«Meditieren kann furchtbar langweilig sein!»
Wie meditiert man richtig? Und was bringt einem das Ganze eigentlich? Beobachter-Autorin Julia Hofer hat beim buddhistischen Lehrer Samuel Theiler nachgefragt.

Veröffentlicht am 4. Februar 2026 - 19:11 Uhr

«Hass gehört ebenso zum Leben wie Liebe», Meditationslehrer Samuel Theiler.
Beobachter: Samuel Theiler, ich habe nie einen Meditationskurs gemacht – wenn ich meditiere, setze ich mich einfach hin und versuche, mich aufs Atmen zu konzentrieren. Kann man beim Meditieren etwas falsch machen?
Samuel Theiler: Man kann zu viel wollen. Wer Erwartungen hat, ist zu sehr darauf fokussiert, dass etwas passieren muss. Wichtig ist aber, sich auf das einzulassen, was gerade in mir passiert.
Zur Person
In meinem Kopf passiert meistens ziemlich viel. Wie geht man am besten mit Gedanken um, die ungefragt kommen?
Es ist hilfreich, den Fokus auf das zu richten, was gelingt. Etwa den Atem spüren, wenn er durch die Nase ein und ausströmt. Manchmal schaffen wir das nur zwei Atemzüge lang, dann denkt es wieder, kommentiert, räumt den Kühlschrank um, was auch immer. Dann kehrt man einfach wieder zum Atem zurück. Je kontinuierlicher das gelingt, desto ruhiger werden Geist und Körper.
«Wer dazu neigt, alles durchstehen zu müssen, sollte sich früher erlauben, anders zu sitzen. Wer eher schnell aufgibt, kann vielleicht etwas länger zuwarten.»
Ist das das Ziel der Meditation?
Die Frage ist, wohin wir gelangen wollen. Unser turbulenter Geist, der sich in alte Geschichten und Zukunftsfantasien verstrickt, kann völligen Frieden erfahren – für viele scheint das das Ziel zu sein. Die Erfahrungen können aber viel weiter gehen: Dann beginnt man zu verstehen, dass wir auf einer tieferen Ebene nichts festhalten können, weil Veränderung auf jeder Ebene eine Grundtatsache dieses Universums ist.
So weit bin ich noch nicht. Wenn ich im Sitzen meditiere, schlafen mir nach etwa 20 Minuten die Füsse ein – durchhalten oder aufhören?
Sie könnten die Füsse auf eine weiche Unterlage legen. Oder die Position variieren. Der volle Lotossitz ist für die meisten ja sowieso nicht machbar.

