Illustration Redezeiten Politiker

Im Bundeshaus reden Frauen weniger

Tina Berg, Beobachter-RedaktorinYves Demuth, Beobachter-Redaktor
Von Tina Berg und Yves Demuth
am 18.07.2019

Jeder Kreis symbolisiert die Redezeit eines Parlamentsmitglieds – Männer (blau), Frauen (pink). 

Quelle: Illustration: Alexandra del Prete

Eine Ständerätin spricht im Schnitt 19 Prozent weniger als ein Ständerat. Eine Nationalrätin steht kürzer am Rednerpult als ihre Parteikollegen. Das zeigt eine Auswertung des Beobachters.

Interview: «Wenn Frauen im Parlament wenig reden, ist das problematisch»

Damit Frauen in Bundesbern gleichberechtigt politisieren, braucht es eine kritische Grösse von ungefähr 20 Prozent pro Partei. Das sagt die Politikwissenschaftlerin Marlène Gerber. 

Diesen Herbst werden vermutlich viele Frauen ins nationale Parlament gewählt. Doch mit mehr Frauen im Bundeshaus ist die Gleichstellung nicht automatisch erreicht. Das sagt Marlène Gerber, Politologin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern und Vize-Direktorin von «Année Politique Suisse». Sie untersuchte die Geschlechterunterschiede im Parlament. Die Bernerin hat die Anzahl der Voten von Parlamentarierinnen und Parlamentariern zwischen 1995 und 2018 ausgezählt und herausgefunden, dass Frauen ungefähr so oft das Wort ergreifen, wie es aufgrund ihres Sitzanteils zu erwarten ist. Trotzdem seien Frauen in einzelnen Parteien nicht angemessen im parlamentarischen Prozess integriert. Im Interview erklärt sie, warum das so ist und weshalb die Gleichberechtigung bei der Redezeit relevant ist für die Schweizer Konsensdemokratie.


Beobachter: Sie untersuchten, wie oft sich Frauen im Parlament zu Wort melden. Wieso ist das wichtig?
Marlène Gerber: Wenn Frauen nicht sprechen, können ihre Interessen nicht gehört werden. Ihre Themen fliessen möglicherweise nicht genügend in den politischen Prozess ein. Deshalb ist das relevant. 


Ist die Partei nicht wichtiger als das Geschlecht?
Selbstverständlich stimmen Parlamentarierinnen und Parlamentarier in erster Linie auf Parteilinie. Trotzdem decken sich die sachpolitischen Ansichten von Frauen und Männern auch innerhalb einer Partei nicht immer. Für die Konkordanz, also das Einbinden aller wichtigen Kräfte, kann eine tiefe Beteiligung von Frauen deshalb problematisch sein. Verschiedene Studien haben ergeben, dass oft diejenigen Personengruppen als besonders einflussreich wahrgenommen werden, die die Debatten dominieren. Sieht man keine Frauen am Rednerpult, entsteht der Eindruck, Frauen hätten nichts zu sagen. 


Was hat Sie darauf gebracht, Geschlechterunterschiede in Bundesbern zu erforschen?
Für eine Studie zur Versammlungsdemokratie hat ein Forschungsteam an unserem Institut an der Landsgemeinde in Glarus Leute gefragt, wie gross ihre Bereitschaft ist, auf dem Rednerpult zu sprechen. Dabei haben wir wesentliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern festgestellt. Sogar politisch interessierte Frauen waren deutlich weniger oft bereit, sich zu Wort zu melden, als Männer. Das hat mich motiviert derselben Frage im nationalen Politbetrieb nachzugehen. 


