Tenna macht es einem nicht leicht im Winter. Besonders nicht in diesem Winter – es gibt so viel Schnee wie schon lange nicht mehr. Der erste Versuch, die Sonnenterrasse im Bündner Safiental zu erreichen, endet im «Rössli» in Versam. Die Strasse weiter ins Tal hinauf ist wegen starken Schneefalls und Lawinengefahr gesperrt. Auch beim zweiten Anlauf ein paar Tage später schneit es, das Postauto ruckelt mit Schneeketten ins Dörfchen auf 1654 Meter über Meer, eine alte Walser Streusiedlung. Alles ist weiss, man sieht nichts. Auch die Attraktion des 112-Seelen-Dorfs nicht: den ersten Solarskilift der Welt, im Ortsteil Ausserberg, der seit Mitte Dezember in Betrieb ist. Erst beim dritten Versuch ist das Wetter gnädig. Den Besuchern bietet sich eine wunderbare Aussicht aufs gut besonnte Hochplateau.

450 Meter lang ist das sonnenbetriebene Wunderwerk, 82 sogenannte Solarwings sind auf zwei Tragseilen einige Meter über dem Schlepplift montiert. Sie stehen in einem 30-Grad-Winkel Richtung Süden und werden im Zehn-Minuten-Rhythmus nach der Sonne ausgerichtet. Pro Jahr liefern sie 90'000 Kilowattstunden Strom – für den Betrieb des Skilifts wird nur etwa ein Viertel gebraucht, der Rest fliesst ins öffentliche Netz. Umgekehrt kann der Lift bei schlechtem Wetter von dort Strom beziehen.

Eigentlich ist es nur ein Liftchen, das 800 Personen pro Stunde befördern kann. Die Fahrzeit beträgt drei Minuten, es stehen ein paar Abfahrten zur Auswahl. Eigentlich nicht der Rede wert. Wenn da nicht der innovative Antrieb wäre – «Slalom mit gutem Gewissen: Der Solar-Skilift in Tenna sorgt europaweit für Aufsehen» titelte etwa die «Sonntags-Zeitung».

Edi Schaufelberger schaufelt Schnee von der Terrasse des Pistenbeizlis, das seine Frau Kathrin, eine waschechte Tennerin, führt. Seine blauen Augen blitzen hinter der feinen Brille, auf seiner schicken blauen Skijacke prangt weiss der Schriftzug «Solarskilift Tenna – weltweit der erste». Der 64-jährige Schaufelberger ist Genossenschaftspräsident des Skilifts, erster Biobauer des Dorfs – mittlerweile führt der Sohn den Hof –, Ex-Gemeinde- und -Kreispräsident sowie Ex-Grossrat. Beim alten Skilift lief die Konzession aus. «Dass wir mit unserem Solarskilift so auf die Anti-AKW-Welle aufspringen könnten, wussten wir damals natürlich nicht.» Die Idee entstand 2009 – lange vor Fukushima. «Wir mussten etwas machen und wollten etwas Besonderes, etwas Nachhaltiges», so der gebürtige Appenzeller. Und: «Der Skilift entspricht uns, er ist kein Gugus.»

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Zwei neue Häuser im Jahr sind genug

Die Einheimischen, teils Nachkommen der im 14. Jahrhundert eingewanderten Walser, sind stolz auf ihren Lift, auf die gute Idee. Aber den Massentourismus ihrer Nachbarn in der Weissen Arena von Laax, Flims, Falera wollen sie nicht. «Wir sind echt, offen für Neuerungen, aber es muss im Rahmen bleiben», so Schaufelberger. Es brauche den Fortschritt, aber wenn im Jahr ein bis zwei neue Häuser gebaut würden, dann reiche das. Der Zweitwohnungsanteil in Tenna liegt bei 60 Prozent – gleich hoch wie in Laax. Das klingt aber dramatischer, als es ist: In Tenna handelt es sich um etwa ein Dutzend Ferienhäuser. Und die Hälfte davon gehört den Nachkommen von ­Bauern, die ihre Betriebe aufgeben mussten und die Häuser an ihre Kinder weitergegeben haben.

Der Genossenschaftspräsident ist mittlerweile ein routinierter Gesprächspartner und posiert ohne Murren auch im Schneetreiben für den Fotografen. Der Fernsehsender France 2 war schon da, der ORF, das Schweizer Fernsehen und unzählige in- und ausländische Zeitungen. Ein Geniestreich, dieser Solarskilift, der rund 1,3 Millionen Franken gekostet hat. Plötzlich steht ein vorher kaum beachtetes Bergdorf im Rampenlicht: Am Freitag, 10. Februar, startet die neue Staffel von «SF bi de Lüt – Unser Dorf» mit einer fünfteiligen Serie über Tenna. Seit letztem Sommer bis vor ein paar Wochen war ein Team des Schweizer Fernsehens regelmässig zu Gast.

