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NappalederSo trickst VW bei den Ledersitzen

Wo «Nappa» draufsteht, ist nicht immer Leder drin: VW verwendet für Lederausstattungen eine Kombination von Kunst- und Echtleder.

Ärgerlich: Nach zwei Jahren musste Walter Urwyler die Sitze in seinem VW Passat flicken lassen.
von aktualisiert am 17. Januar 2019

Endlich konnte sich Walter Urwyler aus Effretikon ZH den lang ersehnten VW Passat leisten. Für satte 50'000 Franken. Weil er sich etwas gönnen wollte, entschied er sich gleich noch für ein Luxus-Accessoire: Sitze aus Nappaleder.

Doch nach zwei Jahren war das Leder bereits gerissen. «Da der Schaden auf Fremdeinwirkung schliessen lässt, fällt er nicht unter die Garantie», teilte die Garage mit. Also liess Urwyler die Sitze bei einer lokalen Lederexpertin reparieren. Die sagte aber, echtes Leder reisse nicht so schnell. Das VW-Leder sei Kunstleder.

Verständnislos wandte sich Urwyler an VW. Er habe doch Ledersitze gekauft, so stehe es auch im Vertrag. «Alle Lederausstattungen von Volkswagen sind eine Kombination von Echt- und Kunstleder», erklärt nun VW-Sprecherin Karin Schuler. Nur die Flächen, mit denen der Fahrer direkt in Kontakt kommt, seien aus Echtleder, also die Mittelbahnen und die Wangeninnenseiten der Sitze sowie die Oberflächen in der Mitte der Armlehnen. Der Rest ist Kunststoff. In einem langen Testprozess habe man herausgefunden, dass Kunstleder der Reibung beim Aus- und Einsteigen besser standhalte. «Dieser Ansatz ist in der Automobilbranche in diesem Segment üblich. Das ist kein spezifisches Volkswagen-Thema.»

Ein Thema in Autoforen

«Das ist eine irreführende Deklaration», sagt Cécile Thomi von der Stiftung für Konsumentenschutz. «Je ungewöhnlicher eine Praxis ist – auch wenn sie vom Hersteller als branchenüblich bezeichnet wird –, umso klarer und direkter muss die Deklaration dazu sein.» Zumindest hätte der Verkäufer mit einem mündlichen Hinweis seiner Deklarationspflicht Preisdeklaration Alles hat seinen Preis nachkommen müssen. «Man hat mich weder im Katalog noch beim Verkaufsgespräch Obligationenrecht Hoppla, ist das jetzt ein Vertrag? darauf aufmerksam gemacht», sagt aber Urwyler.

Auch andere Wagenbesitzer wissen nichts vom Leder-Kunstleder-Mix. In Automobilforen finden sich mehrere User mit dem gleichen Problem. «An der linken Seitenwange aussen am Fahrersitz fängt das Nappaleder zu brechen an», schreibt etwa ein User auf moto-talk.de. Ein anderer klärt auf: «Die Seitenwangen sind nicht aus Leder, sondern aus Kunstleder.»

So üblich, wie VW es darstellt, ist diese Praxis nicht. «Wenn Sie Nappaleder bestellen, wird zu 100 Prozent Echtleder verbaut», sagt Patrick Bossart von Mercedes-Benz. Audi-Sitze sind ein Mix von Kunst- und Echtleder, werden aber als «Leder-Kombination» ausgewiesen. «Es wird sowohl im Verkaufsgespräch als auch auf der Website im Konfigurator genau erklärt, welche Materialien wo verbaut sind», sagt Audi-Sprecherin Katja Cramer. Volvo hält es mit der Deklaration ähnlich wie VW: «Der Materialmix des gesamten Sitzes ist nicht angegeben. Die Bezeichnung für Ledersitze ist bei Volvo Cars ‹Komfortsitze mit Lederpolster›.»

Eine Euro-Norm von 2013 empfiehlt, wie Hersteller Lederwaren deklarieren sollten. «Wenn nur Kontaktbereiche aus Leder bestehen, darf der Sitz oder das Polstermöbel nicht als Leder beschrieben werden, ausser wenn die Beschreibung ‹Ledersitz mit Nicht-Leder-Bereichen› benutzt wird.» Diese Empfehlung ist allerdings nicht rechtlich bindend. 

«Momentan sind auf der Schweizer Website von Volkswagen einige Wartungsarbeiten im Gange. Der Detailbeschrieb wird noch dieses Jahr auch hier folgen», heisst es nun bei VW.

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2 Kommentare

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manesse-manegg
Es ist schon interessant, wie sehr VW bei jedem Bschiss dabei ist. BMW und Schmerzedes haben ihre Lügengeschichten etwas besser unter Kontrolle, Audi steht, auch wenn es nur klein ist, zur Sache.

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georg stamm
Auch wieder bemerkenswert, mit welchem Argument sich die VW-Garage von der Garantie drücken will. Da ist die Autobranche sehr kreativ. Ich hatte einen Mercedes C 200 Kompressor. Diese Marke gewährt 30 Jahre Rostgarantie. Nach einigen Jahren zeigte sich Rost an den Vordertüren und an der Heckklappe (T-Modell). In der Markengarage wollte man mein Serviceheft sehen und stellte fest, dass ich 1 Service in D gemacht hatte. Darauf erklärte man, die Rostgarantie sei deshalb erloschen. Die 30-jährige Rostgarantie ist also eine Knebelgarantie. Ich liess den Rost auf meine Kosten entfernen (1400.-), nicht bei Mercedes.

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