Man muss sich nur bei Coop und Migros umsehen und weiss: Fairtrade funktioniert. Über 2800 faire Produkte sind im Handel, bei Ananas beträgt der Marktanteil 35 Prozent, bei Bananen 54 Prozent, beim Rohrzucker 95 Prozent. In der Schweiz werden faire Produkte für mehr als 770 Millionen Franken verkauft. Das sind dreimal mehr als vor zehn Jahren und 16-mal mehr als vor zwanzig Jahren – eine der wenigen Erfolgsgeschichten im kriselnden Detailhandel.

Gebana streicht das Wort «fair»

Doch ausgerechnet jetzt, wo sich das Engagement bezahlt macht, streicht die Schweizer Pionierin Gebana das Wort «fair» von ihren Produkten. Warum das? «Das Wort suggeriert, dass alles in Ordnung sei. Das ist es aber nicht, weder bei uns noch bei den anderen», sagt Geschäftsführer Adrian Wiedmer. «Hinzu kommt, dass viele Händler und Marken, die sogenannte faire Produkte verkaufen, nichts an ihrem Verhalten geändert haben, ihren Profit maximieren und die Mindeststandards ausreizen.»

Vermarktete Armut

Fairtrade Max Havelaar & Co. Warum wir fairer einkaufen als die Deutschen startete in den siebziger Jahren als politische Bewegung und erschien als Weg, die Armut in den Ländern des Südens zu bekämpfen. Es war das Gegenmodell zum traditionellen Handel, der Reiche reicher macht und Arme in immer neue Abhängigkeiten zwingt. Die grossen Hoffnungen haben sich nur zum Teil erfüllt. Den idealistischen Anfängen folgte eine ernüchternde Realität.

Der senegalesische Ökonom Ndongo Samba Sylla fasste diese Kritik vor vier Jahren in seiner Kampfschrift «Der Fairtrade-Skandal» zusammen. Fairtrade sei bestimmt eine grosszügige Geste der Solidarität, aber man vermarkte Armut zum Profit der Reichen, schrieb er. Vom höheren Preis, den die Konsumenten bezahlen, fliesse nur verschwindend wenig an die Produzenten in den Entwicklungs- und Schwellenländern. So wenig, dass niemand ernsthaft behaupten könne, damit lasse sich Armut bekämpfen. Es profitierten der Reihe nach: Grosshändler, Supermärkte, Fairtrade-Organisationen.

Mehr Gewinn dank Label «fair»

Eine Studie des Zentrums für Entwicklung und Zusammenarbeit (Nadel) der ETH Zürich, die alle unabhängigen Untersuchungen berücksichtigte, zog ähnliche Schlüsse: Der wirtschaftliche Effekt liege im Bereich des Grundrauschens, sei kaum nachweisbar. Trotzdem bleibe Fairtrade nicht ohne Wirkung: Die Bauern sind messbar produktiver, sie übernehmen mehr Selbstverantwortung, die Arbeitsbedingungen sind besser, Kinderarbeit ist seltener und die Produktion verträglicher für die Umwelt.

Die Kritik hat hinter den Kulissen heftige Diskussionen ausgelöst. Seit Jahren wird fieberhaft nach Wegen gesucht, wie sich die Fehlentwicklungen korrigieren lassen. «Wir können ja nicht weitermachen, als sei nichts geschehen. Sonst wird uns in ein paar Jahren die Rechnung dafür präsentiert», sagt Gebana-Geschäftsführer Wiedmer. Problematisch sei insbesondere das Verhalten grosser Konzerne und Marken. Sie benutzten das Label «fair», um die Marge zu erhöhen und mehr Gewinn einzustreichen, ohne sich um das Prinzip zu scheren. 

So verkauft der Handelsgigant Olam zwar Fairtrade-Cashews, ist aber auch der grösste Exporteur afrikanischer Rohnüsse, die er in Asien verarbeiten Transport um die halbe Welt Der Irrsinn mit den Cashewnüssen lässt. Das ist ökologisch fragwürdig und hat in Afrika Zehntausende Arbeitsplätze vernichtet. «Wenn sich alles nur um den Preis dreht und jede politische oder ganzheitliche Dimension fehlt, geht der Kern des Fairtrade-Gedankens verloren», sagt Wiedmer.

Gewinnbeteiligte Bauern

Seine Firma geht nun einen anderen Weg und führt ein neues Fairtrade-Modell ein. Das Ziel: mehr Wirkung, weniger Armut. Heute erhalten Fairtrade-Bauern Prämien auf den lokalen Marktpreis und die Garantie, dass ihnen ihre Produkte langfristig abgekauft werden. Im neuen Gebana-Modell erhalten sie zusätzlich zehn Prozent des Schweizer Verkaufspreises. Und wenn Gebana Gewinn macht, wird er zu gleichen Teilen an Mitarbeitende im Norden und Süden, Kleinbauern und – über Preisnachlässe – an Konsumenten weitergegeben. 

