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AtomkraftwerkeLaut Studie ungenügender Notfallschutz

Die radioaktive Wolke nach einem Unfall würde 30-mal mehr Strahlung über Europa verbreiten als angenommen. Das ergibt eine neue Studie. Die Behörden betrachten solche Szenarien aber als unwahrscheinlich.

Ausbreitung einer Wolke radioaktiver Partikel 48 Stunden nach einem hypothetischen Unfall im Kernkraftwerk Beznau.
Von Veröffentlicht am 22. Mai 2019, aktualisiert am 22. Mai 2019

Dreissig Mal höher sei die bei einem schweren Unfall freiwerdende Radioaktivität, als das bei der Planung der Schutzmassnahmen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz BABS bisher vorgesehen ist. Das ergab eine am 21. Mai publizierte Studie des Institut Biosphère in Genf. Die Forscher haben die Auswirkungen eines grossen Nuklearunfalls in Schweizer AKW anhand realer meteorologischer Daten von 2017 untersucht.

Mit der «European Nuclear Power Risk»-Studie wurden laut einer Medienmitteilung der Schweizerischen Energie-Stiftung SES erstmals moderne meteorologische Berechnungen wie auch neue medizinische Erkenntnisse berücksichtigt, um die Risiken einer solchen Katastrophe in Westeuropa zu beurteilen. Die Studie fokussiert insbesondere darauf, wie Wetter und Geographie die Ausbreitung der radioaktiven Wolke beeinflussen würden.

Schutzkonzept soll überarbeitet werden

Bei einem Unfall im grenznahen französischen AKW Bugey oder in den Schweizer AKW Mühleberg, Gösgen, Leibstadt oder Beznau wären demnach rund 20 Millionen Personen von der freiwerdenden Strahlung betroffen. Geschätzte 12'500 bis 31'100 Menschen würden wegen der Strahlung vorzeitig an Krebs- oder Herzkreislauferkrankungen Test Wie geht es Herz und Kreislauf? sterben. Dazu kämen weitere strahlungsbedingte Erkrankungen sowie genetische Störungen und Beeinträchtigungen der Fruchtbarkeit.

Die SES fordert basierend auf den neuen Erkenntnissen, dass der Bundesrat das «derzeit ungenügende Schutzkonzept» rasch revidiert. 

«Szenario höchst unwahrscheinlich»

Das für die Planung und Koordination der Notfallschutzmassnahmen bei einem Atomunfall zuständige BABS erklärt auf Anfrage, dass die wesentliche Grundlage für diese Planung die vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI definierten «Referenzszenarien» seien. «In den letzten Jahren (insbesondere seit dem KKW-Unfall von Fukushima) sind die Notfallschutzmassnahmen systematisch überprüft und verbessert worden», sagt der Mediensprecher des BABS. «Seit Anfang 2019 ist die totalrevidierte Verordnung über den Notfallschutz in der Umgebung von Kernanlagen in Kraft.» Damit habe der Bundesrat die Massnahmen bereits verschärft.

«Eine seriöse Analyse der vorgelegten Berechnungen ist in so kurzer Zeit nicht möglich», ergänzt die Atomaufsicht Ensi, als der Beobachter sie mit der neuen Studie konfrontiert. Es seien nach Fukushima umfangreiche Berechnungen zu schweren Unfällen gemacht worden, solche Szenarien seien aber «höchst unwahrscheinlich».
 

Was passiert genau bei einem Unglück wie Fukushima in der Schweiz?

Die Schweizer Behörden sind nach der Katastrophe von Fukushima nicht untätig geblieben. Seither hat der Bund ein neues Notfallschutzkonzept erarbeitet, das bei einem AKW-Unfall umgesetzt würde. Allen Plänen zum Trotz bleiben viele Fragen offen. In unserer Titelgeschichte vom März 2016 beantworteten wir die dringlichsten – ausgehend vom amtlichen Katastrophenszenario.

Warnschild Atomunfall

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4 Kommentare

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casi

Eine radioaktive Katastrophe (AKW, unterirdische Deponie mit radioaktiven Abfällen), ist nicht unwahrscheinlich - früher, oder später. Ein Faktum bleibt bestehen, dass Radioaktivität tod-sicher ist und zwar auf ewig! Verantwortungslos von den Zuständigen ist, dass es bislang immer noch keine klaren, durchtrainierten Evakuierungs-Szenarien (ua mit der Armee) gibt, welche bei einer möglichen Katastrophe, zuverlässig und schnell, tausende von Menschen "unterirdisch" unterbringen würde, Langzeit-Betreuung auch medizinisch, Ernährung,...!?

Motzli_Motzer

Offenbar ist Ihr Wissen bezüglich Radioaktivität beschränkt.
Radioaktive Atome zerfallen und zum Schluss bleibt nur inaktives Material übrig. Also: Nicht auf ewig.
Zudem ist auch gut zu wissen, wie die postulierten Unfallszenarien in der Schweiz ablaufen. Explosionen, wie sie in Fukushima oder Tschernobyl passierten können nahezu ausgeschlossen werden, da alle schweizerischen Kernkraftwerke über Rekombinatoren verfügen, welche Wasserstoff zu Wasser rekombinieren (ohne Explosion, wie in Fukushima) und eine Leistungsexkursion wie in Tschernobyl ist in den schweizerischen Anlagen schon wegen der unterschiedlichen Auslegung unmöglich.
Zudem muss gesagt werden, dass die Medizin sich immer noch darüber streitet, wie gefährlich oder wie gesund Radioaktivität ist. Die Grenzwerte für die Bevölkerung wurden aus äusserster Vorsicht sehr sehr tief angesetzt.
Wenn Sie den Grenzwert für Weintrinken gleich tief ansetzen würden, dürften Sie alle zwei Monate einen Tropfen Wein zu sich nehmen....

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jaaberneinaber

Mag sein, dass das Szenario eines Atomunfalles höchst unwahrscheinlich ist. Trotzdem gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder schwerwiegende Atomunfälle. Chernobil ist sehr weit weg von uns, und trotzdem schaffte es der radioaktive Fallout bis zu uns. Nur so als einzelnes Beispiel.
Uebrigens, auch ein Sechser im Lotto ist höchst unwahrscheinlich, genau so unwahrscheinlich wie ein Atomunfall. Und trotzdem gibt es immer wieder Lottomillionäre.

Motzli_Motzer

Im Gegensatz zur sehr kleinen Wahrscheinlichkeit schwerer Unfälle in der Schweiz (ich spreche nicht von der ehemaligen Sowjetunion oder von Japan, auch nicht vom Prototypen in Lucens), ist der Schaden, den sich die Menschheit mit CO2 zufügt nicht wahrscheinlich, sondern sicher.

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