedin begleitet und die Auswirkungen von Cannabis auf ihr Denken untersucht. Die Forscher fanden Probleme der Lernfähigkeit sowie Konzentrations- und Gedächtnis­störungen bei Studienteilnehmern, die im Jugendalter Cannabis zu konsumieren begonnen hatten und 20 Jahre oder mehr bei ihrer Gewohnheit blieben. Bei Ein­steigern im Erwachsenenalter hingegen stellten sie keine Beeinträchtigungen fest. Damit stützt die Studie Erkenntnisse, laut denen das Hirn Jugendlicher besonders empfindlich auf Drogen wie Cannabis, Nikotin und Alkohol reagiert, während das Gehirn Erwachsener zwar durch Alkoholkonsum, nicht aber durch den Cannabis geschädigt werden kann.

Andere Untersuchungen zeigen ein gehäuftes Auftreten von Psychosen bei regelmässigen Cannabiskonsumenten. Einiges deutet darauf hin, dass Menschen mit entsprechender Veranlagung auch häufiger Cannabis konsumieren. Die Droge könnte somit Auslöser der Krankheit sein, nicht aber Ursache.

Kaum gesicherte Erkenntnisse gibt es für Organschädigungen durch Cannabiskonsum. Wer das Kraut raucht, belastet aber die Lunge und erhöht so das Risiko, an Krebs zu erkranken. Welche Rolle Cannabis neben dem meist mitverbrannten Tabak spielt, ist allerdings unklar. Einerseits enthält der Rauch von Cannabis bis zu 20-mal mehr Ammoniak und fünfmal mehr Blausäure als Tabak. Anderseits gibt es Hinweise auf eine krebshemmende Wirkung von Cannabis.