Aufgezeichnet von Lukas Lippert:

Am Morgen nach dem Feuer hörte ich das vertraute Gelächter des Kookaburra-Vogels. Der Lachende Hans weckt mich seit 25 Jahren. In diesem Moment war mir klar: Das Leben geht weiter. Ich dachte, das Feuer hätte alle Vögel erwischt. Die Hitze stieg so hoch, dass die meisten beim Versuch zu flüchten in der Luft verbrannten.

Drei Wochen lang frass sich das Feuer nördlich von uns durch Queensland. Dann änderte der Wind. Das Feuer kam zu uns nach New South Wales. Wir wohnen am Fuss des Mount Lindesay am Waldrand und betreiben einen Biobauernhof Biologischer Landbau Der Wechsel trägt Früchte .

An jenem Freitagmorgen machte uns der Kommandant der Feuerwehr klar: Das Feuer wird uns treffen, noch heute. Meine Frau hielt es nicht mehr aus. Sie zitterte am ganzen Körper und wollte nur noch weg. Sie packte die wichtigsten Papiere, den Laptop und Kleider für zwei Tage und fuhr zu Freunden nach Kyogle, dem nächsten grösseren Ort.

Ich blieb. Die 40 Feuerwehrleute und die beiden Löschfahrzeuge vor Ort gaben mir Sicherheit. Ohne sie wäre ich auch gegangen. Man muss wissen, wenn man verloren hat.

Tiere in Schreckstarre

Kurz bevor uns die 20 Meter hohe Feuerwalze gegenüberstand, kamen plötzlich Horden wilder Tiere aus dem Wald. Kängurus, Ratten, Kaninchen, Schlangen – auch Tiere, die ich hier noch nie gesehen hatte. Sie verharrten regungslos mitten auf dem Rasen bei unserem Haus, das auf einer Art Lichtung steht. Es sah aus wie in einem zoologischen Garten.

Anzeige

Gegen 16 Uhr wurde der Alptraum Realität. Das Feuer kam bis auf zehn Meter ans Haus heran. Die Hitze war unerträglich. Glasflaschen verbogen sich. Die dieselbetriebene Wasserpumpe explodierte. Sogar Holz, das im Wasser lag, fing an zu brennen. Ich bin es gewohnt, die Dinge im Griff zu haben. Aber da hat man keine Chance, man ist komplett machtlos.

Das Feuer sprang auf den verdorrten Rasen über. Es hatte 14 Monate lang kaum geregnet. Er fing sofort an zu brennen. Wir konzentrierten uns auf die Gebäude und spritzten alles nieder. Die Regenrinne überfüllten wir mit Wasser, damit die Flammen nicht unters Dach kamen.

Der Rauch war grässlich, hing wie dichter Nebel in der Luft. Ich hatte keine Maske und band mir ein nasses Frotteetuch vors Gesicht. Die Augen brannten, die Atmung wurde flach, der fehlende Sauerstoff erschöpfte. Zwischendurch mussten wir tiefer Luft holen, husteten heftig und spuckten die graue Asche aus, die wir eingeatmet hatten. Nach zehn Minuten war der Spuk vorbei. Der Rasen brannte aber noch drei Tage weiter. Wir mussten ununterbrochen jedes noch so kleine Feuer im Keim ersticken.

Riesiger Schaden

Nun wüten die Feuer weiter südlich. Uns geht es so weit gut. Das Haus steht noch. Andere traf es härter. Das Problem ist unser 25 Kilometer langer Zaun. Alle Holzpfähle sind niedergebrannt. Die Reparatur kostet 200'000 Franken. Ohne den Zaun können unsere rund 100 Kühe in den nahen Nationalpark laufen. Dann sind sie weg. Wir hoffen auf das Fundraising, das unsere Tochter gestartet hat.

Rundum ist alles schwarz und verbrannt. Ich weiss aber, dass es wieder anders wird. Hoffentlich regnet es jetzt endlich wieder.

Eigentlich wollten wir in Pension gehen, den Lebensabend geniessen. Jetzt fangen wir wieder von vorn an. Als wir vor gut 40 Jahren auswanderten, wollten wir eine Herausforderung. Jetzt haben wir mit 70 noch einmal eine.

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Andres Büchi, Chefredaktor

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter