Sport ist eigentlich gesund. Aber mehr Sport heisst nicht immer automatisch mehr Gesundheit. Wer zu hart trainiert und zu selten Pausen einlegt, schadet sich. Der Sportkardiologe Christian Schmied vom Unispital Zürich sieht darin ­sogar einen gefährlichen Trend: «Es kommen immer häufiger Sportsüch­tige in die Praxis.»

Die Diagnose Sportsucht ist noch neu, die Diagnosekriterien sind erst in Entwicklung. Es fehlen bisher auch grosse Studien. Doch Experten sind sich einig, dass die Zahl der Betrof­fenen steigt. Knapp fünf Prozent der Freizeitsportler sind sportsuchtgefährdet, zeigt eine Studie der ­Universität Erlangen. Sie vernachlässigen soziale Kontakte, ­reagieren auf Zwangspausen vom Sport gereizt und empfinden den Sport als Zwang.

Unbewusst süchtig

Viele Experten meinen, es seien mehr als fünf Prozent der Sportler suchtgefährdet. Ein Indiz dafür seien die steigenden Teilnehmerzahlen von Volksläufen und Marathons sowie der ­anhaltende Boom der Sport- und Fitnessstudios. «Die Dunkelziffer ist sehr hoch», sagt der Zürcher Sport­psychologe Alexander Lia­to­witsch. Denn Sportsüchtige seien sich meist nicht bewusst, dass sie ein Problem haben – und suchen keine Hilfe beim Arzt. «Sie können ohne mehrmalige He­rausforderung pro Woche nicht mehr leben», so Liatowitsch.

Die meisten beginnen mit Sport, weil sie fit und gesund sein möchten. Doch mit der Zeit verlieren einige die Freude an der Bewegung und quälen sich der Gesundheit wegen. Anderen geht es mit der Zeit nur noch um die Wirkung, die sie mit dem Sport für sich persönlich erzielen.

Schätzungen zufolge erlebt jeder zehnte Ausdauersportler das Runner’s High, einen von Glückshormonen ausgelösten Rauschzustand. Man fühlt sich dann glücklich, unbesiegbar. Dem Gehirn gefällt das, es will immer mehr davon. Entsprechend werden die Trainingsziele ehrgeiziger, die Wege weiter. Schmerzen werden nicht mehr als bedrohlich wahrgenommen, und man trainiert trotz Verletzungen weiter.

«Zu viel Sport überdeckt meist andere Probleme.»

Alexander Lia­to­witsch, Sport­psychologe

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Was steckt dahinter? «Zu viel Sport überdeckt meist andere Probleme», sagt Sportpsychologe Liatowitsch. Vielfach seien Leute mit ungenügendem Selbstwertgefühl betroffen. «Sie kompensieren innere Schwäche mit physischen Höchstleistungen. Sie spüren sich nur noch in der extremen körperlichen Anstrengung und haben nur Achtung vor sich selbst, wenn sie ein sehr hoch gestecktes sportliches Ziel erreichen.» Sport bringt zudem gesellschaftliche Anerkennung, stiftet Identität, die einem privat und beruflich vielleicht versagt bleibt. Sport treiben gilt zudem als cool. Daher fördert Sport das Selbstbewusstsein, man hat mehr Kontrolle über das eigene Leben. Man «gehört dazu».

Ein anderer Aspekt der Sportsucht ist eine falsche Selbstwahrnehmung: Man findet sich zu dick, zu unsportlich – trotz regelmässigem Training. Essstörungen bei Sportlern sind ein ernsthaftes Problem, sagt das Zürcher Zentrum für Essstörungen. Das Warnsignal: Diäten trotz Dauertraining. So lässt sich das Körpergewicht schneller senken. Aber das Risiko ­einer Mangelernährung steigt. Der gefährliche Ausweg: Man greift zu muskelaufbauenden Präparaten.

Dazu kommen körperliche Verschleisserscheinungen: Nicht mehr auf Schmerzen, Verletzungen und Erschöpfungszustände zu achten kann längerfristig gefährlich sein. Die Folge sind chronische, teils ­irreparable Schäden an Gelenken, Knochen, Sehnen und Bändern.

«Das grosse Problem ist meist die fehlende Regeneration», sagt Sportkardiologe Christian Schmied. Der Körper hat keine Zeit, sich zu er­holen, die nächste Trainingseinheit kommt oft zu früh. Das mache nicht fitter. «Betroffene berichten dann, dass sie trotz intensivem Training gar Alltagsbelastungen wie Treppensteigen nicht mehr bewältigen können.» Sportsüchtige seien auch gestresst; ständiges Training, ausreichend Schlaf, Zeit zum Essen, für ­Beruf und Familie – das alles müsse man unter einen Hut bringen. «Das erzeugt einen negativen Dauerstress, ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-­Erkrankungen.»

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Zu viel Training ist schlecht fürs Herz

Ausserdem überschätzen sich Sportsüchtige gern. Sie erhöhen ihre Trainingsziele zu schnell. Das kann vor allem für Ältere gefährlich sein. «Wenn der Körper ungenügend auf hohe Trainingsziele oder einen Marathonlauf vorbereitet ist, erhöht das das Infarktrisiko.»

