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LabelsMehr als bloss Etikette

Bild: Thinkstock Kollektion

Wer möglichst gesundheits- und umweltbewusst einkaufen will, orientiert sich in der Regel an den verschiedenen Bio-, Natur- und Ökolabels – oft ohne genau zu wissen, was dahintersteckt. Eine Geschichte der Labels und was sie bedeuten.

von Reto Westermann

Es findet sich kaum noch ein Produkt, auf dessen Verpackung nicht irgendein Zeichen – ein sogenanntes Label – prangt, das für spezielle Eigenschaften oder Herstellungsweisen bürgt. In der Gemüse- oder Molkereiabteilung stösst man etwa auf die Bezeichnungen Bio Suisse, IP, Naturaplan oder Engagement, beim Fleisch auf Kagfreiland, Natura-Beef oder Suisse Garantie, in der Textilabteilung auf Naturaline und Öko-Tex Standard und im Heimwerkerbereich auf Natureplus oder Oecoplan.

Gut 100 solche Labels sind gemäss Website der Fachstelle Labelinfo.ch in der Schweiz verbreitet. Die meisten zeichnen Produkte aus, die besonders umweltschonend oder tierfreundlich hergestellt wurden. Andere verweisen auf fairen Handel mit Produzenten in der Dritten Welt oder heben spezielle Eigenschaften eines Produkts hervor: etwa den kleinen Stromverbrauch eines Elektrogeräts oder die geringe Strahlung eines Computerbildschirms.

Das Bio-Label geht auf 1924 zurück

Wann das erste Label für Konsumgüter geschaffen wurde, ist unklar. Klar ist hingegen, dass die Schweiz in diesem Bereich zu den Pionieren gehört. Bereits 1917 wurden die Grundlagen für die Ursprungsbezeichnung «Swiss Made» mit dem bekannten Armbrustlogo geschaffen, das noch heute Produkte ziert, deren Wertschöpfung zu mindestens 50 Prozent in der Schweiz erfolgt.

1924 folgten erste Ansätze eines Labels für biologisch produzierte Lebensmittel. Der Anthroposoph Rudolf Steiner motivierte damals die Bauern zur biologisch-dynamischen Produktion von Gemüse und Früchten, die bis heute in Bioläden und Reformhäusern unter dem Namen Demeter vertrieben werden. Sechs Jahre später gründeten Konrad und Rosa Oswald-Zaugg in der Nähe von Kreuzlingen den ersten Biobauernhof der Schweiz. Bis zur Schaffung des bekannten Bio-Knospe-Labels sollten aber noch 50 Jahre vergehen: Es entstand 1981. Schneller war die Organisation Kagfreiland, die sich für den Schutz von Nutztieren einsetzt. Sie kreierte bereits 1972 ein Label für Fleisch und Eier aus tierfreundlicher Produktion.

Jahrelang fristeten Labels wie die Bio- Knospe oder Kagfreiland aber ein Schattendasein. Der grosse Durchbruch kam erst durch den Einstieg der Grossverteiler Migros und Coop ins Geschäft mit umweltschonend hergestellten Produkten. 1993 stellte Coop das erste Joghurt mit dem Knospe-Label in die Regale. Heute gehört bei Coop wie Migros ein breites Biolabel-Sortiment zum Grundangebot und sorgt für gute Umsätze.

Der Erfolg der Labels für ökologisch produzierte Lebensmittel hat bei den Herstellern viele Nachahmer auf den Plan gerufen: In den einprägsamen Logos sehen sie eine Möglichkeit, das eigene Erzeugnis in der wachsenden Masse von Produkten hervorzuheben. Zudem erhöht ein Label die Glaubwürdigkeit und damit die Kaufwahrscheinlichkeit.

Besser irgendein Label als gar keins

Das Hauptziel eines Labels ist jedoch, den Konsumenten bei der Auswahl im breiten Produktangebot eine Entscheidungshilfe zu bieten. Untersuchungen von Umwelt- und Tierschutzorganisationen sowie Konsumentenschützern zeigen allerdings, dass der Informationswert oft auf der Strecke bleibt.