So schlafen einem die Füsse beim Meditieren nicht ein: Samuel Theiler übt das achtsame Gehen.
Aber es gibt doch diese Idee, dass man den Schmerz aushalten sollte.
Es gibt viele Ideen. (Lacht) Aber ja, in gewissen Traditionen sagt man das tatsächlich. Manchmal sind es aber auch die eigenen Ansprüche, die uns übertreiben lassen. Auch ich habe es früher übertrieben – ich hatte Nervenschädigungen in den Beinen, die Jahre brauchten, um sich zu erholen. Heute weiss ich: Ein Taubheitsgefühl, das nach dem Aufstehen länger als fünf Minuten anhält, sollte man nicht ignorieren. Zudem empfehle ich allen, die dazu neigen, alles durchstehen zu müssen, sich früher zu erlauben, anders zu sitzen. Wer eher schnell aufgibt, kann vielleicht etwas länger zuwarten.
Das klingt nach westlicher Psychologie – hat sie die Art, wie Sie meditieren, beeinflusst?
Ja, in meinem Kreis von Lehrenden gehen wir stärker auf Emotionen ein, als ich es in Asien erfahren habe. Manche Schüler bekommen zum Beispiel Angst, wenn sie auf den Atem fokussieren, oft hat das einen traumatischen Hintergrund. Ein achtsamer Umgang mit solchen Empfindungen kann helfen, das habe ich selbst auch erfahren.
Sie begleiten Menschen mit traumatischen Erfahrungen. Haben Sie eine therapeutische Ausbildung?
Ich habe mich mit den Grundlagen der Traumatherapie vertraut gemacht, weil viele meiner Schüler mit Meditation schwierige Lebensgeschichten überwinden wollen. Eine bekannte Lehrerin in einer tibetisch-buddhistischen Tradition sagt: «Geh an die Orte, die du fürchtest.» Aber man muss das geschickt und wohldosiert machen.
Warum ist Ausgeglichenheit in der buddhistischen Meditation so wichtig?
Wer ausgeglichen ist, verliert sich weder im Schwierigen noch im Angenehmen. Es braucht viel Gleichmut, um zu sehen, dass Hass ebenso eine Tatsache ist wie Liebe. In uns selbst – und in der Welt.
Macht die Vorstellung, dass Liebe und Hass gleichermassen zur Welt gehören, letztlich nicht unpolitisch? Warum sollen wir uns engagieren, wenn Gelassenheit das Ziel ist?
Das kann eine Gefahr sein, wenn jemand das ganze Leben im Kloster verbringt, mit dem Ziel, für sich Freiheit zu erlangen. Aber gerade den jungen Menschen, die ich unterrichte, sind gesellschaftliche Themen wie Ernährung oder Ökologie sehr wichtig. In der tibetischen Tradition gibt es das sogenannte Bodhisattwa-Gelübde, mit dem man verspricht, nicht nur die eigene Erleuchtung zu suchen, sondern seine Praxis auf das Wohl aller auszurichten. Mir persönlich wird das mit zunehmendem Alter immer wichtiger. Ich betreue regelmässig Enkelkinder, mache Nachtwachen und Begleitungen von Palliativkranken sowie Sterbenden.

Zentral im Buddhismus: Die Praxis der «liebenden Güte», bei der man eine innere Haltung des Wohlwollens einübt.
Wird diese ethische Lebenshaltung auch in der Meditation geübt?
Im Buddhismus ist die Metta-Praxis zentral, was man mit «liebende Güte» übersetzen könnte. Man übt eine innere Haltung des Wohlwollens gegenüber sich selbst und anderen ein. Es geht darum, andere Menschen und letztlich auch schwierige Menschen – von denen es im Moment ja genügend auf der Welt gibt – als Menschen sehen zu können, die glücklich sein wollen. Auch wenn sie aus meiner Sicht dafür vielleicht sehr seltsame Wege gehen.
«Okay, sage ich mir, Donald Trump ist zwar aus meiner Sicht ein Tubel – aber auch er will letztlich nur glücklich sein. Damit heisse ich keineswegs gut, was er tut.»
Das müssen Sie mir genauer erklären. Können Sie wohlwollend über Donald Trump denken – und wenn ja, warum soll das erstrebenswert sein?
Gut, wenn ich etwas über ihn lese, denke ich auch erst mal Sachen wie: So viele in seinem Alter haben einen Herzinfarkt, warum er nicht? Aber dann realisiere ich, dass ich derjenige bin, der wütend wird und sich niedergeschlagen fühlt. Okay, sage ich mir, er ist zwar aus meiner Sicht ein Tubel – aber auch er will letztlich nur glücklich sein. Damit heisse ich keineswegs gut, was er tut. Man versucht einfach, zu verstehen, dass das Leben polar ist und das Gute ebenso wie das Böse dazugehört. Und ich mich auf das ausrichten kann, was ich als gut und hilfreich erachte. Die Ethik ist einer der drei Hauptpfeiler der buddhistischen Praxis.
Welche sind die beiden anderen?
Weisheit und das, was Meditation genannt wird. Alle drei Aspekte haben Unteraspekte, zusammen ergeben sie den sogenannten achtfachen Pfad. Mit Weisheit ist gemeint, dass wir zum Beispiel erkennen, dass Hass niemals durch Hass geheilt werden kann.
Im Buddhismus ist auch von Erwachen und Erleuchtung die Rede. Haben Sie das erlebt?
Vielleicht einen kleinen Funken davon. (Lacht) Ich habe meditiert und in die bayerischen Alpen geschaut – plötzlich sagte es in mir, dass alles gut sei. Der Augenblick war absolut perfekt. Da habe ich angefangen, zu verstehen, dass alles, eben auch der Krieg, dazugehört. Menschen, die Erwachen ganz tief erfahren, sagen, es sei einfach ein unglaubliches Gefühl von Verbundenheit mit allem. Aber gleichzeitig wissen sie auch, dass wir Individuen sind, die alle eigene Wege gehen.