Eine ständige Überbelastung des Herz-Kreislauf-Systems kann zudem zu teilweise irreversiblen Veränderungen am Herzen führen, an der Hauptschlagader, der rechten Herzkammer oder auch bei den Vorhöfen. Durch die Vorhofsvergrösserung steigt das Risiko, mit zunehmendem Alter ein Vorhofflimmern zu entwickeln. Eine Krankheit, die sich vor allem bei Ausdauersportlern manifestiert. Das allein ist zwar nicht tödlich, aber Herzrhythmusstörungen können zu Komplikationen führen, bis hin zum Hirnschlag. Der beste Ausweg: Man reduziert Zahl und ­Länge der Trainings. Dann sinkt der negative Stresslevel. Die vergrös­serten Herzkammern können sich zurückbilden, das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung verringert sich.

«Sie wissen alles über Nebenwirkungen, aber sie nehmen das alles in Kauf.»

Monika Conus, Physiotherapeutin

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Monika Conus behandelt in ihrer Solothurner Physio­praxis oft Freizeitsportler, deren Verletzungen an Bändern, Knochen und Sehnen nicht ausgeheilt sind. Vor allem Läufer, Velofahrer und Bodybuilder ­seien gefährdet. «Es ist verrückt, was diese Leute alles anstellen, damit sie ­weitertrainieren können», sagt Conus. Sie greifen zu Schmerz- und Rheumamitteln, Asthmaspray, Aufputschpülverchen, Spritzen mit Enzymen und Kraftnahrung in allen Formen. Und damit sie auf Dehnübungen verzichten können, benutzen sie muskelentspannende Mittel. Das Paradoxe da­ran: «Sie wissen alles über die Nebenwirkungen, wie lange die Medika­mente wirken und wie lange sie sie einnehmen dürfen, aber sie nehmen das alles in Kauf.»

Lieber leiden als überlegen

Es sei «ganz schwierig», wenn man ­ihnen sagen müsse, dass sie ihr Training reduzieren sollten. «Sie weigern sich. Denn es ist für sie schmerzhafter, sich mit ihrem eigentlichen Problem zu beschäftigen, als die physischen Schmerzen beim Training zu ertragen», sagt Conus. Mit Worten komme man meist nicht sehr weit. «Ich verzichte deshalb zunächst auf Tipps und versuche, über ihren Körper den Einstieg zu finden.» Wenn die Patienten merkten, dass dank der Therapie die Beschwerden abklingen, würden sie empfänglicher für Ratschläge. «Das dauert aber meistens ein paar Behandlungen lang.»

Neben dem Körper leidet auch die Psyche. Schon das Aussetzen eines einzigen Trainings setzt die Betroffenen auf Entzug. Sie werden nervös, depressiv und gereizt, können nicht schlafen. Meist spüre die engste Umgebung, wenn es jemand mit dem Sport übertreibe, sagt Sportpsychologe Alexander Liatowitsch. Sport wird zum Hauptthema, Sportsüchtige sprechen nur noch darüber. Soziale Kontakte erleben sie als Hindernis, das sie vom Sport abhält. Sie ziehen sich von Familie und Freunden zurück. Typische Krankheitssymptome sind Gewichtsabnahme und Schlafstörungen.

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In einer frühen Phase kann man noch selber erkennen, ob man sportsüchtig ist. Ein einfacher Test: mal zwei, drei Tage ohne Sport zu Hause faul auf der Couch rumliegen. Wer sich dann noch wohl fühlt, hat ein gesundes Verhältnis zum Sport. Wer un­ruhig wird, sollte sein Sportverhalten genauer analysieren.

Sportsucht: Was ist zu tun?

  • Es ist wichtig, frühzeitig etwas gegen Sportsucht zu unternehmen. Später wird eine Therapie immer schwieriger. Speziell dafür etablierte Verfahren gibt es noch nicht. Kognitive Verhaltenstherapie kann den Fokus weg vom Sport und wieder aufs normale Leben lenken.

  • Das soziale Leben muss reaktiviert werden. Die betroffenen Menschen müssen sich Alternativen zum Sport suchen, die ihnen Erfolgserlebnisse und Anerkennung bringen. Durch die Defokussierung lernen die Betroffenen, wieder Schmerz und Erschöpfungszustände zu erkennen und darauf zu reagieren.

  • Den Trainingsumfang muss man langsam reduzieren. Vielen hilft eine Lauf- oder Velogruppe oder eine Mannschaftssportart. Die soziale Kontrolle in der Gruppe reduziert das Risiko für Sportsucht.

  • Freunde und Verwandte sollten aktiv werden und die Sportsüchtigen auf das Problem ansprechen. Man kann etwa anbieten, ein- oder zweimal die Woche gemeinsam Sport zu machen, um so das Übertraining zu reduzieren. Tipps für ein solches Gespräch liefert die Website www.wie-gehts-dir.ch.