Frank Herbert war seiner Zeit voraus. Als in seinem Science-Fiction-Roman «Dune» 1965 ein handliches Gerät auftauchte, auf dem man durch Wischen über den Bildschirm Buchseiten umblättern konnte, hatten Computer die Grösse eines Kleiderschranks. Was damals noch niemand ahnen konnte: Seit ein paar Jahren mischt Herberts Utopie tatsächlich den Büchermarkt auf. Als «E-Reader».

Das Merkmal des E-Readers ist die elektronische Tinte, E-Ink genannt. Sie ermöglicht scharfe und kontrastreiche Textdarstellungen. Weil diese Bildschirme nicht selber leuchten, ist das Lesen ähnlich angenehm wie bei einem Buch. Und die Akkus halten so lange, dass ihre Laufzeit nicht in Stunden, sondern in Wochen oder Seitenzahlen angegeben wird. Letzteres deshalb, weil E-Ink nur für den Bildaufbau ­Ener­gie braucht, nicht aber für die Aufrecht­erhaltung einer Anzeige. So braucht man nur eine Akkuladung, um die vollständige «Herr der Ringe»-Trilogie lesen zu können – und zwar zweimal. Auch der Speicherplatz spricht für ­einen E-­Reader: Darauf findet nicht nur der ­Ferienschmöker, sondern eine kleine Bibliothek Platz.

Damit der Einstieg in das digitale Lesevergnügen glückt, müssen allerdings ein paar Dinge beachtet werden.

Ringen um Lizenzrechte und Dateiformate

E-Books werden in unterschiedlichen Dateiformaten angeboten, und es gibt kein Gerät, das alle Formate lesen kann. Allen voran marschiert der Kindle von Amazon: Schnelles Umblättern, dazu eine gute Hintergrundbeleuchtung fürs Lesen im Dunkeln, starker Kontrast und eine ausgefeilte Software sprechen für die Nummer eins auf dem Markt. Der Nachteil ist, dass Kindle-Geräte nur bei Amazon gekaufte Bücher und PDF-Dateien darstellen können. Verweigert ein Verlag Amazon die Zusammenarbeit – und das kommt vor –, bleiben Kindle-Besitzer aussen vor. Dem versucht das Unternehmen Amazon wiederum Gegensteuer zu geben, indem es ein­zelne ­Autoren exklusiv unter Vertrag nimmt.

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Etwas nervig ist beim Kindle Paperwhite 2, das seit 2013 auf dem Markt ist, dass sich seine Hintergrund­beleuchtung nur auf eine sehr niedrige Stufe herunterdimmen, aber nicht ganz ausschalten lässt. Für empfindliche Augen ist der Vorteil eines unbeleuchteten E-Ink-­Displays also dahin.

Konkurrenz für Marktführer Kindle

Offener und dem Kindle dicht auf den Fersen ist die von deutschen Buchhändlern ins Leben gerufene Tolino-Serie. Sie unterstützt das Dateiformat EPUB, das jeder frei verwenden kann und von allen anderen E-Readern ausser Kindle im Test unterstützt wird. Gegen den etwas älteren Tolino Shine spricht, dass der Bildschirm ein kaltes, unnatürliches Licht ausstrahlt.

Sein Nachfolger Tolino Vision macht das schon deutlich besser, kommt aber noch nicht ganz an die Bildqualität des Kindle Paperwhite 2 heran. Ebenfalls gute Kritiken erhält der PRS-T3 von Sony, dem allerdings eine Hintergrund­beleuchtung fehlt.

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Interessant für Platzsparer ist der Kobo Aura, der mit 15 Zentimetern Länge gute zwei Zentimeter weniger misst als die Reader von Tolino und Amazon. Für Strandleser empfiehlt sich der neue Tolino Vision 2, der wasserdicht versiegelt ist und dem deshalb auch das eine oder andere Sandkorn nichts anhaben dürfte.

Spannend bleibt es in diesem jungen und umkämpften Markt auf jeden Fall. So plant Amazon im deutschsprachigen Raum die Einführung von Flatrates für E-Books. Die Startauswahl wird mit etwa 70'000 deutschsprachigen Büchern zwar noch relativ klein sein, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

