Alles ist ruhig hier oben in der Schwyzer Alpenwelt. Viele Tiere halten ihren Winterschlaf. Roger Bisig kniet neben dem Wanderweg auf der Alp Tries im Grossen Runs und zeigt auf geknickten bräunlichen Farn.

«Wie kann man nur?», fragt der Bio-Landwirt und Präsident von Pro Natura Schwyz. Totgespritzt, vermutlich mit dem in der EU verbotenen Herbizid Asulam. «Halme von Farnen sind Futterquellen und Überwinterungsquartiere für Wildbienen und andere Insekten», sagt Bisig. Sofern sie nicht vergiftet sind.

Der andere Begleiter auf dieser Schwyzer Alpwanderung Ende November ist der Agrartechniker Franz Josef Steiner. Am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) lehrt er, wie man Alpen auch ohne Herbizide bewirtschaften kann. Er zeigt auf die Steinhaufen. «Gipfel der Absurdität» seien sie. Fast alles Lebendige auf ihnen wurde mit dem Gift weggespritzt. Dabei seien Steinhaufen wichtige Lebens- und Nahrungsräume für Kleinsäuger, Amphibien, Insekten und Vögel.

Bund löst Boom aus

Die wirtschaftliche Lage vieler Älplerinnen und Älpler ist prekär. Es sei für sie unmöglich, unerwünschte Flora von Hand zu bekämpfen, argumentieren viele, ohne Herbizide gehe es nicht. 2014 griff der Bund ein und bezahlt seither deutlich höhere Sömmerungsbeiträge. «Man war sich einig, dass die Sömmerung ohne grössere Direktzahlungen nicht mehr rentiert», sagt Fibl-Experte Franz Josef Steiner. «Viele Alpen würden ohne Beiträge gar nicht mehr genutzt.»

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Die höheren Direktzahlungen lösten auf den Alpen einen regelrechten Herbizidboom aus. In der Verordnung heisst es zwar, die Alpen müssten «sachgerecht und umweltschonend bewirtschaftet» und «mit geeigneten Massnahmen vor Verbuschung oder Vergandung geschützt werden».

Doch der Einsatz von über 30 Herbiziden ist ausdrücklich erlaubt. Für die «Einzelstockbehandlung» mit Kanister und Spritze braucht es nicht einmal eine Erlaubnis. Nur flächendeckende «Behandlungen» benötigen das kantonale Okay. Das bekommt, wer aufzeigt, wie man die Alp bewirtschaftet, ohne dass zu viele «Problempflanzen» wachsen.

Wie viel Herbizide auf Schweizer Alpen ausgebracht werden, weiss niemand. Es gibt weder Kontrollen noch Zahlen. Auf Anfragen in den Kantonen Bern, Glarus, Graubünden, Schwyz, St. Gallen, Uri und Wallis heisst es unisono: «Wir wissen es nicht.» Kein Gesetz verlange dies. Es werde aber nur «wenig» gespritzt. Nur, warum sind sich die kantonalen Landwirtschaftsämter da so sicher, wo es doch weder Aufzeichnungen noch Kontrollen gibt?

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Die Problempflanzen

Kantonale Kontrolleure müssen auf den Alpen «Problempflanzen» aufspüren. Neun Pflanzenfamilien stehen auf ihrer Liste. Darunter Giftiges wie das Alpenkreuzkraut oder der Weisse Germer, aber auch die Brennnessel. Warum das? Zu viele Brennnessel-Nester können den landwirtschaftlichen Wert einer Alp einschränken, antwortet das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW).

Im Leitfaden für Alpkontrolleure steht aber auch, dass weitere Arten, die lokal Probleme machen, bekämpft werden können. Alpbewirtschaftende können dank dieser Regelung eigentlich alles vergiften, was ihnen nicht passt. Der Umweltfachmann Roger Bisig schüttelt nur den Kopf und bleibt auf der Alp Buchen neben einem niedergespritzten Nesselfeld stehen. «Es gibt mindestens dreissig Schmetterlingsarten, die bei uns auf Brennnesseln angewiesen sind.»

