Der Schock kam am 8. September 2014 per Post: Lindsay Buffington muss die Schweiz verlassen. Die Harfenistin aus den USA lebt seit fast zehn Jahren hier – Jahre, in denen sie übte, bis sie Blasen hatte, ihre Harfe durch das Land schleppte, Konzerte spielte, CDs aufnahm und Kinder und Jugendliche unterrichtete.

«Als freischaffende Musikerin darfst du nie ausruhen, du musst immer dranbleiben», sagt die 30-Jährige. Sie wohnt mit zehn anderen Musikern aus aller Welt in einer grossen, bunten Wohngemeinschaft in Basel. Buffington spricht fliessend Deutsch und Französisch, ihr Freund lebt in Luzern. «Ich fühle mich einfach wohl in der Schweiz. Hier bin ich zu Hause.»

«Der nette Beamte vom AWA»

Die Aufenthaltsbewilligungen hatte Buffington in Basel immer problemlos bekommen. Zuständig dafür war ­Richard Getzmann*, damals Leiter der Abteilung Arbeitsbewilligungen des Amtes für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Im Herbst 2013 wurde er wegen Verdachts auf Amtsmissbrauch verhaftet und angeklagt, weil er im grossen Stil rechtswidrige Bewilligungen an Reinigungskräfte, Kellnerinnen, Handwerker und vermutlich auch an Prosti­tuierte aus Bulgarien und Rumänien ausgestellt hatte. Getzmann wurde frühpensioniert, das Verfahren gegen ihn ist noch hängig. Im Zuge der Ermittlungen wurden alle seine Dossiers durchleuchtet, dabei stellte man auch bei den Musikerbewilligungen Un­regelmässigkeiten fest.

Über sein Motiv wird gerätselt. Getzmann sei mit dem Rotlichtmilieu verbandelt, sagen die einen. Er sei ein warmherziger Musikliebhaber, sagen die anderen. Der Chefbeamte hatte Absolventen der Musikhochschule aus Nicht-EU-Ländern Kurzaufenthaltsbewilligungen erteilt und jährlich verlängert. Diese werden vom Kanton ausgestellt, sind nicht durch Kontingente beschränkt und bedürfen keiner Zustimmung des Bundes.

Eigentlich berechtigen sie nur zu einem achtmonatigen Aufenthalt innerhalb eines Jahres, für begrenzte Projekte. Antragsteller müssten laut Gesetz einen Wohnsitz im Ausland vorweisen. «Der nette Beamte vom AWA», wie die Musiker Getzmann unisono beschreiben, hatte keine der Bedingungen erwähnt oder verlangt. Die Musiker wussten nicht, dass ihre Bewilligungen rechtswidrig waren.

Dass Basel besonders liberal Bewilligungen vergab, hatte sich aber unter Musikern herumgesprochen – und zur besonders reichhaltigen Basler Musikszene beigetragen. Nun ist diese Blütezeit vorbei. Rund 50 hochqualifizierte Musiker aus Nicht-EU-Ländern müssen Ende August das Land verlassen. Die meisten von ihnen haben an der renommierten Basler Hochschule für Musik mindestens zwei Masterabschlüsse erlangt. Und der Staat hat viel in die ausgewiesenen Musiker investiert: 45'000 Franken kostet ein Stu­dienjahr, rund die Hälfte davon bezahlen die Nordwestschweizer Kan­tone. Der Rest wird von Stiftungen und zu einem geringen Teil von den Studenten getragen.

Für 17 Musiker, die über vier Jahre lang falsche Bewilligungen erhalten hatten, ersuchte der Kanton Basel-Stadt «aus humanitären Gründen» beim Bund um eine Härtefallregelung. Der Bund hat diese bewilligt.

Gesucht: Festanstellung

Der Fall zeigt: Wenn das Ausländer­gesetz korrekt angewandt wird, haben Musiker aus Drittstaaten praktisch keine Chance, in der Schweiz zu leben. Wer nämlich längerfristig hier arbeiten will, muss eine 75-Prozent-Stelle bei einem einzigen Arbeitgeber vorweisen – und einen Mindestlohn, den auch die meisten Schweizer Musiker ihr Leben lang nicht erreichen. 75-Prozent-Stellen gibt es in der Branche kaum, und sie sind für eine Konzertkarriere hinderlich, weil zu wenig Zeit für die künstlerische Arbeit bleibt. Aus­serdem muss der Arbeitgeber beweisen, dass er keinen äquivalenten Musiker aus der Schweiz oder der EU findet. «Absurd», sagt der Schweizer Mu­siker und Komponist Silvan Loher: Wenn er für ein Projekt eine bestimmte Sängerin auswähle, dann habe das viele Gründe – ihre Stimmqualität, ­ihre Persönlichkeit, die Chemie zwischen beiden. «Wenn ich dem Arbeitsamt beweisen müsste, dass keine andere im EU-Raum meine Musik besser singen könnte, ist das, als ob man vor der Hochzeit dem Standesamt belegen müsste, dass es weltweit keinen besseren Partner gibt», so Loher.

