Der Fall der Berliner Mauer hatte für Kuba dra­matische Folgen: Fast über Nacht wurde die Karibik­insel vom Nachschub aus der taumelnden Sow­jetunion getrennt. Im Jahr 1990 ging deshalb der Import von Unkrautvertilgungsmittel um 60 Prozent zurück. Beim Dünger waren es 77 Prozent weniger und beim Öl für die Landwirtschaft 50 Prozent. Die Herausforderung war eine zweifache: Die Landwirtschaft der Insel, die zuvor auf Kunstdünger und Erdöl basiert hatte, musste vollkommen auf den Kopf gestellt werden. Und weil auch die ­Lebensmittellieferungen ausblieben, war der doppelte Output nötig, um eine Hungerkatastrophe abzuwenden.

Heute hat Kuba die vielleicht modernste Landwirtschaft der Welt. Die Bauern haben gelernt, die natürlichen Ressourcen optimal zu nutzen und weitgehend auf Kunstdünger und Chemiekeule zu verzichten. Auch Urban Farming, in westlichen Städten ein belächelter Trend der Alternativszene, ist in Kuba selbstverständlich. Was Lebensmittel betrifft, ist die Hauptstadt Havanna beinahe selbstversorgend. «Seit 1989 setzt die kubanische Regierung auf eine Politik, die auf knappe Ressourcen und auf die Notwendigkeit der Selbstversorgung ab­gestimmt ist», schreibt Miguel Altieri in ­seinem Buch «Agroecology». «Biologische Dünge- und Unkrautvertilgungsmittel bilden das Herzstück eines nach Bio-Grundsätzen gemanagten Agrarökosystems.» Altieri ist Agro­nomieprofessor an der Universität in Berkeley und gilt als einer der weltweit führenden Landwirtschafts­experten.

Nicht alle Fachleute teilen seine Meinung. Paul Collier, Ökonomieprofessor in Oxford und Berater der Weltbank, kann nur den Kopf schütteln. Um auf einem Planeten mit bald zehn Milliarden Menschen Hunger­katastrophen verhindern zu können, bräuchten wir ­industrielle Landwirtschaft und Gentechnik, so Collier. «Wir müssen bessere Pflanzen anbauen und von der kleinbäuerlichen Produktionsweise wegkommen», sagt er. «Dank Gentechnik können wir widerstandsfähige Pflanzen züchten, die auch unter trockenen Bedingungen gedeihen. Dank Gentechnik können wir Pflanzen züchten, die sich ­gegen Schädlinge selbst ver­teidigen und keinen massiven Einsatz von Chemie erfordern.» Das Gentechnikverbot in Europa ist für Collier ­folge-richtig «blanker ­Protektionismus». Afrika Gentechnik zu verbieten hält er gar für «kriminell». Zu Recht?

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Kleinbauern produzieren heute rund die Hälfte aller Lebensmittel. Mit politischer Unterstützung – vor allem, was Subventionen und Zölle betrifft – könnte es viel mehr sein. Biobauern erwirtschaften Erträge, die nur leicht ­unter denen von Grossbetrieben liegen. Die USA etwa wären in der Lage, ihren Nahrungsmittelbedarf mit dem Ertrag von Kleinbauern zu decken. Diese wären erstaunlicherweise wirtschaftlich bessergestellt als die Industrie-farmer. «Neue ökonomische ­Bewertungen legen den Schluss nahe, dass die Profite der Biofarmen diejenigen konventioneller Betriebe übersteigen», stellt Altieri fest. Biobauern erzielen höhere Preise für ihre Produkte und können zudem bei Treibstoff, Dünger und Herbiziden Geld sparen.

Lässt man es zu, dann werden Biobauern im Jahr 2050 in der Lage sein, die Weltbevölkerung zu ernähren. Hunger ist nicht die Folge eines Mangels an Lebens­mitteln, sondern das Resultat einer grotesk ungleichen Verteilung. Die Vorstellung einer viel effizienteren In­dustrielandwirtschaft ist irreführend. Agroökologie ist weder Romantik noch Luxus. Sie zeugt von der Einsicht, dass die Kombination von traditionellem Wissen und moderner Technik es möglich macht, Biodiversität und Nachhaltigkeit zu gewährleisten – als Lebensgrundlagen für Mensch und Natur. Die Kubaner haben das begriffen. Wenn auch nicht aus Einsicht, sondern aus Not.