Eigentlich glaubte ich ja, dass der Apfelkuchen im Selecta-Automat zumindest gesünder sei als die anderen Produkte. Äpfel statt Kägifret, lautete deshalb meine Wahl. Fruchtanteile statt Schokolade. Doch dann schmeckt das plastikverpackte Törtchen nach Marzipan statt Äpfel. Wie kann das sein?

Auf der Rückseite erfahre ich, dass der Apfelkuchen nur 5 Prozent Äpfel drin hat. Die Hauptzutaten sind Mehl, Zucker, Glukose-Fruktose-Sirup sowie Palmöl und Rapsöl. Mmmh. Genau, was ich mir unter einem Apfelkuchen vorstelle, denke ich, und stopfe das Wunderwerk der Lebensmittelindustrie in mich hinein.

Nur Geschmacksfassade

Doch wieso darf sich das Mürbeteiggebäck überhaupt Apfelkuchen nennen, obwohl kaum Äpfel drin sind?

Die kurze Antwort: Weil es erlaubt ist.

Die lange Antwort: Weil Äpfel teuer sind, reduziert der deutsche Hersteller Zielback deren Anteil.

Eine Limite nach unten gibt es nur theoretisch: In einem Apfelkuchen müssen so viele Äpfel drin sein, wie ein durchschnittlich informierter Konsument «Ohne Zuckerzusatz» Der Trick mit der Dattelpaste erwartet, heisst es im Gesetz. Ansonsten gilt es als Täuschung. Nur, was erwartet der verständige Konsument von einem Selecta-Automat-Apfelkuchen? 47 Prozent Äpfel wie in der Coop-Apfelwähe? Oder nur 0,1 Prozent Äpfel, weil das Teil in einem Automaten ewig auf Kundschaft warten muss?

Der Hersteller Zielback schreibt, 5 Prozent entspreche jener Menge Äpfel, die «bei derartigen Produkten zur Geschmacksgebung beziehungsweise Geschmacksabrundung eingesetzt werden». Aha. Immerhin eine ehrliche Antwort. Die Äpfel «Marktfrische» Schweizer Äpfel «Frisch» vom letzten Jahr geben dem Kuchen zwar den Namen, sind aber eigentlich nur die Geschmacksfassade. Um trotzdem Masse ins Törtchen zu kriegen, verwendet der Hersteller «persipanhaltige Füllung» statt Äpfel.

Was ist Persipan?

Sie kennen Persipan nicht? Persipan schmeckt wie Marzipan, nur ist es viel günstiger in der Herstellung. Eine tolle Erfindung der Industrie: Während man für Marzipan teure Mandeln benötigt, nimmt man für Persipan billige Aprikosenkerne, die eh niemand essen will, und macht daraus eine Paste. Und weils so lustig ist, nennt man es Persipan. Wie Marzipan, aber halt nur fast. Das Törtchen könnte also auch Persipankuchen heissen statt Apfelkuchen. Doch wer würde bei so einem unwohlklingenden Namen schon zugreifen?

Ok, ich bin selbst schuld. Ich hätte wissen müssen, dass Törtchen aus dem Selecta nicht wie vom Bäcker schmecken. Doch noch misstrauischer hätte mich machen müssen, dass der Name des Kuchens falsch auf die Verpackung gedruckt ist. Da steht: «Apfel Kuchen». So wie im Englischen. Aber im Deutschen ist das halt falsch, da hängt man die Wörter aneinander: Apfelkuchen.

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Mein neuer Merksatz lautet deshalb: Kann ein Hersteller die Namen seiner Produkte nicht richtig schreiben, spart er wohl nicht nur beim Korrektorat, sondern auch bei den Zutaten. Das nächste Mal werde ich vor dem Selecta-Automat deshalb auf Rechtschreibefehler der Hersteller achten. Oder zum Bäcker gehen, bevor er schliesst.

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Andres Büchi, Chefredaktor

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