Aus schwarzen Punkten auf dem Wasser wird eine schwarze Wolke am Himmel: Hunderte von Enten steigen über der Bucht auf – ein Habicht hat es auf sie abgesehen. Dicht an dicht wechseln sie im Konvoi die Richtung, formieren sich zu einem Keil, zu einer Kugel, verzetteln sich zu Haufenwölkchen. Sie lassen sich fallen, um gleich wieder in rasantem Steigflug an Höhe zu gewinnen. Als die Lage sich schliesslich beruhigt, landen die Vögel im nördlichen Ufer­bereich des Seebeckens, um wieder Teil eines gleichförmig fliessenden Stroms schwarzer Punkte zu werden. Mal seeaufwärts, mal seeabwärts gleiten sie in schwereloser Eleganz über die Wellen, nach der panischen Flucht nun stoische Ruhe ausstrahlend.

Durchs Fernglas rücken die Punkte aus einigen hundert Metern Distanz in Sichtweite: Es sind Wasservögel, die man hierzulande nur äusserst selten sieht: Gänsesäger, Rostgänse, Singschwäne, Kolben-, Spiess-, Tafel-, Krick-, Schnatter- oder die besonders raren Moorenten. Das Naturspektakel erinnert an Tierfilme, in denen sich Scharen von Wasservögeln irgendwo in Afrika in die Lüfte erheben. Doch das Schauspiel findet auf den Gewässern des Untersees statt, im Ermatinger Becken. Die Agglomeration Konstanz-Kreuzlingen mit über 100'000 Einwohnern ist nur einen Katzensprung entfernt. Die Schweiz und Deutschland teilen sich dieses kleine Paradies mit seinen breiten Schilfgürteln am Seeufer. Es ist das Ergebnis umfangreicher Renaturierungsmassnahmen.

Den landschaftlichen Rahmen bilden am Schweizer Ufer die malerischen Dörfer Gottlieben, Triboltingen und Ermatingen mit dem von Schlössern und Weinbergen gesäumten Seerücken im Hinterland; auf der anderen Seeseite die Insel Reichenau und das Naturschutzgebiet Wollmatinger Ried vor den Konstanzer Stadttoren. An Tagen mit guter Fernsicht sieht man vom Beobachtungsturm der Ruine Schopflen auf der Insel Reichenau bis zum Alpstein mit dem Säntis, dem Hausberg von Nordostschweizern und Südbadenern. Die Plattform in acht Metern Höhe befindet sich an der östlichen Spitze der Insel, dort, wo sie seit 1838 ein Damm mit dem Festland verbindet. Die Insel Reichenau ist nur schon wegen ihrer frühmittelalterlichen Kirchen, einem Unesco-Welterbe, eine Reise wert.

Im Herbst sammeln sich Zehntausende von Wasservögeln, um in dieser Region zu überwintern. Bis weit über den nördlichen Polarkreis hinaus reicht das Herkunftsgebiet, und manche legen auf ihrer Reise ins Winterquartier Distanzen von 3000 Kilometern zurück. Vor allem Gründelenten und Schwäne sind für ihre Tauchgänge auf flaches Wasser angewiesen, das nicht zufriert. Es gibt nicht viele Seen in Europa, die diese Voraussetzungen erfüllen. Das Ermatinger Becken zählt wegen des Seerheins, der Ober- und Untersee verbindet, dazu. Denn er sorgt hier noch einige hundert Meter weit für eine stete Strömung.

Noch seltener sind seichte Tauchgründe, in denen Wasservögel nicht bejagt werden. Am 1. September geht jeweils die Jagdsaison los. Nicht so in der Ermatinger Bucht: Hier sind die Enten vor den Flinten der Jäger sicher. Und die Vögel scheinen das zu wissen. «Ihre Zahl ist stetig gestiegen, seit es hier 1984 mit dem Jagdverbot auf der Schweizer Seite endgültig ruhig geworden ist», erklärt Martin Schneider-Jacoby, Projektleiter der Stiftung Europäisches Naturerbe in Radolfzell und seit bald 40 Jahren ehrenamtlicher Betreuer des Wollmatinger Rieds. Er ist Ornithologe und einer der Wasservogelzähler, die von September bis April im Monatsrhythmus rund um den Bodensee die Bestände erheben. Die Daten sind für die ornithologische Forschung und den Vogelschutz gleichermassen wichtig, denn sie erlauben Rückschlüsse auf die Wander­bewegungen.

Die Gegend zählt zu den wichtigsten Überwinterungsgebieten in ganz Europa, für manche Arten ist sie gar von existentieller Bedeutung. Selbst aus dem nördlichen Spanien und dem südlichen Frankreich kommen sie. Singschwäne etwa, an ihrem markant gelben Schnabel und dem gänseartigen Gesang gut zu erkennen, haben das Becken erst in jüngerer Zeit entdeckt. Doch nun fliegen sie in immer grösserer Zahl ein, um sich, wie die Beringungsforschung zeigt, in ganzen Sippen zu treffen. Insgesamt werden in der kalten Jahreszeit bis zu 40'000 Wasservögel gezählt, am gesam­ten Bodensee sind es bis zu 300'000.

