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Die Armutsfalle kann jeden erwischen
Wer beim Beobachter arbeitet, tut dies mit Leidenschaft. Weshalb das so ist, erzählt unser Team gleich selbst – in einer Serie ganz persönlicher Texte. Diesmal: Nicole Müller, Leiterin des Ressorts Ratgeber.

Veröffentlicht am 17. September 2026 - 09:00 Uhr

«Jenen Menschen helfen, denen nicht alles in den Schoss fällt»: Nicole Müller
Quelle: Fabian WidmerLiebe Leserin, lieber Leser
Gegen Ende des Monats stritten meine Eltern immer. Sie sassen am Stubentisch und zankten sich – wegen der Einkaufsliste. Die hohe Zahnarztrechnung war schon gar nicht Thema. Die hatte meine Mutter unauffällig in einer Schublade verschwinden lassen.
Als Kind war mir das egal. Heute weiss ich: Uns ging das Geld aus, bevor der nächste Lohn aufs Konto kam. Doch irgendwie ging es immer, und sonst war da noch eine Grossmutter, die ein Nötli zusteckte.
Wir hatten grosses Glück, dass wir nie Schulden machen mussten. Denn wer einmal in die Schuldenspirale gerät, verliert schnell die Kontrolle über seine Finanzen und damit über sein Leben. Bei meiner Arbeit für den Beobachter habe ich viele Menschen kennengelernt, die plötzlich in einer solchen Situation steckten.
So wie David Busch, 22. Mit sieben Jahren kam er ins Heim, eine reguläre Schule besuchte er nie. Trotzdem schaffte er es, eine Malerlehre abzuschliessen. Nur für die Krankenkasse hatte er kein Geld eingerechnet und machte Schulden: 4000 Franken. Für viele von uns ein überschaubarer Betrag, für Busch fühlte es sich nach dem Ende der Welt an. Er gab nicht auf und holte sich Hilfe bei einer Schuldenberatungsstelle.
Sein Vorteil: Er wohnt in Basel-Stadt. Kürzlich hat das Stimmvolk entschieden, dass die Steuern vom Lohn abgezogen werden. Ein Stolperstein weniger für David. Überall sonst in der Schweiz muss man Geld dafür zur Seite legen – wem das nicht gelingt, der steckt schon in der Schuldenfalle.
Ich bewundere David. Meine Eltern waren zwar nicht reich, aber sie haben mir immer bei allem geholfen. Allein hätte ich nichts auf die Reihe gebracht.
Genau deshalb mache ich meinen Job. Ich möchte etwas dazu beitragen, dass auch Menschen eine Chance bekommen, denen nicht alles in den Schoss fällt. Wir vom Beobachter decken auf, wo das System Menschen wie David im Stich lässt. Und wenn es akut wird, hilft unser Beratungszentrum jenen, die nicht mehr weiterwissen.
Dass wir das alles schaffen, verdanken wir auch unseren Abonnentinnen und Abonnenten.
Nicole Müller, Leiterin des Ressorts Ratgeber

