Über Probleme mit dem Beckenboden redet frau nicht gern. Es geht um Blasen- oder Darmentleerung, um Inkontinenz, Senkungsgefühle in der Vagina. «Häufig beginnt das nach einer Geburt», sagt Gabriel Schär, Direktor der Klinik für Gynäkologie am Unispital Zürich. Auch Übergewicht, angeborene Bindegewebsschwäche oder häufiges Heben schwerer Lasten schwächen den Beckenboden. Fast jede zweite Frau erleidet irgendwann zumindest eine leichte Schwächung des unterstützenden Muskels.

Die Muskulatur zwischen den Beckenknochen ist handtellergross und nur einen Zentimeter dick. Sie stützt von unten Gebärmutter, Blase und Darm und hilft, Harnröhre und Darm zu schliessen (siehe Infografik zur Anatomie). Sie ist ständig leicht angespannt, nur beim Wasserlassen und beim Stuhlgang entspannt sie sich, zudem beim Liegen. Wenn die Grundspannung dieser Muskulatur nachlässt, kann es bei körperlicher Anstrengung, Niesen oder Husten zu einer sogenannten Belastungsinkontinenz kommen.

Bei vielen Frauen senkt sich aber auch die Blase oder die Gebärmutter, nicht selten sogar aus der Vagina heraus (siehe Infografik zur Gebärmuttersenkung). Erste Symptome sind oft ein Druckgefühl im Beckenboden oder Kreuzschmerzen durch die Dehnung der Gebärmutterbänder.

Ab in die Physio

Zum Glück lässt sich die Muskulatur durch gezieltes Training wiederaufbauen. Die meisten Betroffenen versuchen es zunächst mit Apps oder Büchern. Studien zeigen aber, dass das angeleitete Beckenbodentraining Beckenbodentraining Die Kraft, die aus der Mitte kommt einen grösseren Effekt hat. Fast jede zweite Frau hat Mühe, ihren Beckenboden richtig zu spüren.

Die Ergotherapeutin Monika Conus von der Praxisgemeinschaft Wirbelteam in Solothurn schickt Patientinnen daher zu einer Physiotherapeutin oder einer Hebamme mit Zusatzausbildung für Beckenbodenrehabilitation. «Sie kennen das starke Schamgefühl der Frauen bei Senkungsbeschwerden und Inkontinenz. Sie zeigen ihnen, wie sie den Beckenbodenmuskel gut und gezielt trainieren können», sagt Conus. Die Grundversicherung übernimmt auf ärztliche Verordnung bis zu neun Sitzungen.

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Klare Verbesserung

In vielen Fällen lohnt sich die Mühe. «Bei Belastungsinkontinenz erzielen wir beachtliche Erfolge», sagt Gabriel Schär vom Unispital Zürich.

Bei der Senkung hängt der Effekt vom Schweregrad ab – von 1 (leichte) bis 4 (schwere Senkung). «Mit gutem Training lässt sich der Senkungsgrad um mindestens eine Stufe verbessern», sagt Cornelia Betschart vom Beckenbodenzentrum am Unispital Zürich. «Das Senkungsgefühl ist bei einer Verbesserung auf Grad 2 häufig nicht mehr da, und die Frauen sind in der Lebensqualität nicht mehr eingeschränkt.» Aber ohne Übung kein Erfolg: Tägliches, auf die individuelle Situation angepasstes Training ist sinnvoll, rät Betschart.

Gebärmuttersenkung: Die 4 Schweregrade

Die Infografik zeigt vier Senkungsgrade der Gebärmutter, von der leichten bis zur schweren Senkung.
Quelle: Infografik: Andrea Klaiber

Therapeutische Pessare entlasten

Falls das Beckenbodentraining allein keine befriedigende Besserung bringt, kann mit therapeutischen Pessaren aus Silikon unterstützt werden. Sie werden in die Scheide eingelegt und heben die Organe an. «Die Frau merkt sofort, dass nichts mehr drückt und das Wasserlassen verbessert Blasenschwäche Die Angst, dass es in die Hose geht ist», sagt Gabriel Schär. Viele Betroffene tragen Würfelpessare nur tagsüber.

Betagte nutzen oft Ring- oder Schalenpessare, die nur alle sechs bis acht Wochen gewechselt werden. «Gerade bei der Senkung entlasten Pessare nicht nur die Beckenbodenmuskulatur, sondern können auch die Wirksamkeit der Physiotherapie verstärken», sagt Cornelia Betschart. Bei Belastungsinkontinenz helfen Ringpessare mit einer Noppe, sie verbessern zusätzlich den Verschluss der Harnröhre.

Anatomische Ansicht des Beckens

Die Infografik zeigt die Anatomie des weiblichen Beckens und der Gebärmutter.
Quelle: Infografik: Andrea Klaiber

Letzte Option: Die Operation

Erst wenn der Leidensdruck trotz Beckenbodentraining und Pessar zu belastend ist, kommt eine Operation ins Spiel. Operativ angebrachte Kontinenzbänder gegen Urinverlust heilen eine Belastungsinkontinenz in 90 Prozent der Fälle und gelten seit 20 Jahren als sicher. Bei einer Senkung wird das schlaffe Muskel- und Bindegewebe gestrafft und im kleinen Becken neu befestigt, sodass die Organe wieder ihre natürliche Position erhalten.

«Bei grösserem Rückfallrisiko können sich senkende Organe auch mit einem Netz stabilisiert werden», sagt Gabriel Schär. Je nach Situation erfolgt der Eingriff durch die Vagina oder mit einer Bauchspiegelung. Gynäkologe Gabriel Schär empfiehlt, dazu eine auf Senkungsoperationen spezialisierte Klinik zu suchen. «Die modernen Verfahren haben in geübter Hand geringe Rückfallraten, wenig Nebenwirkungen und können gebärmuttererhaltend durchgeführt werden.»

Weitere Infos

Therapeutinnen und Therapeuten mit Zusatzausbildung Beckenbodenphysiotherapie: www.pelvisuisse.ch

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Jasmine Helbling, Redaktorin

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