Auf der Schweizer Seite des Ermatinger Beckens haben Edith und René Müller ihr Fernrohr aufgestellt. Das Basler Ehepaar lebt seit einem Vierteljahrhundert im Engadin und reist jedes Frühjahr und jeden Herbst hierher nach Triboltingen, um die Wasservögel zu sehen. «Nirgends ist mir die Natur so nahe, wie wenn ich durchs Fernrohr die Vögel beobachte», schwärmt Edith Müller. «Ich störe sie nicht und darf ihnen zu-sehen, wie sie ihre Jungen füttern.» Rundum erstrecken sich breite Schilfgürtel, nur vom Steg des kleinen Bootshafens aus hat man freien Blick auf den See. Selbst im Sommer ist hier wenig los, und jetzt im Herbst hat man die Badewiese und den kleinen Park meist für sich allein.

Ein Ort der Stille, nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt, wo der Zug auf Verlangen hält. Der Hoch­nebel hat sich schon früh verzogen, die Sonne wirft ein klares, ungefiltertes Licht auf den See, der es in marinen Farbtönen eines Meeres begrüsst, nachdem er sich im morgendlichen Nebel noch in ein graues Kleid gehüllt hat. Ein Ort der weiten Horizonte, die sich hier übereinanderlegen: das Ermatinger Becken, die schwarzen Striche der Entenschwärme im schimmernden Wasser, das Ockerbraun des breiten Schilfgürtels im Wollmatinger Ried, die Baumallee des Reichenauer Damms und darüber der strahlend blaue Himmel.

Auf dem kristallklaren See döst ein riesiger Schwarm Blässhühner, ein paar Singschwäne schweben nur Zentimeter über dem Wasser. Ein Höckerschwanenpaar mit sechs Jungen macht es sich am kleinen Strand bequem. In der Seemitte verläuft die markierte Fahrrinne, wo im Sommer reger Schiffs­verkehr herrscht. Jetzt verliert sich hier nur ein einsamer Kanupaddler.

Die Stille wird durch den Gesang eines Vogels unterbrochen. Edith Müller erkennt ihn sofort: «Das ist eine Bartmeise. Sie brütet hier im Schilf. Zu Gesicht bekommt man sie aber nur sehr selten.» Edith und René Müller sind zufrieden, packen Fernrohr und Feldstecher ein und machen sich auf den Weg mit einem Tandem, das sie jetzt, wegen der kühlen Bise, mit in den Zug nehmen. Sie brechen auf nach Höchst, einem weiteren Treffpunkt der Vogelwelt am Schwäbischen Meer.

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Erkundungstouren

Das Ermatinger Becken umfasst ein ausgedehntes Gebiet im Dreieck zwischen der Seerheinmündung bei Gottlieben, der Insel Reichenau und Ermatingen. Um das Becken führt ein Radweg, aber auch Fussgänger kommen dank einem gut ausgebauten öffent­lichen Verkehrsnetz gut zurecht. Empfehlenswert sind die einstündige Wanderung von Ermatingen nach Konstanz und der 30-minütige Spaziergang vom Bahnhof Reichenau über den Damm zur Insel (Rückfahrt mit dem Bus möglich). Ab Konstanz gibt es eine Bahn- und Busverbindung zum Bahnhof Reichenau, dem Startpunkt der zweiten Route. Der Dammweg ist gesäumt von Infotafeln zu den Themen Natur und Vogelwelt am See.

Informationen zum Unesco-Weltkulturerbe auf der Insel Reichenau: www.welterbe-reichenau.de

Vogelbeobachtung
Mit einem guten Fernglas und einem Bestimmungsbuch ausgerüstet, erschliesst sich die Welt der Wasser­vögel auch Laien. Im Naturschutzzentrum Wollmatinger Ried ist die Broschüre «Vogelwelt Untersee» erhältlich. Auf dem Steg zur Insel Mainau bietet sich Gelegenheit, Scharen von Wasservögeln zu beobachten – sie lassen sich von den Touristen nicht im Geringsten stören.

Auf der Website www.ornitho.ch können Vogelenthusiasten ihre aktuellen Beobachtungen eintragen und Fotos präsentieren. Die Einträge sind nach Kantonen gegliedert; Beobachtungen aus dem Ermatinger Becken finden sich unter TG.

Der Naturschutzbund Deutschland bietet einen Vogelführer an, der auch als App für Smartphones erhältlich ist: www.nabu.de/mobil

Exkursionen und Führungen
Der Thurgauer Vogelschutz bietet am 6. November und 4. Dezember ornithologische Spaziergänge ab Ermatingen an. Treffpunkt: 8 Uhr, Bahnhof Ermatingen; Dauer: zwei Stunden; bei jeder Witterung. Feldstecher mitnehmen. Weitere Auskünfte erteilt: Jakob Rohrer, Vogelschutz Steckborn, Telefon 071 671 29 85, E-Mail: steckborn@vogelschutz-tg.ch

Das Naturschutzzentrum Wollmatinger Ried veranstaltet regelmässig Führungen auf dem Reichenauer Damm, zum Beispiel am 27. November, 15.45 Uhr bis 17 Uhr. Informationen und weitere Termine unter www.nabu-wollmatingerried.de