Hätte sich das Problem erledigt, wenn gleich viele Frauen wie Männer gewählt würden? 
Die Anzahl Sitze ist zwar wichtig für die angemessene Einbindung von Frauen. Aber daraus zu schliessen, dass es dann automatisch gleichberechtigt zu und her geht, halte ich für falsch. Frauen können trotzdem noch nicht vollständig im politischen Prozess integriert sein. Die politischen Strukturen waren sehr lange männlich geprägt. Deshalb kann es durchaus sein, dass gewisse Formen, wie man Politik betreibt, dazu führen, dass Frauen sich nicht vollständig wohl fühlen oder aufgrund vorherrschender Stereotypen weniger Einfluss ausüben können. Und wenn Frauen deswegen weniger häufig sprechen oder weniger Einfluss geniessen, dann wäre eine Gleichstellung noch nicht erreicht. 


Was braucht es denn für eine gleiche Beteiligung an der politischen Entscheidungsfindung? 
Bei meiner Untersuchung der Redezeiten habe ich festgestellt, dass sich eine Frau ähnlich oft beteiligt wie ein Mann, auch wenn Frauen weniger als 50 Prozent der Parlamentssitze besetzen. Sobald Frauen etwa knapp 20 Prozent der Sitze einer Partei einnehmen, gibt es laut meinen Ergebnissen keine ungleiche Beteiligung im Ratsbetrieb mehr. Dann ist quasi eine «kritische Masse» erreicht. Problematisch ist es nur, wenn die Frauen in einer Ratskammer oder in einer Fraktion ganz klar in der Minderheit sind. Dies ist etwa bei der SVP im Nationalrat oder bei der CVP im Ständerat der Fall. Die Frauen meldeten sich in diesen Fällen deutlich weniger häufig zu Wort als die Männer. Inwiefern die Interessen von Frauen und Männern gleichberechtigt in den politischen Entscheid einfliessen, habe ich nicht untersucht. Eine ausgewogene Beteiligung ist keine Garantie hierfür. 


Sie haben festgestellt, dass SVP-Frauen sich weniger beteiligten, je länger sie im Rat blieben. Wieso ist das so?
Erste Resultate haben tatsächlich ergeben, dass SVP-Frauen im Nationalrat und CVP-Frauen im Ständerat sich mit zunehmender Amtsdauer weniger oft beteiligen als zu Beginn ihrer Amtszeit. Doch diese Ergebnisse sind mit Vorsicht zu geniessen, da sie auf sehr wenigen Fällen beruhen. Den Effekt sieht man übrigens auch bei den grünen Frauen, wenn auch weniger ausgeprägt, obwohl die Grüne Partei über die Zeit den höchsten Frauenanteil ausweist. Bei den FDP- und der CVP-Vertreterinnen im Nationalrat ist es umgekehrt: Je erfahrener die Frauen sind, desto häufiger sprechen sie. Bei der SP gibt es keinen klaren Effekt. 


Wie erklären Sie sich das?
Die Gründe dafür kennen wir nicht. Es ist aber denkbar, dass die wenigen Frauen in einer männerdominierten Fraktion ihr eigenes politisches Selbstvertrauen zunehmend verlieren. Auffällig ist auf jeden Fall, dass die Anzahl der Voten von erfahrenen Frauen eher dort sinkt, wo die Frauen besonders deutlich untervertreten sind. Die SVP hat heute im Nationalrat zwar so viele Frauen wie nie zuvor, aber ist mit 16 Prozent immer noch das Schlusslicht. In etwa so tief ist der aktuelle Frauenanteil der CVP im Ständerat; für die SVP sass gar noch nie eine Frau im Stöckli. 

Zur Person

Politologin Marlène Gerber
Quelle: Institut für Politikwissenschaft, Universität Bern

Marlène Gerber ist Politologin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern und Vize-Direktorin von «Année Politique Suisse». Ihre Studie mit dem Titel «Beim Wort genommen: Wie gleichberechtigt ist die Beteiligung von Frauen an der parlamentarischen Debatte?» erscheint im September als Beitrag im Sammelband «Konkordanz im Parlament: Entscheidungsfindung zwischen Kooperation und Konkurrenz» des Verlags NZZ Libro.