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Entdecken kantonale Kontrolleure wiederholt zu viele «Problempflanzen», droht eine Kürzung der Direktzahlungen. Ein Fehler, sagt die Ingenieur-Agronomin Marianne Bodenmann: «Die Alpkontrollen sind einseitig auf Problemunkräuter fixiert und die damit verbundenen Direktzahlungen.»

Und das, obwohl Herbizide «ohne Änderung der Bewirtschaftung kaum etwas bringen». Wenn man auf der Alp Kraftfutter und Dünger erlaube, fördere man den Einsatz von Herbiziden. So werde überdüngt, und die ursprüngliche Flora gehe verloren. «Die ganzheitliche Sicht fehlt», kritisiert Bodenmann.

Roger Bisig sagt: «Zentral ist die Vielfalt. Wir müssen die Biodiversität im Auge behalten, nicht allein das Vieh.»

Auf der Suche nach «Problempflanzen»

Agrartechniker Franz Josef Steiner auf der Alp Hummel SZ

Agrartechniker Franz Josef Steiner auf der Alp Hummel SZ

Quelle: Peter Jaeggi
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Das zackige Mythenpanorama vor sich und ein Stück Brot mit lokalem Bergkäse in der Hand, fragt sich der Wanderer: Warum eigentlich tun Älpler nicht alles, um ihren Boden giftfrei zu halten? Das wird er später zwei Schwyzer Alpgenossenschaften per Mail fragen.

Die eine ist die Oberallmeindkorporation (OAK). Ihr gehören 155 Alpbetriebe. Weshalb kein Verzicht auf Herbizid? Geschäftsführer Daniel von Euw winkt ab: «Die Korporation wird sich auch in Zukunft dafür einsetzen, dass der drohenden Verbuschung und Verunkrautung Einhalt geboten wird. Dabei werden wir auf den neuesten Stand der Technik und den korrekten Einsatz von bewilligten Mitteln setzen, dies ist für uns selbstverständlich.» Die OAK werde neu aber kein Glyphosat mehr einsetzen, das im Verdacht steht, Krebs zu erregen Unkrautvertilger «Glyphosat ist krebserregend» .

Und die Genossame Gross? Fragen an deren Präsident Markus Kälin: Welche Herbizide setzt sie ein? Wann gibt es einen Herbizidverzicht? Wie viel Kunstdünger verwendet sie auf der Alp? Antworten: keine. Kälin schreibt nur, dass alle vom Bund bewilligten Herbizide «fachmännisch angewandt werden; vor allem gegen Farn, Blacken, Disteln und Brennnesseln».

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Als die Genossame Gross auf ihrer Alp Tries Herbizid mit einer Drohne versprühte , gab es zwar ein Donnerwetter. Die Verantwortlichen seien wegen dieser illegalen Aktion «sanktioniert» worden, heisst es beim Schwyzer Landwirtschaftsamt. Mehr dürfe man aus Datenschutzgründen nicht sagen.

Herbizide auf der Alp seien die logische Folge einer jahrzehntelangen Misswirtschaft, sagt Fibl-Präsident Martin Ott. «Auf der Herbizidalp widerspiegeln sich die typischen Krankheiten der Zeit.» Allen voran eine überhitzte Ökonomie. Alles werde immer noch grösser, aufgeblasener, damit es überhaupt noch rentiere.

Kraftfutter für Kühe

Ein Problem sind die Hochleistungskühe. Auf den Alpweiden bekommen sie zu wenig Nährstoffe. Die verlangte Milchleistung erreichen sie nur mit raufgekarrtem Kraftfutter und stark gedüngten Alpweiden, damit mehr Futter wächst. Mehr Milchvieh auf der Alp bedeutet auch mehr Mist und mehr Nährstoffe, die wiederum mehr unerwünschte Pflanzen spriessen lassen.