Das verändert das Spiel von Grund auf, wie das Beispiel der Cashews zeigt: Im konventionellen Fairtrade-System erhalten die Bauern pro Kilo Fr. 0.35 mehr als den lokalen Marktpreis, bei Gebana werden es nun Fr. 3.60 sein. Gebana verteilt die Prämie an alle 2700 zertifizierten Bauernfamilien in Burkina Faso. Das bedeutet: Sie werden bei gleicher Produktion jährlich einen landesüblichen Monatslohn mehr verdienen.

Das soll auch mithelfen, die Landflucht zu bremsen – eines der grossen Probleme Afrikas. «Wir wollen jungen Menschen zeigen, dass es sich lohnen kann, Landwirtschaft zu betreiben», sagt Linda Dörig, Gebana-Projektleiterin in Burkina Faso. Dazu gehöre auch, vermehrt in die Ausbildung der Bauern zu investieren. «Wenn wir es schaffen, die Produktion anzukurbeln, profitieren sie am meisten.» Denn mit Bio kann die Produktionsmenge pro Fläche sinken und damit – trotz Extraprämien – auch der Verdienst.

Mehr als Mindestpreise

Ist ein so ambitioniertes Modell nicht wirtschaftlicher Selbstmord für ein Unternehmen, das bis vor drei Jahren noch gar keinen Gewinn erzielte? Es habe diese Befürchtungen im Verwaltungsrat gegeben, bestätigt Geschäftsleiter Adrian Wiedmer. «Aber wenn wir Begeisterung auslösen und neue Kunden dazugewinnen, geht unsere Rechnung auch wirtschaftlich auf.» 

Um Erfahrungen zu sammeln, führe man das neue Modell nur schrittweise ein: diesen Sommer mit Mango und Cashews aus Burkina Faso, Ende Jahr sollen Zitrusfrüchte aus Griechenland folgen, nächsten Frühling Kakao und Ananas aus Togo.

«Wenn wie bei der Schokolade 90 Prozent der Wertschöpfung in der Schweiz stattfindet, wird die Wirkung von Fairtrade sehr beschränkt»

Philipp Scheidiger, Geschäftsführer von Swiss Fair Trade

«Viele Konsumentinnen und Konsumenten haben vor allem Mindestpreise und Prämien wahrgenommen, obwohl man schon lange weiss, dass das nur ein Teil von Fairtrade ist», sagt Philipp Scheidiger, Geschäftsführer von Swiss Fair Trade. «Wir diskutieren laufend, wie wir die Wirkung von fairem Handel verbessern können, und begrüssen es, wenn jemand ein neues Modell konkret ausprobiert.» Was auf dem Papier gut aussehe, funktioniere in der Praxis nicht immer.

Wichtig sei für die Fairtrade-Bewegung auch, weitere Produktekategorien wie Electronics aufzunehmen und die Verarbeitung von Produkten vermehrt in den Süden zu tragen. «Wenn wie bei der Schokolade 90 Prozent der Wertschöpfung in der Schweiz stattfindet, wird die Wirkung von Fairtrade sehr beschränkt», sagt Scheidiger. «Mit ein paar Rappen mehr kann man die Lebensbedingungen von Bauern nicht nachhaltig verbessern. Es braucht weitere unterstützende Aktivitäten.»

Verbessertes Umfeld

Eigene Wege beschreiten auch der Detailhändler Claro mit seinem Förderfonds und der Textilproduzent Remei (mit der Marke Naturaline von Coop) mit der Stiftung BioRe. Sie bauen Schulen, fördern den Biolandbau, unterstützen Gesundheitseinrichtungen, vergeben Kleinkredite für den Anbau und die Verarbeitung neuer Produkte.

Bei allen Verbesserungen dürfe man nicht vergessen, wie wichtig es sei, 
den Verkauf von Fairtrade-Produkten weiter anzukurbeln, sagt Elie Peter 
von der Max-Havelaar-Stiftung, die das Label Fairtrade in der Schweiz vergibt. «Unser Ziel ist es, dass möglichst viele Kleinproduzenten in Entwicklungs- und Schwellenländern profitieren und möglichst viele Konsumenten leichten Zugang zu Fairtrade-Produkten zu erschwinglichen Preisen erhalten.» Deshalb sei es ein Ziel von Max Havelaar, fair gehandelte Produkte über kleine und grosse Handelspartner breiten Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen. Denn: je höher die Produktion, desto günstiger die Verarbeitung und desto konkurrenzfähiger die Preise.

Es wäre falsch, heile Welt vorzugaukeln. Der faire Handel sei ein Prozess, sagt Peter weiter. «Wir wollen die Lebensbedingungen möglichst vieler Menschen nachhaltig verbessern.»

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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

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