Nichts ärgert Schweizerinnen und Schweizer so sehr wie unerlaubte Werbeanrufe: Das zeigen nicht nur die zahlreichen Anfragen im Beobachter-Beratungszentrum, sondern auch eine Auswertung der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) am Ende des vergangenen Jahres. Mehr als 20 Prozent der insgesamt 20'000 eingegangenen Beschwerden hatten demnach mit «Telefonterror» zu tun.

Auch der Bundesrat bemerkte in seiner Botschaft zum neuen Fernmeldegesetz: «Ein nach wie vor stark verankertes Problem sind (...) die als überaus lästig empfundenen Werbeanrufe, die öfters auch gegen geltendes Recht verstossen.» Doch die wirksame Verfolgung vieler Verstösse scheitere bereits daran, dass sich die Callcenter im Ausland befinden und nicht ausfindig gemacht werden könnten.

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120'000 blockierte Anrufe pro Tag

Während eine politische Lösung noch etwas auf sich warten lässt, reagierte die Swisscom schon vor Jahresfrist: Sie installierte einen Anruf-Filter für internetfähige Festnetztelefone. Gemäss eigenen Angaben blockiert die Swisscom seither jeden Tag bis zu 120'000 Werbeanrufe, die meisten davon aus dem Ausland.

Nun gibt es den Anruf-Filter auch für Swisscom-Handykunden mit einem «inOne Mobile» oder «Infinity»-Abo. Aus rechtlichen Gründen muss allerdings jeder Kunde diesen Filter selbständig im «Mobile Cockpit» aktivieren. Ob dieser Filter später auch für Prepaid-Handys zur Verfügung stehen wird, ist noch nicht entschieden. Gemäss Swisscom haben schon mehr als 95 Prozent aller Abo-Kunden die Möglichkeit, diesen Filter zu aktivieren.

Rechtsratgeber
Merkblatt «Unerwünschte Werbeanrufe»

Welche Regelungen zu Werbeanrufen gelten neuerdings? Wo kann man einen Sterneintrag erstellen und wo sich aus dem Telefonverzeichnis löschen lassen? Beobachter-Mitglieder lesen mehr dazu im Merkblatt «Unerwünschte Werbeanrufe: So wehren Sie sich».

Der kostenlose Anruf-Filter der Swisscom funktioniert ähnlich wie der Spam-Filter im Mail-Posteingang. «Eine Software überprüft im Hintergrund die anrufende Telefonnummer, noch bevor der Anruf an einen Anschluss weitergeleitet wird. Kommt ein Anruf aus einem Callcenter, entscheidet das System, ob es sich um einen unerwünschten Anruf handelt», teilt die Swissom mit.

«Wird dieser Anruf blockiert, so merkt die angerufene Person nichts davon und das Besetzt-Zeichen ertönt.» Die Filterung basiere auf einer ständig aktualisierten Liste von Rufnummern, die automatisch blockiert würden: «Auf die Liste kommen Telefonnummern von Callcentern, die mit unseriösen Verkaufsmaschen arbeiten, zu unangebrachten Zeiten anrufen (vor 8 Uhr und nach 20 Uhr sowie an Wochenenden) oder die sich nicht an den Ehrenkodex von Callnet.ch halten.»

Salt und Sunrise warten zu

Die beiden Swisscom-Konkurrenten Salt und Sunrise ziehen vorerst nicht nach. Beide Anbieter wollen zunächst die Teilrevision des Fernmeldegesetzes abwarten und «eigene mögliche Massnahmen evaluieren». «Wir bezweifeln, dass solche Filterlösungen nachhaltig sind», teilt Salt auf Anfrage mit. «Unerwünschte Werbeanrufe sollten zudem am Ursprung und damit beim Verursacher, beispielsweise den Krankenkassen, bekämpft werden.» Der drittgrösste Schweizer Mobilfunkanbieter spielt damit den Ball an die Politik zurück.

