Wiesenhof klingt nach Bauernhofidylle, doch bei jährlich 270 Millionen geschlachteten Poulets kann davon keine Rede sein. Die von einer Tierschutzorganisation aufgenommenen und von der ARD gezeigten TV-Bilder belegen skandalöse Zustände: Männer in Overalls trampeln in einer Halle auf Truten herum und schleudern die Vögel durch die Luft, plattgetretene Tiere liegen tot herum. Wiesenhof weist die Vorwürfe zurück, die Bilder seien «nicht typisch» für das Unternehmen, die Verantwortlichen einer Zulieferfirma seien umgehend zur Rechenschaft gezogen worden. Schon früher waren aber immer wieder Missstände bei Wiesenhof bekanntgeworden, beispielsweise Schimmel an den Wänden.

Die Schweizer Detailhändler, die bislang fast alle auf Wiesenhof-Produkte setzten, sind deshalb unter Druck geraten und haben, einer nach dem anderen, einen Boykott des Skandalfleischs beschlossen.

Den Anfang machte Discounter Denner. «Bis zur Klärung der offenen Fragen» verkaufe Denner keine Wiesenhof-Produkte mehr, sagte eine Sprecherin. Neben diversen tiefgekühlten Produkten (Pouletgeschnetzeltes, Schnitzel, Chicken Wings und Nuggets) betrifft dies auch frische Pouletbrust. Bis Denner einen neuen Lieferanten für günstigere ausländische Pouletbrust gefunden hat, verkauft der Discounter Pouletbrust schweizerischer Herkunft für Fr. 14.90/Kilogramm, dem bisherigen Preis des Wiesenhof-Produkts.

Als nächstes reagierte Coop. Coop verurteile die Missstände «aufs Schärfste», sagt Pressesprecher Urs Meier. Zunächst nahm Coop nur Trutenfleisch aus den Regalen, weil sich die jüngsten Vorwürfe explizit gegen die Trutenmast richteten. Aus dem im TV-Beitrag gezeigten Stall habe Coop «keine Truthahnwaren verkauft». Seit dieser Woche verzichtet der Basler Grossverteiler aber zusätzlich auch auf Pouletprodukte von Wiesenhof. Coop verlange von Wiesenhof einen «Massnahmenplan zur Verbesserung der Situation».

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Schliesslich lenkte auch Migros ein, deren Tochterfirma Micarna sowohl Poulet- wie auch Trutenfleisch von Wiesenhof verarbeitete. Obwohl Micarna eigentlich an Abnahmeverträge gebunden sei, verzichte sie per sofort auf Lieferungen von Wiesenhof, so Migros-Sprecher Urs Peter Naef. Erst wenn Wiesenhof «glaubhaft versichern könne, dass die gezeigten Bilder nie wieder vorkommen», könne über eine Wiederaufnahme der Fleischlieferungen geredet werden, so Migros.

Damit bleibt von den grösseren Schweizer Detailhändlern nur Aldi übrig. «Nach jetzigem Stand» werde Wiesenhof «auch zukünftig» Lieferant tiefgekühlter Geflügelprodukte von Aldi Schweiz sein, sagt Sprecher Sven Bradke – kein kritisches Wort gegen den deutschen Billigproduzenten.

Die Missstände bei Wiesenhof seien «nur die Spitze des Eisbergs», sagt Hansuli Huber. Der Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes STS fordert die Konsumenten dazu auf, grundsätzlich auf Importgeflügel zu verzichten. «Ausländische Geflügelproduzenten gehen mit den Tieren zumeist weit herzloser und schonungsloser um als mit Sachen», so Huber. So wachsen EU-Masthühner meist ohne Tageslicht auf, weil Kunstlicht Tag und Nacht den Futterkonsum und das Wachstum ankurbelt. Rund die Hälfte des in der Schweiz verkauften Geflügelfleischs stammt aus dem Ausland, vor allem aus Brasilien und der EU.

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