Was will die Initiative zum Tierversuchsverbot?

Die Initiative will alle Tier- und Menschenversuche in der Schweiz verbieten. So einfach, so extrem. Auch will sie der Ein- und Ausfuhr von Produkten, die mit Tierversuchen entwickelt wurden, einen Riegel schieben. Medikamente oder Impfstoffe aus dem Ausland dürften dann in der Schweiz nicht mehr verwendet werden. 

Ziel der Initiative ist auch, dass in tierversuchsfreie Forschung investiert wird und diese mindestens dieselbe staatliche Unterstützung erhält wie bisher die Forschung mit Tierversuchen.

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Wie sieht die aktuelle Gesetzeslage aus?

Obwohl das Schweizer Tierschutzgesetz eines der strengsten weltweit ist, hält es nicht fest, dass Tiere immer glücklich sein müssen. Oder frei von Stress und Schmerz. In einer eher zweckorientierten Ethik verlangt es nur, dass die Belastungen gerechtfertigt sein müssen. So laufen Tierversuche auf eine Schaden-Nutzen-Rechnung hinaus: das Leid der Tiere gegen das gesellschaftliche Interesse. 

1,3 Millionen Tiere lebten 2019 in bewilligten Versuchstierhaltungen, davon wurden 572'069 in Versuchen eingesetzt. Bewilligt heisst: Ein Gremium von Experten aus unterschiedlichen Fachrichtungen hat beraten und das Forschungsziel für wichtiger befunden als das Wohl der Tiere. Erst wenn kein einziges Tier ungerechtfertigt belastet wird, wird der Versuch zur Bewilligung empfohlen. So will es das Gesetz. 

Tiere dürfen aber nur verwendet werden, wenn keine alternativen Methoden und Technologien vorhanden sind. Und wenn, sollten es möglichst wenige sein und es sollte ihnen möglichst gut gehen. Auch das ist gesetzlich festgelegt. Ersetzen, Reduzieren, Verbessern – diese 60 Jahre alten Prinzipien sollen dafür sorgen, dass mit den Labortieren möglichst verantwortungsvoll umgegangen wird. Sie werden auch 3R genannt – Replace, Reduce, Refine

Mittlerweile können mit humanen Zellen, Mini-Organen auf Chips und Computersimulationen kleine Versuchssysteme nachgebaut werden. Solche alternative Methoden sind auch oft einiges günstiger als Versuche mit Tieren. Doch der Fortschritt stösst an seine Grenzen – etwa bei der Erforschung von Krankheitsprozessen, die den ganzen Körper betreffen, oder bei Fragen zur Verhaltenssteuerung im Gehirn. Ohne intaktes Nervensystem, ohne Maus, Schwein oder Affe kein Erkenntnisgewinn. 

Wer Tierversuche durchführen möchte, benötigt eine spezielle Ausbildung. Ausserdem schreibt das Gesetz regelmässige Weiterbildungen vor, zum Beispiel bezüglich Alternativmethoden. Diese werden vom Bund gezielt gefördert.

Wo kommen Tierversuche in der Schweiz zum Einsatz?

Jede Untersuchung an lebenden Tieren, die eine wissenschaftliche Frage beantwortet, zählt als Tierversuch. Etwa die Erforschung von Medikamenten oder Therapien, aber zum Beispiel auch Studien zur Beobachtung von Zugvögeln. Also auch dann, wenn die Untersuchungen keine Belastung für die Tiere darstellen.

Die meisten Tierversuche wurden 2020 in der Krebsforschung vorgenommen. Die Tierversuche dienen nicht nur zur Erforschung von Krankheiten beim Menschen, sondern auch der Tiermedizin, der Grundlagenforschung und dem Umweltschutz. So werden Tierversuche beispielsweise auch in der Forschung rund um den Artenschutz verwendet oder um das Schädigungspotenzial von Chemikalien zu testen. Aber zwei Drittel der verwendeten Tiere wurden 2020 für die Erforschung von Krankheiten beim Menschen eingesetzt.

Die häufigsten Tiere in den Laboren der Schweiz sind Mäuse, gefolgt von Vögeln, Ratten und Fischen. Nach Abschluss der Untersuchungen werden die Tiere in den meisten Fällen getötet. Die Tötung muss schnell und schmerzfrei passieren, auch das ist gesetzlich geregelt.
 

Dafür wird bei Tieren geforscht

Welchen wissenschaftlichen Zweck haben die Tierversuche?

(Infografik vom 1. September 2021) 

Quelle: BLV – Infografik: Anne Seeger

An welchen Tierarten die meisten Tierversuche durchgeführt werden

An welchen Tierarten die meisten Tierversuche durchgeführt werden

(Infografik vom 1. September 2021) 

Quelle: BLV – Infografik: Anne Seeger
Nimmt die Zahl der Tierversuche in der Schweiz zu?