«Die spinnen, die Tenner, oder?» Biobauer Thomas Buchli, 30, seit drei Jahren Gemeindepräsident von Tenna, grinst und tippt sich an die Stirn – seine Anspielung an Asterix und Obelix, an das gallische Dorf, das etwas anders ist als andere, hat was. Sein Lausbubenlachen, laut und herzhaft, ist ansteckend. Er merke erst jetzt, dass er die Fernsehleute vermisse, «jetzt, wo sie nicht mehr da sind».

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Der ganze Rummel stört ihn nicht, im Gegenteil. Vor gut einem Jahr sei ein Journalist aus dem Welschland da gewesen und habe einen Bericht über die Schwierigkeiten von Bergdörfern in Randregionen gemacht, Abwanderung, geringe Wertschöpfung und so. Thomas Buchli lacht sich noch heute halbtot über den Redaktor: «Der sagte, bis hier mal was los sei, dauere es noch ewig.» Da hat er sich schwer getäuscht.

Bürgermeister Buchli ist Bauer aus Leidenschaft. Wenn er seine schottischen Hochlandrinder knuddelt, wird einem warm ums Herz. Der Stier wiegt über eine Tonne, aber auch er kriegt Streicheleinheiten ab. «Man muss wissen, wie man ihn nimmt», so Buchli lapidar.

Einzig bei den Begriffen «alpine Brache» oder «potenzialarmer Raum» vergeht ihm das Lachen. So bezeichnen oft Experten aus dem Unterland die Randregionen der Schweiz. Das Safiental gehört dazu. Buchli gibt zu, dass ihn der Ausdruck «potenzialarmer Raum» aber auch hinter dem Ofen hervorgeholt habe. «Ich war immer überzeugt, dass wir etwas auf die Beine stellen können. Das haben wir ja nun auch bewiesen.» Buchli ist aber klar, dass eine Region wie das Safiental seine Wertschöpfung ohne Beiträge des Kantons nicht aufrechterhalten kann. 2013 werden die vier Talgemeinden Versam, Valendas, Tenna und Safien fusionieren. Der Alleingang wurde zu teuer. 8,4 Millionen Franken lässt sich das die Regierung in Chur kosten.

Dem Kunstmaler Ueli Meier-Buchli ist das alles ziemlich egal. Der Zürcher lebt seit 19 Jahren in Tenna, sein Haus hat er selbst gebaut. Die beiden Söhne, 18 und 26 Jahre alt, sind hier aufgewachsen. Als Künstler suche er die Natur und die Ruhe, das habe er hier «en masse». Aber abgesehen davon – er winkt ab. Genossenschafter beim Skilift sei er bewusst nicht, da er nicht Ski fahre und das Geld lieber für anderes eingesetzt hätte. «Ich wollte hier mal einen Spielplatz bauen, als die Söhne noch klein waren. Einen Treffpunkt für alle. Das wurde abgelehnt, so was brauche es doch nicht.» Die Bündner seien halt ein Volk für sich, meint er und streicht die langen Haare aus dem Gesicht. In der Dokumentation von «SF bi de Lüt» kommt er nicht vor: «Ich bin wohl zu uninteressant und passe nicht ins Bild», vermutet er.

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Primarlehrerin Karin Lutz, 34, die vor neun Jahren aus St. Gallen nach Tenna kam, mag ebenfalls nicht in den Begeisterungschor miteinstimmen. Sie sitzt im Lehrerzimmer des neuen Schulhauses – ein moderner Bau aus Holz und Beton, der soeben für 2,4 Millionen Franken fertiggestellt wurde. Acht Schüler besuchen heute die Gesamtschule, in ein paar Jahren werden es 17 sein. Tenna ist das einzige Dorf im Safiental, das einen Geburtenzuwachs verzeichnen kann. In den letzten Jahren wurden die meisten der elf Landwirtschaftsbetriebe an die Söhne übergeben. Und diese haben nun fast alle Familie. ­Karin Lutz sagt: «Für die Balance im Dorf halte ich den Rummel für gefährlich. Wer nicht in der TV-Sendung vorkommt, fühlt sich irgendwie weniger wichtig. Obwohl das natürlich gar nicht stimmt.» Gerade die Unauffälligen seien für das Funktionieren der Dorfgemeinschaft enorm wichtig.

Als einzige Dorfschullehrerin hat sie selbstverständlich ihre Rolle bei «SF bi de Lüt». Lutz hält den ganzen Hype um den Lift für übertrieben und hofft, dass sie nächste Saison mit ihren vier Kindern in Ruhe Ski fahren kann. Ihre Tochter Lina, 6, die gerade mit dem Kindergarten auf der Piste unterwegs ist, hat jedenfalls eine ­klare Meinung: «Der alte Lift war besser.» Warum? «Weil er langsamer war», sagt das blonde Mädchen und fräst davon.