Die Wolken hängen tief über dem Enziwigger-Tal, doch Regen fällt auch heute nicht. An einem Hang, wo vor kurzem noch Kühe weideten, klafft nun ein Loch. «20 Meter, wir müssen noch weiter hinein!», ruft ­Walter Hodel aus der Grube. Er sitzt auf seiner signalgelben «Vermeer 2020», ­einem Ungetüm von einer Maschine. Zwei Beine in den lehmigen Boden gerammt, das lange Stahlrohr tief in der Wand, gleicht sie einem Rieseninsekt. Hodel legt den Hebel um, der Motor dröhnt, der Bohrkopf frisst sich tiefer in die Erde. Weiter in Richtung Wasser.

Früher war Walter Hodel Landwirt. Heute bohrt er im Luzerner Hinterland nach Wasser – dort, wo die alten Quellen versiegen. «Wasserschmöcker» nennen ihn die Leute in der Region. Hodel beobachtet die Geländeverläufe, sucht nach Spuren vergangener Erdrutsche Regenfälle Wer bezahlt Wasserschäden? , wo er Wasser vermutet, treibt er das Eisen in den Boden. Seine Firma floriert. Denn im Napfgebiet ist es trocken geworden. Seit dem Hitzesommer 2018 sind die Pegelstände so drastisch gesunken, dass vielen Höfen das Wasser ausgegangen ist.

Ein Berg Arbeit

Walter Hodel hat seither alle Hände voll zu tun. In Ufhusen, Buttisholz, Klimsern, Haueten – in ­einem Jahr hat er mehr als 20 neue Quellen gebohrt oder alte neu gefasst. «Ich werde mit Anfragen überhäuft», sagt der 72-Jährige im kernigen Dialekt des Luzerner Hinterlands. Seit Januar waren es mehr als 20 Hilferufe, doch er arbeitet noch immer diejenigen des vergangenen Jahres ab. An Ruhestand ist nicht zu denken. Walter Hodel ist jeden Tag unterwegs.

Bauer Sepp Lustenberger hat den Wasserschmöcker letzten Herbst um Hilfe gebeten. Jetzt steht er an der Baugrube und beobachtet. Wenige hundert Meter entfernt führt er den Hof Willis­egg – mit 30 Milchkühen und 230 Mastschweinen. Vor 300 Jahren haben seine Vorfahren hier das Bauernhaus errichtet, in dem Lustenberger aufgewachsen ist und wohnt. «Es ginge uns gut, wenn nicht die Sache mit dem Wasser wäre.»

Zu wenig Niederschläge

Lustenberger bezieht das Wasser aus eigener Quelle. Einen Engpass habe es noch nie ge­geben. «Zehn Liter pro Minute flossen ­früher aus dem Boden. Doch in den letzten drei Jahren ist es immer weniger geworden.» Nach dem letzten Sommer waren es noch knapp zwei Liter. Viel zu wenig. Lustenbergers Tiere brauchen 8000 Liter Wasser pro Tag. Deshalb musste er im vergangenen Sommer täglich 4000 Liter zusätzlich heran­karren. Um den Verbrauch zu senken, reduzierte er die Zahl der Schweine und führte sechs Kühe vorzeitig zur Schlachtbank. «Einen solchen Sommer können wir uns nicht noch mal leisten.»

Nicht nur im Napfgebiet herrscht Wassermangel. Im letzten Sommer ist der Grundwasserspiegel in der ganzen Schweiz gefährlich gesunken, besonders nördlich der Alpen. Weil es im ­Winter und im Frühling kaum Niederschlag gab, konnten sich die Pegel nicht erholen.

Im Kanton Luzern liegen die Grundwasserpegel in vielen Gebieten deutlich unter dem langjährigen Mittel. «Die ­Pegel sind weiter rückläufig», sagt ­Philipp Arnold, Teamleiter Gewässer bei der Dienststelle Umwelt und Energie. Die Situation sei ernst: «Wir hatten in den letzten zwölf Monaten in unserer Region Niederschlagsmengen, die 30 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt lagen.» Der Regen der letzten Wochen habe nur gereicht, um den Bodenspeicher zu füllen. «Nun gehen wir mit einem halbgefüllten Grundwasserspeicher in den Sommer.» Wird es wieder so heiss und trocken wie voriges Jahr, werde sich die Lage weiter verschärfen.
 

«Wenn wir die Klima­ziele von Paris nicht erreichen, werden die Hitze­sommer zunehmen. Als Folge davon werden die Grund­wasserpegel in gewissen Regionen häufiger absinken.»