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Die Ingenieur-Agronomin Marianne Bodenmann sagt: «Die neuen Sömmerungsbeiträge und das Ausser-Acht-Lassen einer Gesamtsicht haben das Problem nicht gelöst. Im Gegenteil, sie haben ein neues geschaffen – den stark vermehrten Herbizideinsatz, der zudem oft nicht fachgerecht erfolgt.» Sogar geschützte Pflanzen werden gespritzt.

Unter den vom Bund empfohlenen Herbiziden ist auch das in der EU verbotene Asulam.

«Dass man die für Tiere giftigen Pflanzen mit solchen Herbiziden behandelt und sie nachher aus Unkenntnis oft liegen lässt, ist verantwortungslos», sagt Bodenmann. «Denn Vieh und Wildtiere erkennen sie nicht mehr als Giftpflanzen – und fressen sie.»

Laut dem Schwyzer Pro-Natura-Präsidenten Roger Bisig ein unterschätztes Problem: «Pflanzen mit Herbizid schmecken salzig, darum sind sie für Wildtiere verlockend.» Als Wildhüter habe er manchmal totes Rehwild gefunden, das vermutlich an Herbiziden gestorben sei. «Aufklären konnte man die Todesursache nie. Solche Untersuchungen sind teuer, darum liess man sie bleiben.»

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Gleich neben den Kühen

Herbizidbesprühte Blacken auf Unterstafel Glattalp GL

Herbizidbesprühte Blacken auf Unterstafel Glattalp GL

Quelle: Peter Jaeggi

Bio-Kühe auf «Herbizidalp»

Landwirte, die dem Gift aus dem Weg gehen wollen, haben es schwer. Denn es gebe viel zu wenige biologisch bewirtschaftete Alpbetriebe, so Franz Josef Steiner. Bio-Bauern bleibe deshalb nichts anderes übrig, als ihre Tiere auf einer konventionell betriebenen Alp zu sömmern.

Bio Suisse, der Dachverband der Bio-Produzenten, hat das Problem für sich mit einem Trick gelöst. Sobald Bio-Tiere auf einer konventionellen Alp sind, verlieren sie ihren Bio-Status. Ab dem ersten Tag, an dem sie wieder im Tal sind, wird alles, was sie hergeben, wieder mit der Bio-Knospe geadelt. Da fragt man sich: Wie steht es um die Rückstände im Alpkäse, in der Alpbutter, im Fleisch?

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Im Labor

Die Frage geht an das Laboratorium der Urkantone in Brunnen, zuständig für die Lebensmittelsicherheit in den Kantonen Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden. Man untersuche gezielt Trinkwasser auf Pflanzenschutzmittel, auch in alpinen Gebieten, antwortet Kantonschemiker Daniel Imhof. «Die Resultate aus dem Grundwassermonitoring und der Trinkwasseruntersuchungen haben bisher keinen Anlass ergeben, gezielt auch Alpprodukte auf Herbizide zu untersuchen.» Aber: Die Anfrage sei «berechtigt, und wir werden eine solche Kampagne durchführen».

Weit über einen Bergrücken zieht sich die Bio-Alp Hummel, von der aus man auf den Sihlsee und die Glärnischkette sieht. Bewaffnet mit einer Geissfusshacke und begleitet von seinem Hund Bobi, sucht hier Franz Josef Steiner nach unerwünschten Pflanzen. Ein gezielter Hackenschlag, und schwupps!, liegt eine Alpenkratzdistel auf dem Rücken. Man könne sie ruhig liegen lassen, sie verrotte – ohne sich zu vermehren.

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Steiner ist überzeugt: «Es geht ohne Gift.» Nötig sei nur ein besseres Timing und etwas botanisches Wissen. «Zum Beispiel kann man mit den Tieren früher als üblich zum Sömmern auf die Alp. Sie fressen und zertrampeln einen Teil der Problempflanzen, wenn sie noch ganz jung sind.» Grosse Flächen könne man mit dem Motormäher kontrollieren. «Heute gibt es Raupentraktoren, mit denen man auch an Steilhängen mähen sowie Büsche und Sträucher entfernen kann.» Um Kosten zu sparen, könne man solche Maschinen samt Fahrer mieten.