Der Bundesrat allerdings will die Telefonanbieter in die Pflicht nehmen. Im revidierten Fernmeldegesetz ist vorgesehen, dass künftig alle Telefonanbieter ihren Kunden einen Werbeanruf-Filter anbieten müssen. «Weit wichtiger als die Verfolgung (der fehlbaren ausländischen Callcenter-Anbietern) ist in diesen Fällen – wie bei Spam – die direkte Bekämpfung auf technischer Ebene durch Filterung und Authentifizierung», schreibt der Bundesrat. Die Gesetzesvorlage liegt nun im National- und Ständerat.

Die Tricks der Callcenter

So wünschenswert und überfällig der Effort der Swisscom auch ist – auch die Rechtsexperten im Beobachter-Beratungszentrum zweifeln daran, ob eine solche Filterung langfristig funktioniert. Denn jene Callcenter, die vor einem Sterneintrag im Telefonbuch nicht zurückschrecken, würden auch hier wieder neue Wege finden.

Schon heute bedienen sich fehlbare Firmen insbesondere der folgenden beiden Tricks:

  1. Callcenter verwenden bei ihren Anrufaktionen oft Dutzende unterschiedliche Telefonnummern. Da bringt es also wenig, wenn eine davon gesperrt worden ist.
  2. Immer häufiger rufen Callcenter mit einer Schweizer Nummer aus dem Ausland an. Entweder haben diese Firmen ihre Schweizer Nummern legal beim Bundesamt für Kommunikation (Bakom) oder weiteren Zwischenhändlern eingekauft (sogenanntes «Reselling») – oder sie hantieren illegal mit einer gefälschten Rufnummernanzeige  («Spoofing»). Die Identifikation solcher Praktiken habe sich als schwierig oder gar unmöglich herausgestellt, schreibt der Bundesrat. Und auch die Swisscom gibt zu: «Eine wirksame technische Massnahme, um Spoofing bereits vor dem Auftreten zu verhindern, gibt es heute noch nicht.»

    Gegen illegal operierende Callcenter, die aus dem Ausland in die Schweiz anrufen, muss der aufwendige Weg der internationalen Rechtshilfe gegangen werden. Zudem unterscheidet sich die Gesetzgebung in anderen Staaten – beispielweise in Deutschland und Österreich – von jener in der Schweiz. Das erschwere nur schon die Identifikation dieser Anbieter massiv, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) betont.
Drei Tipps, falls Sie mit Telefonanrufen belästigt werden
  1. Stern-Eintrag im Telefonbuch: Die wichtigste Massnahme gegen unerwünschte Werbeanrufe ist der Stern im Telefonbuch. Damit erklärt man, dass man keine Werbeanrufe wünscht. Wer ihn missachtet, macht sich strafbar.
    Sie können den Stern im Internet problemlos selber einrichten
     
  2. Beschwerde beim Seco: Wer trotz Sterneintrag Werbeanrufe erhält, sollte das dem Staatssekretariat für Wirtschaft Seco melden. Gleichzeitig sollten Sie die Nummer bei Ihrem Telefon-Anbieter sperren lassen. Und hier können sich Mitglieder von Guider.ch mit einem Musterbrief beim Seco beschweren.
     
  3. Es gibt verschiedene praktische Apps, mit denen sich unerwünschte Nummern auf ihrem Handy manuell sperren lassen.
    Tipp: Die App des Telefonverzeichnisses «Local.ch» (Android/iPhone) identifiziert automatisch einkommende Anrufe und gleicht diese mit dem Telefonbuch ab. So können auch Werbeanrufe einfacher blockiert werden.


Grundsätzlich gilt: Telefonmarketing-Firmen haben sich in der Schweiz an den Sterneintrag im Telefonbuch zu halten, ansonsten machen sie sich strafbar. Zudem dürfen jene Telefonnummern, die nicht in einem öffentlichen Register eingetragen sind, nicht für solche Zwecke verwendet werden. Doch häufig landen Handynummern via Drittanbieter bei solchen Callcentern – beispielsweise, indem diese einem Fitnesscenter oder einem Gewinnspielanbieter abgekauft werden.