Die durchstrukturierten Tage bei der Vipassana-Meditation haben Samuel Theiler zugesagt: Man meditiert von morgens bis abends.
Das wissenschaftlich fundierte Achtsamkeitstraining MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) vermeidet spirituelle Begriffe wie Erwachen. Ist MBSR quasi buddhistische Meditation für Leute, die nichts mit Religion am Hut haben?
Ja. Jon Kabat-Zinn, der Begründer von MBSR, hat durch die buddhistische Meditation selbst erfahren, wie hilfreich Achtsamkeit ist. Als er eine solche Praxis an seiner Universitätsklinik einführen wollte, hat er sie säkularisiert, weil ihm klar war, dass sie nur so angenommen wird.
Warum übt man Meditation in Schweigeretreats?
Weil jedes Reden geistige Aktivität bedeutet. Das ist nicht schlecht – aber wenn man sich ganz auf sich selbst einlassen will, muss man still werden.
Gibt es eine besondere Energie, wenn mehrere Leute in einem Raum meditieren?
Unbedingt. Oft staunen die Teilnehmenden nach einem Kurs, wie verbunden sie sich miteinander gefühlt haben, obwohl sie nicht gesprochen haben.
«Apps können einen zeitlichen Rahmen vorgeben, und bei gewissen kann man virtuell mit anderen zusammen meditieren. Ich selbst nutze keine App.»
Sind Meditations-Apps hilfreich?
Apps können einen zeitlichen Rahmen vorgeben, und bei gewissen Apps kann man virtuell mit anderen zusammen meditieren, was viele als unterstützend empfinden. Ich selbst nutze keine App.
Wie kamen Sie zur Meditation?
Durch meine Frau. Ich hatte schon einiges ausprobiert, aber die Vipassana-Meditation hat mir am meisten zugesagt. Ich war eher unruhig, und die durchstrukturierten Tage haben mir geholfen: 45 Minuten Sitzmeditation, 45 Minuten Gehmeditation, 45 Minuten Sitzmeditation, 45 Minuten Gehmeditation. Man meditiert von morgens bis abends.

Es geht um den Versuch, von Moment zu Moment einfach präsent zu sein: Das kann auch furchtbar langweilig sein.
Ist das nicht langweilig?
Es kann furchtbar langweilig sein! Wenn man vor dieser Erfahrung nicht flüchtet, merkt man, dass sie von selbst wieder vergeht. Es geht um den Versuch, von Moment zu Moment einfach präsent zu sein. Als ich gefragt wurde, ob ich die Ausbildung zum Meditationslehrer machen möchte, war mein erster Gedanke: wie langweilig. Der zweite: Das ist die beste Gelegenheit, um tiefer in die Praxis hineinzukommen.
Sie haben sich darauf eingelassen.
Ja, ich habe meiner inneren Stimme vertraut, trotz Widerständen. Man sollte immer auf sich selbst hören. Es geht nicht darum, einer gewissen spirituellen Tradition zu folgen, weil sie der einzige richtige Weg ist. Wenn jemand nach einem MBSR-Kurs gut mit seinem Leben zurechtkommt, braucht es nichts weiter. Vielleicht ist da aber ein Bedürfnis, tiefer zu gehen und einen sogenannten Retreat zu besuchen. Man darf seine Meinung ja auch wieder ändern!
Ein sehr westlicher Zugang.
Ja, klar. Wir sind hier im Westen.
Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals am 7. November 2025 veröffentlicht.
Haben Sie auch Erfahrungen mit Meditation? Erzählen Sie uns davon in den Kommentaren.
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