Mit ein Grund dafür ist, dass hierzulande alle Labels von privaten Organisationen geschaffen werden. Grundsätzlich kann jede Interessengemeinschaft oder jeder Händler ein Label kreieren und auf den eigenen Produkten anbringen. Einzig der Bund setzt hier Grenzen, beispielsweise mit der Lebensmittelverordnung, die gewisse Vorschriften für die Bezeichnung und Beschriftung von Nahrungsmitteln enthält. Vom Gesetz klar umschrieben sind jedoch nur wenige Bezeichnungen wie «Bio», «biologisch» oder «ökologisch». Alle anderen Begriffe wie etwa «naturnah produziert», «regionales Produkt» oder «kontrollierte Herkunft» können von den Anbietern frei benutzt werden und lassen die Konsumentinnen und Konsumenten zum Teil im Unklaren darüber, was sie für ihr Geld wirklich bekommen.

Eine gute Orientierungshilfe im Labeldickicht bietet www.labelinfo.ch, wo zu jedem in der Schweiz gebräuchlichen Label die wichtigsten Grundlagen wie Kriterien, Kontrollstelle und Anwendung nachzulesen sind. Praktisch sind auch die kleinen Einkaufsführer, die vom WWF herausgegeben werden. Sie listen, unterteilt nach Lebensmitteln, Fisch und Nonfood, die wichtigsten Labels auf und bewerten sie. Geprüft wird vor allem, wieweit die Vergabekriterien eines Labels eine biologische Produktion fordern. Besonders gut schneiden auf dieser Grundlage Labels wie Bio Suisse, Demeter, Kagfreiland oder Engagement Bio der Migros ab.

Aber auch Labels, die im WWF-Test weniger gut wegkommen, können eine gute Grundlage für den Kaufentscheid sein – vorausgesetzt, man kennt die Vergabekriterien. Wenn Sie in der Metzgerei etwa nur die Wahl zwischen Fleisch ohne Label und solchem mit der Herkunftsbezeichnung Suisse Garantie haben, lohnt es sich aus Umwelt- und Tierschutzgründen, jenes mit dem Label zu nehmen. Es garantiert, dass das Tier nach den Richtlinien der Schweizer Tierschutzgesetzgebung und der integrierten Produktion (IP) grossgezogen und das Fleisch nicht über weite Strecken aus dem Ausland importiert wurde. Pouletfleisch ohne Label beispielsweise kann aus China oder Brasilien stammen, wo die Tierschutzvorschriften meist lascher sind und für die Aufzucht unter Umständen auch Antibiotika und Hormone eingesetzt werden.

Eine ähnliche Wegweiserfunktion haben auch Labels, die auf den Herkunftsort hinweisen. So ist beispielsweise bei Produkten mit dem Label AOC klar, dass sie aus der angegebenen Region stammen und auf traditionelle Weise hergestellt wurden. Entsprechend unterstützen Sie damit das lokale Gewerbe und wissen, dass das Produkt nicht um die halbe Welt transportiert wurde. 

Auch Labels für Nonfoodprodukte mit relativ schwachen Vergabekriterien, etwa Energy Star für Geräte mit geringerem Stromverbrauch, sind besser als gar kein Label: Prangt es auf einem Gerät, kann man zumindest sicher sein, dass es weniger Energie verbraucht als das Modell im Gestell nebenan ohne Labeletikette.

Was ein gutes Label auszeichnet

Ein gutes Label zeichnet sich vor allem durch folgende drei Punkte aus:

  • transparente und öffentliche Vergabekriterien: beispielsweise Auslaufhaltung im Freien, biologische Bewirtschaftung von Höfen, Verzicht auf synthetische Düngemittel, nachwachsende Rohstoffe;

  • Kriterien für die Zertifizierung, die einiges über das gesetzliche Minimum hinausgehen;

  • neutrale Kontrollstelle für die Einhaltung der Kriterien. Die Kontrollstelle muss nach Euro- und ISO-Normen (EN 45011/ISO 65) zertifiziert sein.


Nicht jedes Label erfüllt, was man als Konsument auf den ersten Blick erwarten würde. Bei unbekannten Labels oder Zweifeln an deren Vergabekriterien lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Gute Informationsquellen sind die Website www.labelinfo.ch und die Websites der einzelnen Labels.

Herkunft: Labels für regionale Produkte

Verschiedene Zeichen auf Produkten sind in erster Linie Herkunftsbezeichnungen. Für Konsumentinnen und Konsumenten ist ihr Informationswert deshalb beschränkt. Denn meist ist nicht auf den ersten Blick klar, ob mit der Vergabe weitere Kriterien, etwa bezüglich Herstellung oder Rohstoffen, verbunden sind. Die Labels AOC, Suisse Garantie, Natürli sind zum Beispiel solche Herkunftsbezeichnungen.

Veröffentlicht am 2009 M01 15