Die Bauern wollten es nicht glauben. Als die Zahlen zu Antibiotika an die Wand projiziert wurden, hagelte es Proteste an der Delegiertenversammlung. Die Schweizer sollen ihren Milchkühen mit Abstand am meisten Antibiotika in die Zitzen spritzen – mehr als sonst wer in Europa, fünfmal mehr als die Deutschen? (siehe Infografik weiter unten) Der Vizepräsident der Branchenorganisation Milch bezweifelte die Daten der Europäischen Arzneimittel-Agentur. Das könne schlicht nicht stimmen, sagte er an der Versammlung im April.

Doch auch der Bund stützt sich auf die Zahlen. Wenn eine Schweizer Milchkuh ein Antibiotikum bekommt, ist in zwei von drei Fällen eine Euter-Erkrankung schuld, etwa entzündete Milchdrüsen. 1,7 Gramm Antibiotika werden dafür jährlich pro Kuh verbraucht.

«Die Milchbauern setzen viel zu häufig Antibiotika ein»

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) erklärt den hohen Antibiotikaverbrauch mit der guten Schweizer Milchqualität. Nirgends sei die Milch reiner. Weil die Schweiz viel Rohmilchkäse herstellt, schreiben viele Molkereien den Bauern besonders strenge Grenzwerte vor. Die Rohmilch darf nur sehr wenige Körperzellen der Kuh aufweisen, wie etwa weisse Blutkörperchen. Denn viele davon deuten auf entzündete Zitzen hin – die Kuh produziert die Zellen, um Bakterien abzuwehren.

Doch braucht es für besonders reine Milch zwangsweise viel Antibiotika? «Die hohe Milchqualität wird mit einem übermässigen Antibiotika-Einsatz teuer erkauft», sagt Tierarzt Christophe Notz. Die Zahlen der Europäischen Arzneimittel-Agentur belegten einen Missstand. «Die Milchbauern setzen viel zu häufig Antibiotika ein.»

Weniger Antibiotika wäre durchaus möglich

Notz hat am Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick AG gezeigt, dass hiesige Bauern im Mittel 33 Prozent weniger Antibiotika in die Euter spritzen könnten – bei gleichbleibender Milchqualität. Zu diesem Ergebnis kam er in einer dreijährigen Feldstudie auf 20 jurassischen Bauernhöfen.

«Wer auf Antibiotika verzichtet, braucht mehr Zeit», erklärt Notz. Bei einer Entzündung müsse der Bauer das Euter von Hand mehrmals täglich ausmelken und kühlen. «Vielen ist das zu anstrengend.» Obwohl die Milch bei Verzicht auf Antibiotika in der Regel früher wieder verkauft werden dürfe – weil sie frei von Medikamentenresten sei und deshalb keinen Sperrfristen unterliege.

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Die Schweiz macht zu wenig

Mitverantwortlich für die vielen Euter-Entzündungen sind die Züchter, sagt Christophe Notz. Sie entwickelten Hochleistungskühe, deren Euter sich schnell leeren lässt. «Dabei nahmen sie in Kauf, dass der Verschluss des Zitzenkanals, aus dem die Milch strömt, nicht mehr richtig schliesst und Bakterien leichter eindringen.» Notz kritisiert auch seine Berufskollegen: «Tierärzte haben Margen auf den Medikamenten. Je mehr Antibiotika sie verschreiben, desto mehr verdienen sie.» Dänemark und Schweden hätten die falschen Anreize längst unterbunden. «Die Schweiz macht vergleichsweise wenig – auch was den heiklen Einsatz von Reserve-Antibiotika in der Tiermedizin angeht.»

Zu diesen Reserve-Antibiotika zählen die neuartigen Cephalosporine der dritten und vierten Generation. Die Spitäler benützen sie für Menschen, wenn gängige Breitband-Antibiotika nicht mehr helfen Bakterien Wenn Antibiotika nicht mehr wirken , weil die Krankheitserreger resistent sind. «Wir müssen die Wirkung der Reserve-Antibiotika schützen», sagt der Berner Veterinärbakteriologe Vincent Perreten. Jedes Mal wenn der Tierarzt ein Antibiotikum spritze, bestehe die Gefahr, dass es nur einen Teil der Bakterien abtöte und die überlebenden Keime resistent würden. «Die Bakterien passen sich an. Deshalb müssen wir mit der Anwendung zurückhaltend sein.»

Trotzdem werden die neuartigen Cephalosporine in der Tiermedizin eingesetzt – auch gegen Euter-Entzündungen. In der Schweiz lag der Absatz im vergangenen Jahr bei 102 Kilo. Das ist zwar fast ein Viertel weniger als im Vorjahr, doch für Professor Perreten unverantwortlich viel: «Reserve-Antibiotika sind bei Euter-Entzündungen nicht zwingend nötig. Es braucht eine reglementierte Beschränkung. Das Bundesamt muss handeln.» 