E-Reader im Vergleich

 BildschirmSpeicher Akkulaufzeit GewichtGrösse in cmBesonderheiten Circapreis
Trekstor Pyrus 2 LED geringe Auflösung2 GB35'000 Seiten205 g18 x 11 x 1,0unzuverlässig, nur wenige FunktionenCHF 80.–
Tolino Shine etwas «kaltes» Licht2 GB35'000 Seiten183 g18 x 12 x 1,0Gutes Preis-Leistungs-VerhältnisCHF 119.–
Kobo Glogute Ausleuchtung2 GB30'000 Seiten185 g16 x 11 x 1,0Speicher erweiterbarCHF 148.–
Kobo Auraeher dunkel3,2 GB30'000 Seiten174 g15 x 11 x 0,9verglaste OberflächeCHF 148.–
Kindle, Paperwhite 2 sehr gut, kontrastreich1,3 GB45'000 Seiten208 g17 x 12 x 1,0nur Amazon-Bücher, Speicher nicht erweiterbar, grosser Funktionsumfang CHF 159.–
Tolino Vision 2gut, mit dem Kindle vergleichbar2 GB35'000 Seiten174 g16 x 11 x 0,8wasserdicht, kostenloser 25-GB-Speicher in der CloudCHF 159.–
Sony PRS-T3keine Beleuchtung1,2 GB30'000 Seiten194 g16 x 11 x 1,2Schutzhülle nicht abnehmbarCHF 200.–
Pocketbook Color LuxFarben unscharf3,2 GB40'000 Seiten359 g20 x 17 x 1,1Farbdisplay wirkt unausgereiftCHF 259.–
iPad Mini 3Apple-«Retina» mit Multi-Touch16 GBca. 10 Stunden 331 g20 x 13 x 0,8Tablet, kein E-InkCHF 439.–
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E-Books und ihre Möglichkeiten

Noch gleichen E-Books stark ihren papierenen Vor­-gängern. Doch die Elektronisierung des Buchs eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, die Texte multimedial zu ergänzen und anzureichern. Die Entwicklung steht erst am Anfang und könnte das Bücherlesen künftig revolutionieren.

Die Darstellungsmöglichkeiten von E-Readern sind noch sehr eingeschränkt. Text, ein paar einfache Darstellungen in Graustufen – das wars. Deshalb sehen E-Books auch genauso aus wie ihre analogen Zwillinge. Immerhin gibt es auf den E-­Readern Wörterbücher, die bei anspruchsvoller Literatur oder fremdsprachiger Lek­türe hilfreich sein können.

Die Hersteller von E-Readern bemühen sich, gegenüber den leistungsfähigeren Tablets aufzuholen. So sind in den vergangenen zwei Jahren Möglichkeiten zum Surfen und Installieren von Apps hinzugekommen. Unproblematisch ist das nicht, glaubt man einer 2013 erschienenen Studie der Universität Hamburg. Demnach könnte die Möglichkeit, Facebook & Co. auf E-Readern zu nutzen, dazu führen, dass die Lesezeit auf E-Books zuguns­ten des Surfens im Internet sinkt.

Um dies zu vermeiden, bieten sich viele Möglichkeiten an. Buchshops könnten ­thematische Sammlungen ­kleiner Lesemuster anbieten, E-Books liessen sich mit Extras ausstatten: zuschaltbare Kommentare des Autors, Lesemuster nicht nur für eines seiner Bücher, sondern für alle, gemeinsames Lesen mit Freunden oder Fremden per Chatfunktion. ­Autoren müssten sich nicht mehr für ein Ende entscheiden, sondern können gleich alle drei oder auch alle 20 Versionen mitliefern. Reale Schauplätze könnten auf einer Karte eingezeichnet werden. So würde im riesigen «Herr der Ringe»-Universum zum ­Beispiel eine Art virtuelles GPS auf einer zuschaltbaren Karte laufend anzeigen, wo die Handlung gerade spielt.

Dazu kommen Möglichkeiten im Storytelling, die es zurzeit nur auf Tablets und im Web gibt. Sie könnten einen ­frühen Vorgeschmack bieten auf das, was noch kommen wird. Ein besonders schönes Beispiel ist die für das iPad erhältliche Kindergeschichtensammlung «The Land of me: Story time». Kindern ab vier Jahren erzählt sie in mit Text angereicherten Trick­filmen Abenteuer, bei denen der Leser selbst entscheiden muss, wie es weitergehen soll. Wer ­dazu noch die

kleinen Rätsel lösen kann, bekommt in Kombination 27 verschiedene Geschichten erzählt. Die App ist auch ­i­n Deutsch erhältlich.

Nicht für Kinder geeignet ist die atmosphärische Multi­mediareportage «Mein Vater, ein Werwolf». Der Journalist Cordt Schnibben erzählt darin von der SS-Vergangenheit seines Vaters. Der von unten nach oben laufende Text ist mal von Musik unterlegt, mal mit Radiomitschnitten kombiniert. Bilder im Stil einer Graphic Novel erzählen die Geschichte nur weiter, wenn der Leser mit der Maus beständig weiterscrollt. So steuert er mit jeder Maus­bewegung auf das unausweichliche Drama zu und hat am Ende das Gefühl, den Abzug der Pistole selbst zu ziehen.