Keine Stellungnahme des Bundesrats

In Basel hat das Musikerdrama viel Empörung ausgelöst. Mehr als 28'000 Leute haben eine Petition unterzeichnet. Ständerätin Anita Fetz (SP) und Nationalrat Daniel Stolz (FDP) reichten im Parlament zwei Vorstösse ein: Das Gesetz müsse angepasst werden, damit Musiker mit Schweizer Hochschulabschluss künftig legal in der Schweiz arbeiten könnten – auch wenn sie mehrere Arbeitgeber hätten. Der Bundesrat sah dafür aber keinen Anlass. «Es weht ein starker Gegenwind in Bundesbern», sagt der Basler ­SP-Nationalrat Beat Jans. Die Masseneinwanderungsinitiative erschwere jegliche Öffnung in Zuwanderungs­fragen. Dass mit Simonetta Somma­ruga eine Konzertpianistin an oberster Stelle der Bundesmigrationsbehörde steht, hat den Musikern bisher nicht viel gebracht. Sommaruga selbst will sich dazu nicht äussern.

Migrationsamt prüft neue Vorschläge

Einen kleinen Etappensieg hat Jans dennoch erzielt. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) hat sich bereit erklärt, die Musiker anzuhören. Schweizer Musiker und Experten wurden eingeladen, Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten. Das dicke Paket liegt nun beim SEM. «Wir werden die Vorschläge prüfen», sagt Daniel Sormani, Sektionschef Arbeitskräfte. Wie lange das dauern wird, kann er aber nicht sagen.

* Name geändert

Korrektur: In einer ersten Version schrieben wir, Richard Getzmann* sei «Leiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit (AWA)» gewesen. Das stimmt nicht: Getzmann war damals Leiter der Abteilung Arbeitsbewilligungen im Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

Quelle: Christian Flierl

Lindsay Buffington, 30, Harfenistin aus den USA

«Es war wohl zu gut, ­­um wahr zu sein», sagt Lindsay Buffington über die jahrelange Basler ­Bewilligungspraxis. Die Stadt sei wie ein kleines Paradies für freischaffende Musiker gewesen. Ende August muss sie nach knapp zehn ­Jahren das Land verlassen. Buffington hat in ­Lausanne Harfe ­studiert, später hat sie in Luzern einen zweiten Master in Pädagogik ­absolviert. Heute lebt sie in Basel, unterrichtet und gibt Konzerte. ­Zusammen mit der Schweizer Harfenistin Céline Gay des Combes hat sie das «Deux en ­Harpe» gegründet.

Lindsay Buffington, rechts, spielt mit Estelle Costanzo das Lied «Prélude, Fugue et Variation» vom französischen Komponisten César Franck:

Lindsay Buffington spielt die «Sonata A-Dur K 208» des italienischen Komponisten Domenico Scarlatti aus dem 18. Jahrhundert:

Quelle: Christian Flierl

Dan Dunkelblum, 35, Tenor aus Israel

Vor knapp acht Jahren zog Dan Dunkelblum für das Masterstudium nach Basel: «Die Schola Cantorum Basiliensis ist weltbekannt für Barockmusik.» Dunkelblum singt in verschiedenen Ensembles und hat mit «Profeti della Quinta» einen wichtigen Preis gewonnen. Sein Berufsleben ist ein Mosaik aus kleinen Engagements: Mal singt er in der Kirche Stücke von komponierenden Nonnen aus dem 17. Jahrhundert, mal bei Wein und Brot dadaistisch angehauchte Lieder, mal Arien auf der Opernbühne. Eine für die Aufenthalts­bewilligung notwendige 75-Prozent-Anstellung sei unerreichbar. «Das Gesetz ignoriert unsere Realität.»

Dan Dunkelblum singt zusammen mit Ori Harmelin an der Chitarrone (eine Art Laute) ein Liebeslied des italienischen Komponisten Francesco Rasi aus dem frühen 17. Jahrhundert:

Quelle: Christian Flierl

Han-na Lee, 34, Cembalistin aus Südkorea

Han-na Lee lebt seit zehn Jahren in der Schweiz. Der Brief über ihre Ausweisung war für sie ein Schock. In ­Südkorea sei der Markt für alte Musik zu klein. Lee hat an der Schola Cantorum Basiliensis zwei Masterstudien ­absolviert: Cembalo und historische Aufführungspraxis. Sie gibt Konzerte, begleitet auf der Orgel Gottesdienste und arbeitet an der ­Musikhochschule als Korrepetitorin. Nach vielen schlaflosen ­Nächten hat sich ­die 34-Jährige nun entschieden, in Deutschland die Aufnahme­prüfung für ein Studium als Meisterschülerin zu machen. Han-na Lee: «Das wird mein ­kleines Abenteuer. Es ­muss klappen. Eine Alter­native gibt es nicht.»



Han-na Lee spielt am Cemba, während der Tenor Dan Dunkelblum singt. Das Stück heisst «Orpheus und Euridice» und stammt vom grossen britischen Komponisten William Boyce (1711-1779):

Quelle: Christian Flierl

Matias Laborde, 32, Schlagzeuger aus Argentinien

Matias Laborde lebt seit sechs Jahren in der Schweiz. Er hat sich damit arrangiert, nach Argentinien zurückzukehren. «Ich habe vier Hochschuldiplome, spreche Deutsch und zahle meine Steuern –
wenn das nicht reicht, dann ist es halt Pech. Ich will nicht betteln müssen.» Laborde spielt als freischaffender Perkussionist Konzerte, etwa für die Basler Sinfonietta. Daneben gibt er Schlagzeugstunden. Das kulturelle Leben in der Schweiz beeindruckt ihn. «Besonders Basel ist ein Magnet für Künstler.» Eine für die Aufenthaltsbewilligung notwendige 75-Prozent-Anstellung zu finden sei aber unmöglich. «Das wäre wie ein Sechser im Lotto.»


Matias Laborde spielt «Zamba para escuchar tu silencio» vom argentinischen Komponisten und Gitarristen Guillo Espel: