Eigentlich hat alles begonnen, weil sie eine Frau ist: Im Jahr 2009 informiert der Präsident der Genfer SVP ihren Vater, der Parteimitglied war, dass er Kantonsratskandidatinnen für seine Liste suche. Dieser fragt seine Tochter, sie lehnt ab, aber er lässt nicht locker.

Wenige Tage später ärgert sie sich über ein Abstimmungsergebnis: Die Schweizerinnen und Schweizer haben sich gerade für die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf Rumänien und Bulgarien ausgesprochen. Ihr Vater stichelt: «Willst du lieber alleine vor dem Bildschirm vor dich hin schimpfen oder wirklich etwas tun, damit sich die Dinge verändern?» Das sitzt.

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Mit Papa in den Wahlkampf ziehen

Sie akzeptiert die Kandidatur auf der SVP-Liste. Am 11. Oktober wird sie in den Grossen Rat gewählt. So ist Céline Amaudruz zur Politik gekommen. «Ich kann meinem Vater gar nicht genug dafür danken, dass er mich immer wieder angeschubst hat. Er hat erkannt, dass ich das Zeug dazu habe», sagt die SVP-Vizepräsidentin heute.

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Den ersten Wahlkampf führen sie zu zweit – denn Céline Amaudruz will unter keinen Umständen nur eine Nebenrolle in der Politik spielen, auch wenn sie anfänglich gezögert hat. Gemeinsam vertiefen sie sich in das Parteiprogramm und suchen nach Argumenten, die Anwältinnen, Bauern, Apothekerinnen, Garagenbesitzer, Sportfunktionäre sowie Finanzakteure überzeugen.

«Wir waren in Thailand in den Ferien und verbrachten unsere Abende damit, viele Menschen persönlich anzuschreiben und ihnen aufzuzeigen, wie ich ihre Interessen vertreten könnte.» Ein verschworenes Vater-Tochter-Team mit einer gemeinsamen Leidenschaft: In den ersten Jahren informiert sie ihn vorab über jeden ihrer Medienauftritte, und er beobachtet sie geduldig, kritisch und wohlwollend.

«Die Schwierigkeit am Anfang war, dass ich eine Frau bin, eine ‹Blondine›.»

Céline Amaudruz, SVP-Nationalrätin

Nach jedem Auftritt ruft ihr Vater sie an und sucht in einem gemeinsamen Debriefing mit ihr nach Verbesserungsmöglichkeiten. «Was wir zusammen erlebt haben, ist fantastisch. Er war mein Sparringpartner der ersten Stunde in diesem grossen Abenteuer.» Bei den letzten eidgenössischen Wahlen konnte er sie jedoch kaum noch unterstützen: Seine Gesundheit hat im Lauf der Jahre gelitten. «Er sagte mir: ‹Es tut mir leid, Marmouzette, dieses Mal konnte ich keine Briefe für dich schreiben.›»

Ein eher zufälliger Anfang also, während sich später alles ganz selbstverständlich ergeben hat. Vom ersten Tag an liebt sie es, Kämpfe auszufechten, im Rampenlicht zu stehen, Macht auszuüben.

Mit 42 Jahren ist Céline Amaudruz inzwischen Nationalrätin und Vizepräsidentin der grössten Partei der Schweiz, ihre Genfer Sektion leitet sie seit zehn Jahren. Eine Macht, die sie sich durch harte Arbeit Stück für Stück erobert hat. «Die Schwierigkeit am Anfang war, dass ich eine Frau bin, eine ‹Blondine›, die in diesem äusserst männlichen Milieu wie ein Fremdkörper wirkte.

Als Person, die nicht dem üblichen Bild eines SVP-Volksvertreters entsprach, musste ich mich besonders beweisen. Dies erforderte ein beträchtliches Engagement, auch wenn ich mit Entschlossenheit, Begeisterung und vor allem mit Freude Politik betreibe. Ich verdanke diese Kraft den sportlichen Wettkämpfen. Beim Wasserskifahren, beim Reiten muss man jeden Tag trainieren, egal ob man müde ist oder nicht. Das hat meinen Charakter geprägt.»

Blocher zählt auf sie

So arbeitet sie unermüdlich, ist immer und überall im Einsatz. Wenn ihr Name aufgerufen wird, ist sie anwesend. Bei jeder Parteisitzung, bei jeder Fraktionsversammlung. Sie packt auch heisse Eisen wie Zuwanderungs- und Sicherheitsfragen an, immer loyal mit der klaren Linie der SVP und den Entscheidungen der Parteileitung.

In Herrliberg, am Ufer des Zürichsees, weiss Christoph Blocher, dass er auf sie zählen kann. Schliesslich war sie es, der es gelang, die in Grabenkämpfe verstrickte Genfer Sektion zu einigen. Céline Amaudruz etabliert sich schnell in dieser Partei, die Arbeit als Tugend einstuft.

So erfolgreich, dass Toni Brunner, der damalige SVP-Parteipräsident, ihr 2016 das Vizepräsidium anträgt. Nun steht sie an der Spitze des Organigramms, neben Christoph Blocher, Walter Frey und Adrian Amstutz. Céline Amaudruz, eiserne Lady der SVP in der Westschweiz.

«Jede Politikerin muss an verschiedenen Fronten kämpfen.»

Céline Amaudruz, SVP-Nationalrätin

Am Morgen des 30. November 2017 weiss sie, dass das Risiko gross ist. Überall auf der Welt gibt die «MeToo»-Bewegung den Frauen eine Stimme, als das Parlament durch die Enthüllungen in der «Affäre Buttet» erschüttert wird – benannt nach dem Nationalrat, den mehrere Frauen anonym als sexuellen Belästiger outen.

In der Wandelhalle stürzen sich die Medienschaffenden auf die Nationalrätinnen, in der Hoffnung, eine Frau zu finden, die es wagt, sich der Öffentlichkeit zu stellen. Céline Amaudruz tut es. Im Gespräch mit RTS erklärt sie: «Gewisse Parlamentarier haben sich mir gegenüber unangemessen verhalten. Leider mehr als einmal.» Keine Namen, keine Details, trotzdem: Der Schock ist gross.

Kritik aus den eigenen Reihen

Das Medienecho ist natürlich enorm. Das Schweigen zu brechen und zu sagen, dass eine winzige Minderheit der Volksvertreter sich unangebracht verhält und dass dies nicht normal ist, ist eine Premiere, die viele begrüssen. Parteifreunde wie Bundesrat Guy Parmelin und Nationalrat Michaël Buffat unterstützen sie.

Andere reagieren kritisch: Der damalige Chef ihrer Fraktion, Adrian Amstutz, wirft Céline Amaudruz öffentlich vor, dass sie keine Namen genannt hat. Roger Köppel, ihr Parteikollege und Chefredaktor der Weltwoche, nimmt in einem Leitartikel die Länge ihrer Röcke aufs Korn. Als Frau in der Politik ist das Leben nicht immer leicht.

Drei Jahre später zeigt sie dennoch keine Reue: «Es hat den Leuten die Augen geöffnet. Jetzt wissen sie, dass Frauen den Mund aufmachen.» Sie verzichtet aber auf eine Klage: Die Justiz ist öffentlich, und für eine Person des öffentlichen Lebens, wie sie es ist, bedeutet dies, die Details der drei Fälle, die sie betreffen, den Medien und damit der Öffentlichkeit preiszugeben. Mit dem Risiko, mangels Beweisen zu unterliegen. Das könnte sie diskreditieren und damit der Sache der Opfer, die ihr so am Herzen liegt, schaden.

Für Lohngleichheit von SVP-Linie abgewichen

Für eine so hochrangige Rechtspolitikerin ist Feminismus immer ein Hochseilakt, auch wenn die Positionen, die sie vertritt, nicht zwingend spektakulär sind. Im Jahr 2018 verabschiedet das Parlament das neue Gesetz zur Lohngleichheit. Ein «gutschweizerischer» Kompromiss als Reaktion auf die Tatsache, dass die Gleichstellung zwar seit 1981 in der Bundesverfassung verankert ist, eine Frau aber dennoch bei gleicher Arbeit und gleicher Qualifikation im Durchschnitt pro Monat etwa 600 Franken weniger verdient als ein Mann.

Der Gesetzesvorschlag verpflichtet Unternehmen mit hundert oder mehr Mitarbeitenden, alle vier Jahre ihre Gehaltsstruktur nach Gleichstellungsaspekten zu analysieren und die Ergebnisse an ihre Mitarbeitenden zu kommunizieren. Es gibt keine Sanktionen, und nur 0,85 Prozent der Arbeitgeber sind betroffen. Die SVP ist strikt dagegen, aber Céline Amaudruz unterstützt den Vorschlag.

Eine Bagatelle? Vielleicht, aber dieses Mal muss sie nicht nur das Missfallen ihrer Partei, sondern auch den Unmut ihres beruflichen Umfelds ertragen. Als überzeugte Anhängerin des Milizsystems hat die Genferin ihre politische und ihre berufliche Karriere immer parallel vorangetrieben.

2018 arbeitet sie bei der UBS in der Vermögensverwaltung für äusserst vermögende Kundinnen – ihr Standpunkt in Sachen Gleichstellung könnte hier nicht goutiert werden. «Wenn eine Frau sich für die Lohngleichheit einsetzt, bedeutet das, dass sie von einem Problem ausgeht. Meine Position wirkte auf die Schweizer Arbeitgeber wie eine Anschuldigung. Sie alle preisen die Gleichstellung, obwohl feststeht, dass sie nicht existiert. Für eine Volksvertreterin aus dem rechten Parteienspektrum, aus der SVP, ist das kompliziert. Und ich war besonders exponiert, da der Rest meiner Partei sich gegen den Gesetzesvorschlag ausgesprochen hatte.»

Mehr will sie nicht sagen, aber wieder einmal kassiert sie Schläge. «Natürlich gibt es Abende, an denen ich mir mit einer Packung Taschentücher Bridget Jones ansehen möchte. Glücklicherweise bin ich eine Optimistin und erhole mich recht schnell von Tiefschlägen.»

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