Daniel Hunkeler, Hydrogeologe an der Universität Neuenburg


Walter Hodel hat den Bohrer ausgeschaltet. Aus einem Loch in der Lehmwand fliesst ein Rinnsal. «Rund drei Liter pro Minute», sagt Hodel. Das reiche noch nicht, aber es sei ein Anfang. Rund 30 Meter tief musste er bohren, bis er auf die Wasserader stiess. «Als ich ein Kind war, floss das Wasser im Frühling aus jedem Mausloch.»

Doch heute stosse er nur noch selten auf grosse Wasservorkommen. Selbst für kleinere Quellen muss er tief bohren, in manchen Fällen bis zu 100 Meter.

Wasserschmöcker Hodel und Bauer Lustenberger sind sich einig: Im Napfgebiet hat sich das Wetter in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Sie erzählen von ausbleibenden Niederschlägen, wärmeren Temperaturen, stärkeren Winden. «Wenn früher der Föhn zusammenbrach, kam der Regen», sagt Hodel. «Heute setzt auf Föhn immer häufiger die Bise ein. Und die trocknet die Böden weiter aus.» Ob die Wetterveränderungen mit dem Klima­wandel zusammenhängen? Das sei ein grosses Thema im Tal, sagt Sepp Lustenberger. «Die Frage wird offen diskutiert.» Es könne sein, dass es einen Zusammenhang gebe. «Aber mit Schnellschüssen bin ich vorsichtig.»

Forschung zum Wasserhaushalt

Hydrogeologe Daniel Hunkeler erforscht an der Universität Neuenburg, wie sich der Klimawandel auf die Grundwasserspeicher auswirkt. Für ihn gibt es keine Zweifel: «Wenn wir die Klima­ziele von Paris Klimaschutz CO2 reduzieren – in der Schweiz oder im Ausland? nicht erreichen, werden die Hitze­sommer Klimawandel Adieu, Schafskälte? zunehmen. Als Folge davon werden die Grund­wasserpegel in gewissen Regionen häufiger absinken.» Besonders empfindlich ­reagierten oberflächliche Speicher und solche in kalkhaltigen Gebieten. Diese Systeme können nur wenig Wasser speichern und trocknen deshalb schneller aus.

Noch etwas anderes lässt das Wasser schneller absinken: die Bauern selber. «Wenn der Regen ausbleibt, greifen sie oft auf Grundwasser zurück.» Hunkeler will deshalb in einem Forschungsprojekt im Berner Seeland herausfinden, wie sich das auf den Wasserhaushalt auswirkt. Seine Prognose: «Wenn die Landwirtschaft vermehrt Wasser aus tiefer gelegenen Speichern bezieht, kann das zu einer weiteren Absenkung führen.» Und zwar so stark, dass man sich ernsthaft fragen müsse, ob man die Nutzung nicht stärker regeln muss.

Mittelfristig könnte das fehlende Grundwasser weit über die Landwirtschaft hinaus zum Problem werden. Im Kanton Aargau etwa haben einzelne Gemeinden bereits im Frühling die Einwohnerinnen zum Wassersparen Sparsamkeit Werden Sie zum Warmduscher! aufgefordert. Im Kanton Neuenburg hat das Dorf Enges wegen Trinkwassermangels kürzlich den Bau neuer Häuser für mindestens zwei Jahre untersagt. Im Kanton Luzern denkt man in ersten Gemeinden darüber nach, wie man ­tiefer gelegene Grundwasserströme ­er­schlies­sen kann.

Walter Hodel bohrte 60 Meter tief nach einem Wasserspeicher

60 Meter tief musste Walter Hodel bohren, bis er auf Sepp Lustenbergers Land einen Wasserspeicher fand.

Quelle: Pascal Mora

20'000 Franken für die neue Quelle

Es sind drei Wochen vergangen, seit Walter Hodel auf der Willisegg das ­erste Loch in den Hügel bohrte. Jetzt blickt er in die Baugrube und sagt zufrieden: «So, jetzt fliesst es hier, wie es soll.»

Das brauchte Zeit. Hodel musste mehrmals ansetzen und an verschiedenen Stellen bohren. Dann stieg die Maschine für einige Tage aus. Eine Quelle versiegte nach wenigen Tagen. «In 60 Meter Tiefe sind wir dann endlich auf einen grösseren Wasserspeicher gestossen.»

Sieben Liter quellen jetzt pro Minute aus dem Boden und füllen das Wasserreservoir der Willisegg. Bauer Sepp Lustenberger ist erleichtert. Und rund 20'000 Franken ärmer – so viel haben die Bohrungen gekostet. «Das ist für uns eine Menge Geld. Ich hoffe, dass die neue Quelle nun möglichst viele Jahre hält.» Und der Grundwasserpegel nicht noch weiter sinkt.

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