​​​​​​Nein. Sie sinkt sogar von Jahr zu Jahr, seit 2015 um gut 18 Prozent. Eine Folge der Bemühungen, die Zahl der Tiere zu reduzieren und vermehrt auf alternative Methoden auszuweichen, wie es das gesetzlich vorgeschriebene 3R-Prinzip vorsieht.

Im Jahr 2020 wurden noch an insgesamt 556’107 Tieren Versuche durchgeführt, an 16’000 weniger als im Vorjahr. Zugenommen hat aber die Anzahl Tiere, die für schwer belastende Tierversuche verwendet wurden. Tierversuche werden in vier Belastungskategorien von 0 bis 3 eingeordnet: Keine Belastung stellt beispielsweise die Beobachtung von Zugvögeln oder Zootieren dar. Eine schwere Belastung sind zum Beispiel der lange Einsatz von Elektroden oder die Transplantation eines bösartigen Tumors.

Letztes Jahr wurden rund 20’000 Tiere Versuchen mit Schweregrad 3 ausgesetzt – rund 1500 mehr als im Jahr davor.
 

Seit 1990 nur noch halb so viele Versuchstiere in der Schweiz

Versuchstiere in der Schweiz seit 1990

Tierversuche werden seit Anfang der achtziger Jahre zunehmend durch andere Methoden ersetzt. Der leichte Anstieg bei der Anzahl Tiere seit 2000 kommt daher, dass die biomedizinische Grundlagenforschung bedeutender geworden ist. (Infografik vom 18. Juli 2019

Quelle: BLV/Tierversuchsstatistik – Infografik: Andrea Klaiber und Anne Seeger

Wie viele Tiere werden wie schwer belastet?

Tierversuche: Anzahl Versuchstiere nach Schweregrad

Die Belastung von Versuchstieren wird in vier Kategorien eingeteilt. Entscheidend ist, ob sich das Tier unwohl fühlt, ob ihm Schmerzen zugefügt werden, ob es leidet oder verängstigt wird. Je nach Tierart wird strenger bewertet. (Infografik vom 1. September 2021) 

Quelle: BLV – Infografik: Anne Seeger
Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da?

Im internationalen Vergleich hat die Schweiz bereits eines der strengsten Tierschutzgesetze.

So dürfen Tierversuche nur dann durchgeführt werden, wenn keine Alternativen zur Verfügung stehen, und für die Haltung gelten ebenso strenge Regeln wie für die Aus- und Weiterbildung der Forschenden. Und jeder einzelne Versuch muss vom kantonalen Veterinäramt und der jeweiligen Tierversuchskommission bewilligt werden.

Würde die Initiative angenommen werden, wäre die Schweiz das erste Land, das komplett auf Tierversuche verzichten würde. 

Wer spricht sich für eine Annahme aus?

Hinter dem Initiativkomitee steht der Verein IG Tierversuchsverbots-Initiative CH.

Die Initianten finden Tierversuche unethisch und ineffizient. Der Körper von Tieren unterscheide sich zu stark von dem des Menschen. Relevante Erkenntnisse liessen sich so nicht gewinnen. Und 95 Wirkstoffe von 100 versagten im Menschenversuch, trotz scheinbar erfolgversprechender Ergebnisse. 

Bei Annahme der Initiative würden auch klinische Studien über noch nicht zugelassene Medikamente an gesunden Menschen verboten werden. Diese lieferten nur vage Durchschnittswerte, argumentieren die Initianten. 

Zudem behinderten Tierversuche den Fortschritt. Das Komitee ist überzeugt, dass die Forschung modernere Methoden als Tierversuche zur Verfügung habe, etwa die Tests an menschlichen Zellen. 

Hinter der Volksinitiative stehen St. Galler Bürgerinnen und Bürger. Unterstützt wird sie von rund 80 Organisationen und Unternehmen. 

Wer spricht sich gegen eine Annahme aus?

Keine einzige Fraktion im Parlament hat die Initiative gutgeheissen, sie wurde ohne Gegenvorschlag abgelehnt. Auch der Bundesrat lehnt sie ab, weil die Forderungen zu radikal seien. Bei einer Annahme gäbe es in der Schweiz keine neuen Medikamente, Therapien oder Impfstoffe mehr, die mit Tierversuchen entwickelt werden. Weder für Menschen noch für Tiere. 

Auch die Forschung zur Giftigkeit von Chemikalien, beispielsweise Pflanzenschutzmitteln, oder die Forschung rund um den Artenschutz würde eingeschränkt werden. 

Der gleichen Ansicht ist auch der Schweizer Tierschutz, trotz seiner starken Kritik an Tierversuchen. Aber das Ziel einer Forschung ohne Tiere sei mit den rückschrittlichen Forderungen des Initiativkomitees nicht möglich. Die Zukunft liege in einer innovativen Forschung mit weniger Versuchstieren und ohne Tierleid. Wenn aber die Initiative dazu führen würde, dass internationale Forschungszusammenarbeit nicht mehr möglich wäre, wären die Folgen verheerend.

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Anina Frischknecht, Redaktorin
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