Kontroverse um PET-Recycling: Airtags sorgen für Diskussionen
Ein Luzerner Unternehmer hat 120 PET-Flaschen mit Ortungsgeräten bestückt. Sein Vorwurf: Zu wenig Plastikbehälter landen in der Recyclinganlage.

Veröffentlicht am 3. Februar 2026 - 09:12 Uhr

Ob offizielle Statistik oder Feldversuch: Die Wege von PET-Flaschen lassen sich oft nicht eindeutig bestimmen.
Die Schweiz liegt mit einer PET-Recycling-Quote von 84 Prozent im Jahr 2024 über dem EU-Durchschnitt von 60 Prozent. Die Branche rühmt sich modernster Recyclingverfahren und des dichtesten Sammelstellennetzes der Welt. Ein Bericht der «NZZ» rückte kürzlich einen privaten Feldversuch in den Fokus, der Fragen zum PET-Recycling in der Schweiz aufwirft. Es folgte ein Schlagabtausch über methodische Sauberkeit.
Der Luzerner Unternehmer Sven Erni stattete im letzten Sommer 120 leere PET-Flaschen mit Airtags von Apple aus und entsorgte sie schweizweit an Sammelstellen. Die Firma verfolgte die Flaschen über Bluetooth, um den tatsächlichen Weg des Plastikmülls digital sichtbar zu machen.
Auswertung der Entsorgungswege
Das Ergebnis des Feldversuchs: Mehr als jede vierte Flasche landete in Müllverbrennungsanlagen, in Zementwerken oder im Ausland. Nur knapp mehr als die Hälfte (55 Prozent) der PET-Flaschen kam in einer Sortier- oder Recyclinganlage an. 13 Prozent der mit Airtags versehenen Flaschen befinden sich noch in Lagerhallen. Genau hier entbrennt die Kontroverse, denn die Daten lassen Interpretationsspielraum.
Grosse Kritik am Experiment
Der Feldversuch stösst auf Widerstand: PET-Recycling Schweiz weist darauf hin, dass Fremdstoffe im Prozess entfernt und Metallelemente magnetisch ausgesondert würden, die Ergebnisse seien deshalb «ohne Aussagekraft». Dennoch empfing das Luzerner Unternehmen Signale bis zu den Verbrennungs- und Recyclinganlagen. Also teils auch noch, nachdem die Flaschen kontrolliert und gepresst worden waren. Dass die meisten Airtags den grossen Pressdruck unbeschadet überstanden haben sollen, hält der Verband jedoch für «äusserst unwahrscheinlich».
Tatsächlich bleibt bei einigen Flaschen unklar, ob im Recyclingprozess das Airtag aussortiert wurde oder bis zum Schluss an der Flasche blieb. Eine Flasche könnte also in der Statistik bei der Verbrennungsanlage aufgeführt sein, obwohl nur das Airtag diese erreichte. Klar ist: Einige Flaschen landeten direkt am falschen Ort. Solche Fälle berücksichtigt aber auch die offizielle Quote des PET-Recyclings. Ob es im Feldversuch tatsächlich deutlich mehr waren, ist anhand der Daten nur schwer erkennbar.
Auch das Bundesamt für Umwelt (Bafu) schreibt dem Versuch keine Bedeutung zu. Angesichts von jährlich über einer Milliarde gesammelter PET-Flaschen in der Schweiz sei eine Stichprobe von nur 120 Einheiten schlicht nicht repräsentativ.
Wir wollen es wissen: Was wird bei Ihnen zu Hause alles akribisch getrennt? Gehören Sie zur Fraktion «PET und Papier», oder sortieren Sie bis hin zum Plastikfenster im Briefumschlag und zur Kaffeekapsel alles aus? Diskutieren Sie mit uns in der Kommentarspalte!
Risiken und Transparenzfragen
PET-Recycling Schweiz spricht ausserdem von grossen Sicherheitsrisiken, denn Batterien im Presswerk sind gefährlich. Sie können sich auf Hunderte Grad erhitzen und Brände auslösen. Tatsächlich sieht Unternehmer Erni das ähnlich. Eine andere Variante, einzelne Flaschen zu verfolgen, habe es jedoch nicht gegeben. Das Unternehmen habe präparierte Flaschen mit den eigenen Pressen getestet – die Tracker blieben unversehrt, sagt Erni.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Transparenz: PET-Recycling Schweiz gibt an, die Rohdaten des Experiments mehrfach angefordert zu haben, um die Vorwürfe prüfen zu können. Dies lehnte das Unternehmen laut dem Verband ab. Die Firma erwidert: Man wolle die Rohdaten nur nicht an den betroffenen Verband herausgeben. Eine unabhängige Prüfung habe man nie verweigert und biete diese auch nach wie vor an.
Motivation des Versuchs
Hinter dem Feldversuch stehen der Unternehmer Sven Erni und seine Firma Impact Acoustic. Das Luzerner Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, aus rezyklierten PET-Flaschen Akustikelemente wie Deckenverkleidungen und Raumtrenner für Grossraumbüros herzustellen.
Erni wollte mit der Aktion zeigen, dass das aktuelle System seiner Meinung nach die Versprechen einer echten Kreislaufwirtschaft noch nicht einlösen kann. Den Vorwurf, Verkaufsinteressen mit Umweltanliegen zu vermischen, weist er zurück. Die Erkenntnisse seien auch für das Unternehmen unbequem, das ebenfalls mit rezykliertem PET arbeitet.
Hinweis: Der Artikel wurde am 6. Februar 2026 mit ausführlicheren Stellungnahmen von PET-Recycling Schweiz und Impact Acoustic ergänzt.
- Nzz.ch: Landen PET-Flaschen in der Kehrichtverbrennungsanlage? Das behauptet ein Luzerner Unternehmer
- PET-Recycling Schweiz: Fakten & Kennzahlen
- Bundesamt für Umwelt: Abfallstatistik
- Impact Acoustic: Following the Bottle: Ein Blick auf das Schweizer PET-Recycling




