Bis der Verkäufer «Guten Tag» sagt, dauert es fünf Minuten. Und erst nach weiteren fünf Minuten, in denen der potentielle Kunde unschlüssig die hundertfach am Boden liegenden Orientteppiche begutachtet hat, fragt ein weiterer Verkäufer: «Suchen Sie etwas Bestimmtes?» Aggressive Verkaufsmethoden sehen anders aus. Es ist, als ob nicht mal mehr die Verkäufer an ihren Erfolg glauben würden.

Das flaue Engagement kontrastiert mit dem schreiend bunten Prospekt, in dem das Möbelhaus Schibli in Trimbach SO eine «riesige Auswahl hochwertiger Orientteppiche im Liquidationsverkauf» mit «bis zu 60 Prozent» heruntergesetzten Preisen anpries.

Symptom für eine Branche im Sturzflug. Seit den achtziger Jahren sind die Importe von handgeknüpften Teppichen um 85 Prozent zurückgegangen (siehe nachfolgende Box «Orientteppich-Branche im freien Fall»). Goldene Zeiten also für die wenigen Interessenten, die sich noch an Orientteppichen erfreuen, könnte man meinen. Leider ein Irrtum.

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Bei Schibli beispielsweise sind die angeblich um mindestens die Hälfte reduzierten Teppiche in Wahrheit keine Schnäppchen, die Preise bestenfalls auf normalem Marktniveau. So führt der Liquidationsprospekt gut ein Dutzend «Preisbeispiele» auf, etwa einen Bidjar-Teppich aus Iran, knapp vier Quadratmeter gross, für 6970 statt 13'950 Franken. Die Firma Tesil, einer der schweizweit grössten Orientteppich-Importeure, bietet einen in Qualität, Grösse und Muster gleichwertigen Teppich derselben Herkunft für 6415 Franken an. «Das ist der von uns empfohlene Endverkaufspreis. Der Händler darf natürlich daruntergehen, unsere Empfehlungen bewegen sich eher am oberen Rand», sagt Tesil-Geschäftsführer Bruno Schürch.

Die Täuschung hat System

Bei anderen Teppichen sind die Preisunterschiede noch grösser, etwa bei einem feinen Gabbeh, ebenfalls aus Iran, gut sechs Quadratmeter gross: bei Schibli für «nur» 4900 statt 9800 Franken, bei Tesil für 3239 Franken. Das «deutet auf Mondpreise hin», sagt Bruno Meier, Präsident der Interessengemeinschaft Orientteppiche (Igot), die sich für Konsumentenanliegen einsetzt. Als Mondpreise werden vorsätzlich überhöhte Ausgangspreise bezeichnet, die dem Kunden einen Rabatt vortäuschen, den es gar nicht gibt. Rolf Schibli, Geschäftsleiter von Schibli Möbel, weist den Vorwurf zurück. Jeder Teppich sei ein Einzelstück und müsse individuell beurteilt werden.

Viele Liquidationsprospekte gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Es sind auch zu einem guten Teil immer wieder die exakt gleichen Teppiche, die feilgeboten werden. Im Herbst 2008 räumte das Teppichhaus Ziegler in Solothurn sein Lager, im Prospekt sind über 100 Teppiche eindeutig identifizierbar. Mehrere Dutzend davon tauchen unmittelbar danach bei der «Totalliquidation der Teppichabteilung» von Möbel Amrein in Kriens LU wieder auf, dann im Herbst 2009 bei der «Totalliquidation» der Teppichabteilung von Weibel Möbel in Endingen AG, jetzt aktuell beim «Promotionsverkauf» im Wohncenter von Allmen in Interlaken. Dennoch garantierte der Ziegler-Prospekt, alle Teppiche würden «erstmals und einmalig seit 18 Jahren» ausverkauft.

Diese Täuschung hat System. Die Kunden sollen glauben, dass der eingesessene Fachhändler sein Lager räumt, das flösst Vertrauen ein. In Wahrheit verhökert aber eine vom Fachhändler beauftragte spezialisierte Firma vor allem eigene Ware – darum tauchen die exakt gleichen Teppiche an allen Ecken der Schweiz auf, fast wie bei einer Wanderausstellung. In der Theorie ist das verboten, denn die Konsumenten werden getäuscht. «In der Praxis ist dieser Nachweis oft schwierig zu erbringen», sagt Igot-Präsident Meier. Wenn die Gewerbepolizei überhaupt ermittle, resultiert nach Monaten oder Jahren vielleicht eine Busse. Im konkreten Fall kommt allerdings ein weiterer Gesetzesverstoss hinzu.

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Gemäss Preisbekanntgabeverordnung sind Rabattanpreisungen nur zulässig, wenn der angebliche Originalpreis zuvor tatsächlich verlangt wurde, und zwar mindestens doppelt so lange, wie die Aktion dauert. Das ist hier gar nicht möglich. Zwischen dem fünfwöchigen Räumungsverkauf in Solothurn und der fast zwei Monate dauernden Totalliquidation in Kriens lagen nur gerade zwei Wochen.

«Das bringt die Branche in Verruf»

Die beteiligten Möbelhäuser bestreiten, den Ausverkauf an eine externe Firma ausgelagert zu haben. Dass überall dieselben Teppiche angeboten wurden, führen die Geschäftsinhaber auf einen «gelegentlichen Sortimentsaustausch» unter ansonsten unabhängigen Möbelhäusern zurück.

Edgar Kistler, Präsident der Schweizerischen Orientteppichhändler-Vereinigung, ist besorgt: «Solche Machenschaften bringen die Branche in Verruf.» Dennoch hat er es aufgegeben, fehlbare Händler anzuzeigen. «Das Verhältnis zwischen dem Aufwand, den wir zur Beweisführung betreiben müssten, und dem Resultat ist schlecht. Das ist schade, denn der Leidtragende ist der Konsument, der leider zu Unrecht meint, er könne ein Schnäppchen machen.»

Quelle: Reza Malek

So kommen Sie sauber zu einem Orientteppich


  • Seien Sie vorsichtig bei Liquidationsrabatten und Eröffnungsangeboten: Je höher die versprochenen Rabatte, desto eher ist etwas faul.

  • Lassen Sie sich nicht unter Zeitdruck setzen: Besuchen Sie mehrere Geschäf­te und vergleichen Sie die Preise. Preisbeispiele gibt es bei der Orientteppichhändler-Vereinigung (www.sov-et.ch). Verlangen Sie Referenzen.

  • Lassen Sie sich die Herkunft, die genaue Bezeichnung, die Masse, das Flormaterial und die Knotendichte des Teppichs schriftlich bestätigen. Stellen sich diese Angaben später als unwahr heraus, gibt Ihnen das eine Handhabe, um den Kauf rückgängig zu machen.

  • Holen Sie ein schriftliches Gutachten eines Experten ein (zum Beispiel über www.igot.ch).

  • Bestehen Sie darauf, den Teppich zu Hause Probe legen zu lassen. Dort wirkt er anders als im Geschäft.

  • Verlangen Sie ein Rückgaberecht (nicht nur ein Umtauschrecht!) ohne Angabe von Gründen.

  • Leisten Sie nur eine kleine Anzahlung. Im Konfliktfall ist das Geld oft verloren.

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