Frage an das Bundesamt für Landwirtschaft: Weshalb rät der Bund nicht vermehrt zu alternativen Methoden? Antwort: «Mechanische Bekämpfung wird empfohlen in Zonen, wo dies machbar ist. Im steilen Gelände ist diese Methode nicht möglich. In dem Fall ist der Einsatz von Herbiziden erlaubt.»

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«Ruckzuck und effizienter als mit Gift»

Franz Josef Steiner sticht Disteln von Hand aus

Franz Josef Steiner sticht Disteln von Hand aus.

Quelle: Peter Jaeggi

Alle Versuche, auf Alpen das Versprühen von Pestiziden zu verbieten, sind bisher gescheitert. 2001 hatten sich Bio Suisse und der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verband (SAV) erstmals für ein Herbizidverbot auf der Alp starkgemacht. Das Magazin «Z’Alp» schrieb damals: «Längerfristig will das BLW […] den Gedanken, Alpen ganz biologisch zu bewirtschaften, das heisst, auch auf Herbizide zu verzichten, […] weiterverfolgen.» Ende 2020 schreibt das BLW auf Anfrage nur: «Die Bio-Verordnung regelt heute, dass die Sömmerung von Bio-Tieren grundsätzlich auf Bio-Betrieben zu erfolgen hat.»

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Der vorläufig letzte Versuch scheiterte 2017. Die grüne Ständerätin Maya Graf forderte damals als Nationalrätin den Bundesrat auf, ein Pestizidverbot im Sömmerungsgebiet zu prüfen. Der Bundesrat lehnte ab. Handarbeit gebe zu viel zu tun. Jetzt liegt die Hoffnung auf der Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide», die wohl Mitte Jahr an die Urne kommt.

Das Universum Boden

Kurz nach der Wanderung zeigt Andreas Moser in seiner TV-Sendung «Netz Natur», welches Universum sich im Boden verbirgt. «Wenn der Boden mit seinen Lebewesen fruchtbar sein und er gesunde Pflanzen hervorbringen soll, kann er dies nur, wenn er dabei nicht durch Chemie gestört, gedüngt oder vergiftet wird und wenn ihm keine schweren Maschinen durch Bodenverdichtung die Luft rauben», sagt der Biologe Moser.

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Franz Josef Steiner ist einverstanden damit: «Wir brauchen auf den Alpen kein Herbizid. Man darf nicht auf Teufel komm raus produzieren.»

«Herbizidalpen»: Die Rolle der Grossverteiler

Die Grossverteiler kennen laut Insidern das Problem der «Herbizidalpen» nicht.

Coop antwortet auf die Frage, ob man sich ein Herbizidverbot auf der Alp vorstellen könne: «Coop äussert sich grundsätzlich nicht zu politischen Vorstössen.» Und: «Schweizer Bioprodukte werden nach den Richtlinien der Bio-Suisse-Knospe produziert. Für Informationen bitten wir Sie, sich direkt an Bio Suisse zu wenden.»

Auch Migros, Aldi Suisse und Lidl Schweiz verweisen an Bio Suisse. Deren Sprecher David Herrmann: «Viele Alpen gehören seit Jahrhunderten gemeinsam mehreren Bauernfamilien. Weil diese Verhältnisse eine rein biologische Bewirtschaftung verunmöglichen, müssen viele Bio-Kühe auf konventionellen Alpen gesömmert werden. Angesichts dieser historisch gewachsenen Strukturen und im aktuellen gesetzlichen Rahmen ist diese Praxis für Bio-Bauern ein schmerzhafter Kompromiss, den sie im Interesse der Existenzsicherung eingehen müssen.»

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