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Die Schweiz im europäischen Vergleich

Schweizer Milchbauern spritzen ihren Kühen 17-mal mehr Antibiotika in die Zitzen als ihre Kollegen in Dänemark. Das zeigen Zahlen der Europäischen Arzneimittel-Agentur von 2015. Der Schweizer Wert ist seither trotz Massnahmen des Bundes gemäss provisorischen Daten nur um rund 0,2 Prozentpunkte gesunken. Die Studienautoren nehmen bei der Berechnung an, dass jede Milchkuh 425 Kilo wiegt.

1,7 Gramm Antibiotika pro Schweizer Kuh
Quelle: Infografik: Andrea Klaiber
Antibiotika Verabreichung im europäischen Vergleich
Quelle: Infografik: Andrea Klaiber

Infografik: Andrea Klaiber
Quellen: Jahresbericht 2017 des Europäischen Projekts zur Überwachung des Antibiotikaverbrauchs in der Veterinärmedizin (ESVAC) in 30 Staaten, Absatzzahlen von 2015; BLW, BLV, Dänische Lebensmittel- und Veterinärverwaltung, Danmap.

Nützen uns Reserve-Antibiotika schon bald nichts mehr?

Perreten schlägt Alarm, weil er in Schweizer Kuhmilch jüngst ein Bakterium entdeckt hat, dass selbst gegen die Reserve-Antibiotika resistent ist. Dieses Bakterium löst bei Menschen zwar keine Krankheiten aus, sein Antibiotikaresistenz-Gen könnte sich aber via Rohmilch verbreiten. «Wir spielen mit dem Feuer. Wenn nun gefährliche Bakterien auch resistent werden Resistente Keime «Eine sehr ernst zu nehmende Gefahr» und über die Verdauung in den Körper der Menschen gelangen, ist es zu spät. Dann kann ein Spitalaufenthalt böse enden, weil Reserve-Antibiotika nichts mehr nützen», sagt Perreten. «Antibiotikaresistente Bakterien haben nichts in der Nahrungsmittelkette zu suchen. Wir müssen jetzt handeln.»

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) will von einer verbindlichen Beschränkung nichts wissen. Wenn andere Antibiotika nicht wirkten, müssten Milchkühe auch mit Reserve-Antibiotika behandelt werden dürfen. Die Tierärzte seien aber angehalten, diese zurückhaltend anzuwenden. Zudem dürften Bauern die Mittel nicht mehr auf Vorrat auf dem Hof haben.

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Die Massnahmen des Bundes zu Antibiotikaresistenzen wirkten, der Absatz gehe zurück. Ab nächstem Jahr müssen die Tierärzte zudem genauer Buch führen über den Antibiotikaverbrauch. Davon erhofft sich das Bundesamt neue Erkenntnisse.

Dänemark ist uns 24 Jahre voraus

Die Dänen führen eine solche Datenbank bereits seit 1995. Die Tierhalter müssen zudem Limiten einhalten. Wer zu viel Antibiotika verabreicht, erhält eine Gelbe Karte und wird auf eigene Rechnung zwangsberaten. Das wirkt: Nur 1,5 Promille der dänischen Milchkühe erhalten noch neuartige Cephalosporine ins Euter gespritzt. Das ist zehnmal weniger als vor dem Gelbe-Karten-System.

«Die Reserve-Antibiotika wurden oft eingesetzt, obwohl es Alternativen gab», sagt Tierarzt Michael Farre vom dänischen Bauernberatungsdienst Seges. «Viele spritzten sie nur, weil sie schnell wirken und kürzere Milchsperren erlauben.» Ein Schweizer Tierarzt bestätigt: «Der Griff zu Reserve-Antibiotika kann sich finanziell lohnen. Und das ist ein Problem.»

Bei den Schweizer Milchbauern ist man noch weit weg von dänischen Verhältnissen. Sie stünden unter Zugzwang, den Verbrauch der Euter-Antibiotika zu senken, sagt zwar Michael Grossenbacher von der Branchenorganisation Milch. Doch konkrete Senkungsziele will sich der Verband bisher nicht geben. Eine Arbeitsgruppe kümmert sich nur nebenbei um Antibiotika.

Immerhin sind die Milchbauern selbstkritisch. Grossenbacher gibt zu, dass die hohen Schweizer Milchqualitätsziele «falsche Anreize setzen könnten». Bonuszahlungen für besonders tiefe Zellwerte müsse man hinterfragen.

«Lesen Sie, was wir beobachten.»

Dani Benz, Ressortleiter

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