1. Home
  2. Konsum
  3. Konsumentenschutz
  4. Brot: «Frisch vom Beck» aus Slowenien

Brot«Frisch vom Beck» aus Slowenien

Lidl und Aldi bewerben Backwaren mit heimeligen Slogans. Doch viele stammen aus dem Ausland. Auch Migros und Coop machen gewagte Versprechen.

Wenn das Brot ohne Verpackung im Regal liegt, müssen Grossverteiler die Herkunft nicht deklarieren.
von aktualisiert am 15. März 2018

Bei Lidl seien die Backwaren «handgemacht und frisch vom Beck», heisst es auf grossen Plakaten vor den Filialen. «Zahlreiche Brotspezialitäten» würden «jeden Tag frisch angeliefert», verspricht die Website. Die Realität sieht so aus: Das Lidl-Walnussbrot wird in Slowenien hergestellt und tiefgekühlt geliefert. Das Schoggi-Brötli stammt aus Frankreich. Krustenbrot, Kürbiskernbrötli und Fitnessbaguette kommen aus Deutschland in die Schweiz. Der Blaubeer-Donut trudelt aus Belgien ein. Die Konsumenten erfahren das nur, wenn sie das Kleingedruckte am Regal lesen.

Anzeige

«Frisch ausgebacken»

Lidl sieht darin kein Problem. Die Herkunft sei klar deklariert. Die ausländischen Grossbäckereien lieferten tiefgefrorene Teiglinge oder Vorbackbrote in die Filialen, wo sie «frisch» ausgebacken würden. Und das Werbeversprechen beziehe sich auf jene Brote, die Schweizer Bäckereien täglich frisch in die Lidl-Filialen lieferten. Wie viele das sind, will Lidl allerdings nicht sagen. Das sei je nach Filiale unterschiedlich. Die Mehrheit der Brote stamme aus der Schweiz. Von einer Irreführung der Konsumenten könne deshalb keine Rede sein. 

Ist die Lidl-Werbung also unproblematisch? Das zuständige Staatssekretariat für Wirtschaft ist skeptisch. Ob die Werbung irreführend sei, könne zwar nur ein Gericht beurteilen. Doch: «Unseres Erachtens erweckt die Angabe ‹handgemacht und frisch vom Beck› bei den Durchschnittsadressaten wohl die Erwartung, dass die Backwaren von einem Bäcker von Hand gefertigt wurden», sagt der zuständige Ressortleiter Jürg Herren.

Lidl ist aber nicht allein. Die Migros wirbt damit, dass bestimmte Brote aus einem Steinofen stammen. Was das bedeutet, steht klein auf der Verpackung: «Für Sie vor Ort aus einem tiefgekühlten und im Steinofen vorgebackenen Produkt fertig gebacken.» Die Migros betont, dass jede Filiale auch Brote verkaufe, die nie eingefroren worden sind. Diese erkenne man daran, dass auf dem Brotsack das Wort «tiefgekühlt» fehlt. 

Keine «Hausgemacht»-Garantie

Coop verfolgt eine ähnliche Deklarationspolitik. Ein Label wie «Pain Artisanal» ist allerdings keine «Hausgemacht»-Garantie. Diese Coop-Brote seien zwar mit viel «Geduld, Sorgfalt und Fachwissen» hergestellt, werden danach aber «tiefgekühlt und frisch ausgebacken». Coop und Migros sagen, sie verkauften keine ausländischen Brote – bis auf wenige Spezialitäten wie zum Beispiel Pumpernickel. 

Viele Backwaren stammen aus dem Ausland

1/4

Deutlich intransparenter ist Aldi. Wenn ein Brot aus der Schweiz stammt, prangen Schweizer Flaggen auf der Etikette am Regal. Kommt es aus dem Ausland, fehlt hingegen die obligatorische Herkunftsangabe. Dass das Roggenbrötli aus Österreich importiert wird, das Pain au Chocolat aus Deutschland oder das Parisette aus Frankreich, erfahren die Konsumenten nur, wenn sie das Verkaufspersonal fragen. Das ist legal, sofern das Brot ohne Verpackung im Regal liegt. Dann gelten die Regeln des Offenverkaufs, wo eine mündliche Herkunftsdeklaration genügt. Aldi sagt, alle Brotlieferanten müssten einwandfreie Qualität liefern. Die Mehrheit der Brote stamme aus der Schweiz.

Doch auch beim klassischen Bäcker um die Ecke ist nicht immer alles selbstgemacht. Der Schweizer Zutatenhändler Bakels vertreibt Backmischungen in 25-Kilo-Säcken. Die Bäckerei-Genossenschaft Pistor liefert Fertigvorteige direkt in die Backstube. So sind zum Beispiel 16,5 Kilo Tiefkühl-Buttergipfeliteig für Fr. 146.85 zu haben. Die Bäckereien würden solche Produkte oft nur bestellen, um ihr Sortiment zu komplettieren, sagt eine Pistor-Sprecherin. «Den grössten Teil der Backwaren stellen sie selber her.» 

