Richtig grün war der Wald dieses Jahr nie. Im Chriesbaumenwald auf der anderen Talseite werden die braunen Stellen immer mehr. Es ist fünf vor zwölf, wie die Klimajugendlichen sagen. Das stimmt. Vor ein paar Jahren waren hier im Entlebuch nur wenige Tannen vom Borkenkäfer befallen, heuer sind es schon um die 50. Wegen der wärmeren Sommer kann er sich schnell verbreiten.

Temperaturen über 30 Grad gab es früher nicht. Letztes Jahr ging uns sogar das Wasser aus. Mein Sohn Benedikt musste Kanister schleppen, damit es für den Garten reichte. Wir waren froh, als es wieder geregnet hat. Das mit der Erderwärmung stimmt, aber jedes Jahr ist wieder anders. Ich merke, dass der Frühling immer früher beginnt. Letztes Jahr gab es aber einen Kälteeinbruch und Spätfrost. Das sah man dann bei der Blütenbildung. Der Löwenzahn und das Wiesenschaumkraut haben länger gebraucht.

Das mit dem Wetterdienst entstand vor 30 Jahren. Ich sass mit meiner Schwägerin im Garten, es war Frühling. Ein Herr aus Zürich kam an den Zaun und fragte, ob ich Interesse hätte, Pflanzen zu beobachten. Er suche jemand Zuverlässigen. Ich sagte spontan zu. Denn schon immer war ich in der Natur, schaute und verglich, wie sich Blumen, Sträucher und Bäume entwickeln. 250 Franken im Jahr gibt es auch noch.

Die gute alte A-Post

Auf Papierbögen notiere ich, wann die ersten Blüten kommen, die Früchte reif sind oder sich die ersten Blätter verfärben. Alle paar Monate schicke ich die Daten per Post nach Zürich. Spezielle Ereignisse, wenn zum Beispiel bei der Lärche die ersten Nadelblätter kommen, müssen sofort gemeldet werden. Mit A-Post. Es ist wichtig, dass ich immer die gleichen Pflanzen anschaue. Sonst wären meine Beobachtungen nicht vergleichbar.

Ein Sturm hat diesen Sommer aber aus­gerechnet den Birnbaum hinter dem Haus erwischt, den ich immer beobachtet habe. Das musste ich melden und mir einen neuen suchen. Schade, es war eine Theilersbirne, die gab guten Schnaps. Ich finde auch nicht alle 26 Pflanzenarten auf dem Beobachtungsbogen rund ums Haus. Für den Rotholder und den Huflattich muss ich in die Höhe. Für die Weinreben gehe ich hinab ins Dorf. Dort wächst eine an einer sonnigen Hauswand.

In der Schweiz gibt es 160 Personen, die Pflanzen für den Wetterdienst beobachten. Ich bin eine der wenigen, die auch den Regen messen. Den Messkübel dafür habe ich beim Bolliger, meinem Vorgänger, unten im Dorf geholt.

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In 30 Jahren nur ein paar Tage verpasst

Der Kübel hat Messrillen, daran lese ich jeden Tag dreimal den Stand ab, das erste Mal um halb acht. Am ersten Tag haben meine Buben ihn mir gefüllt. Ich habe es aber gleich gemerkt.

Dann schaue ich auch, was das Wetter macht. Ist der Himmel klar, leicht oder stark bewölkt oder ganz bedeckt? Regnet es? Es ist wichtig, dass ich keinen Tag verpasse. In den letzten 30 Jahren waren es nur ein paar ein­zelne. Da waren wir im Wallis in den Ferien. Der Sohn hat dann geschaut.

Als mein Mann noch lebte, hat er mich manchmal Wetterhexe genannt, zum Spass. Ich mache aber keine Prognosen. Ich will Petrus nicht in die Quere kommen. Im Dorf werde ich trotzdem immer wieder gefragt, wie der nächste Sommer werde. Auch Versicherungen rufen bei mir an und wollen wissen, wie stark es gehagelt hat Regenfälle Wer bezahlt Wasserschäden? . Seit zwei Jahren macht das aber eine automatische Regenmessstation. Die hat uns der Wetterdienst vor gut zwei Jahren oben an der Scheune hingestellt.

Letztes Jahr wollte ich aufhören und habe nach Zürich telefoniert. Sie sagten mir, ich solle eine Nachfolge organisieren. Zum Glück übernimmt meine Schwiegertochter Silvia. Sie ist auch Bäuerin und viel draussen. Das ist wichtig, sie sieht mehr als jemand, der nicht so stark mit der Natur verbunden ist. Ich beobachte weiter und bespreche die Daten mit ihr. Das Wetter ist für mich das Wichtigste.

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Andres Büchi, Chefredaktor

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