Für Kunststein-Küchenplatten riskieren Arbeiter ihr Leben
Küchenplatten aus Kunststein sind schön. Doch die Verarbeitung von Quarzit und Kunststein kann das Leben der Arbeiter gefährden, die sie herstellen.

Veröffentlicht am 16. September 2026 - 05:00 Uhr

Schön, teuer, gefährlich: Küchen-Arbeitsplatte aus Kunststein
Es gibt sie in verschiedenen Farben und Tönungen, wie sie reine Natursteinplatten nicht hergeben: Arbeitsplatten aus Quarzkomposit. Sie wirken elegant, werten Küchenzeilen auf und erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Doch das hat seinen Preis, nicht nur im Portemonnaie, sondern auch hinsichtlich der Gesundheit derjenigen, die sie verarbeiten.
Das Material besteht zu mindestens 90 Prozent aus gemahlenem Quarzit, einem Naturstein, sowie Kunstharzen und Farbpigmenten. Beim Schneiden, Schleifen und Polieren werden Silikate freigesetzt, die zur Lungenkrankheit Silikose, der sogenannten schwarzen Lunge führen können. Dasselbe gilt für natürliche Quarzitplatten, die allerdings selten einen so hohen Silikatanteil aufweisen wie die Kompositplatten.
65 Lungentransplantationen
Betroffen sind vor allem Arbeiter, die in der Herstellung und Verarbeitung solcher Platten tätig sind. Aber auch Handwerker, die mit dem Material arbeiten, sind gefährdet, wenn sie den Staub einatmen. Die Krankheit gehört zu den Staublungenkrankheiten und betraf früher vor allem Bergarbeiter. Sie kann zu Lungenfibrose, Krebs und COPD (chronisch-obstruktive Lungenerkrankung) führen.
Von 2019 bis 12. August 2026 wurden allein im US-Bundesstaat Kalifornien 592 Fälle registriert. 65 der betroffenen Arbeiter benötigten eine Lungentransplantation, 31 starben. Ausgelöst hatte die Studie der Tod eines Arbeiters, der bereits mit 32 Jahren erkrankte und mit 38 starb.
Die fast 600 Fälle seien unter anderem bemerkenswert, weil die Betroffenen bei der Diagnose noch jung und dem Quarzitstaub vergleichsweise nur kurz ausgesetzt gewesen seien, schreiben die Autoren der Studie. Erschienen ist sie im August 2026 im renommierten «Journal of the American Medical Association». Zudem erstaunten die Schwere der Krankheit, ihr schneller Verlauf und das gleichzeitige Auftreten von Tuberkulose und Autoimmunerkrankungen.
Vom 12. bis 27. August 2026 sind bereits weitere 43 Opfer dazugekommen. Das zeigt eine interaktive Website des kalifornischen Gesundheitsdepartements.
In Australien verboten
Die Studie veranlasste Kalifornien 2023, die Industrievorschriften zu verschärfen. Dennoch, so sind sich die Verfasser des Berichts sicher, bleibt das Risiko für die Arbeiter bestehen. Der Silikatstaub lasse sich zwar mit besseren Lüftungssystemen und Werkzeugen, die mit Wasser arbeiten, reduzieren. Die Umrüstung eines Betriebs und dessen Unterhalt seien aber kostspielig. Und selbst dann sei die Gefahr nicht völlig gebannt. Zudem sei die Durchsetzung der bestehenden Vorschriften eine Herausforderung.
Australien hat als erstes Land der Welt auf die Silikosekrise scharf reagiert. Seit 2024 sind Handel, Verarbeitung und Installation von Kunststein verboten.
Der Einbau einer Küchenabdeckung aus Kunststein will also gut überlegt sein. Auch wenn sie zugeschnitten geliefert wird – irgendwo auf der Welt wurde sie hergestellt, poliert, geschliffen und auf Mass gebracht. Unter welchen Bedingungen und Sicherheitsvorkehrungen für die Arbeiter das geschah, bleibt im Normalfall unklar.
- «Journal of the American Medical Association»: Engineered Stone-Associated Silicosis – A Lethal Variant of an Ancient Disease
- California Department of Public Health: Engineered Stone (ES) Silicosis Surveillance Dashboard
- American Industrial Hygiene Association: Australia’s New Engineered Stone Ban to Begin in July
- British Safety Council: Australia banned engineered stone. Will Britain follow?