«Das Wichtigste – jeden Freitag per Mail.»

Elio Bucher, Online-Redaktor

Das Wichtigste – jeden Freitag per Mail.

Der Beobachter Newsletter

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.

5 Kommentare

Sortieren nach:Neuste zuerst
pete
Liebes Beobachter-Team, normalerweise schätze ich Ihre Arbeit sehr. Doch Ihre "Werbung" für die neusten Einträge im Beobachter, die ich per E-Mail erhalten habe, macht ziemlich genau dasselbe was Sie in diesem Artikel kritisieren. Der Konsument wird mit der Werbung irregeleitet. Denn Sie schrieben in der E-Mail: "«Frisch vom Beck» ... aus Slowenien: Woher das Brot bei Lidl, Aldi, Migros, Coop & Co. wirklich kommt". Da ich damals keine Zeit hatte, den Artikel im Beobachter zu lesen, war ich unterdessen sehr enttäuscht von Migros und Coop, dass sie Brote importieren statt wie von mir angenommen hier produzieren. Nun lese ich in Ihrem Artikel, dass diese Falschdeklaration vor allem Aldi und Lidl betrifft (was mich nicht erstaunt). Ich finde es schade, dass Sie mit dieser Ankündigung Migros und Coop Negatives unterstellen, was überhaupt nicht der Realität entspricht. Vielleicht liest die Hälfte der E-Mail-Empfänger den Artikel im Beobachter nicht und erzählt nun seinem Nachbarn von dieser "Schande". Ich wünsche mir mehr Sachlichkeit, auch in den Schlagzeilen, und bitte keine Sensationspresse!
wiwa54
Jahrelang habe ich eine eigene Bäckerei gehabt, bis ich wegen Mehlasthma den Betrieb schliessen musste. Wir haben immer alles selber hergestellt. Auch den Gipfeliteig und den Blätter-und Kuchenteig, ebenso die Brote. Nur: Der Konsument verlangt heute eine immer grössere Auswahl und wenn möglich sollte es noch den ganzen Tag frisch aus dem Ofen sein. Den entsprechenden Preis will aber niemand mehr bezahlen. Man kauft lieber bei Coop, Aldi oder Lidl ein. Geiz ist geil Mentalität, die dafür sorgt, dass kleine Bäckereien, um ein attraktives Angebot zu haben, gar nicht mehr darum herum kommen, tiefgekühlte Teiglinge ebenfalls in ihr Sortiment einzubauen. Hat es nämlich um 18:30 Uhr kein volles Regal, dann geht niemand in den Laden. Doch am Tag danach spielt man den Entsetzten, wenn man hört, wie viele Lebensmittel am Abend fortgeworfen werden müssen, weil der Kunde am nächsten Morgen um 06:00 Uhr ja wieder ofenfrische Gebäcke in riesiger Auswahl wünscht. Ich finde hier sollte der Beobachter den Hebel ansetzen, statt die Bäckereien, Aldi, Lidl, Migros und Coop zu kritisieren. Vielleicht kann ja der Beobachter einen Vorschlag machen, wie kleine Bäckereien weiter existieren sollen?? Wie wär`s mit Subventionen, wie für jeden Bauern, die SBB, etc. etc. Leider, muss ich sagen, entwickelt sich der Beobachter in die falsche Richtung. Ich brauche keinen zweiten K-Tipp!! Und der ist auch billiger zu haben als der Beobachter ....
annemarie_aaa
Ausgebackenes schmeckt "aufgebacken" Teiglinge sind wie frisch Gebackenes! Dass diese aus Slowenien oder so kommen finde ich auch nicht in Ordnung. Noch weniger das Lidl und Aldi mehrheitlich Personal aus Deutschland beschäftigt. Wir sind doch hier in der Schweiz. So werden auch unsere Arbeitsplätze weniger.
pauer
"Das Sortiment komplettieren", das kenne ich. weit über 70% der Bäcker machen ihre Gipfeli nicht selber. Das sieht man denen auch von weitem an. Aufgeblasen, fettig, einfach mies. In diesen Fällen verzichte ich gerne. Auch wenn der Bäcker den Rest sonst selber macht: er ruiniert damit seinen Ruf. Kaufe auch kein Brot dort.
pauli
richtig so, ich kaufe in den hiesigen Behindertenwerkstätten mit einer von einem Bäckermeister geführten Holzofen Bäckerei hervorragende Bio - Backwaren ein und tue so auch noch diese Einrichtung unterstützen. www.heydenmühle.de