Es gibt Ereignisse, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen. Der 11. März 2011 brachte ein solches Ereignis. Ein Erdbeben und der anschliessende Tsunami führten zu einer der grössten Atomkatastrophen der Geschichte: der Explosion des Reaktors von Fukushima. In der Schweiz reagierte man ungewöhnlich schnell auf die dystopischen Bilder aus dem fernen Japan.

Nur drei Tage nach dem Unglück sistierte die damalige Energieministerin Doris Leuthard sämtliche Gesuche für den Bau neuer AKW. Zweieinhalb Monate nach dem Unglück war der Atom-Ausstieg im Grundsatz besiegelt, wobei der Bundesrat den AKW-Betreibern weit entgegenkam. Ihre Meiler dürfen in Betrieb bleiben, solange die Sicherheit gewährleistet ist. Somit laufen auch die beiden Reaktoren von Beznau weiter, die mittlerweile ältesten der Welt – Abschaltdatum unbekannt. 

Für das AKW Mühleberg hingegen bedeutete Fukushima das Aus. Dabei war die wiedererwachte Skepsis gegenüber der Nukleartechnologie nur ein Nebenaspekt. Den Ausschlag gaben letztlich wirtschaftliche Überlegungen.

Schub für erneuerbare Energien

Fukushima hat uns zum Nachdenken gebracht. Es gibt durchaus Positives zu vermelden: Zahlreiche Kantone haben Energiegesetze erlassen, die erneuerbare Energien zur Selbstverständlichkeit machen sollen. Sie subventionieren den Ersatz von Ölheizungen und energetische Sanierungen von Liegenschaften.

Der Gesamtenergieverbrauch wie auch der Stromverbrauch pro Kopf sind in den zehn Jahren seit der Atomkatastrophe gesunken. Strom aus Solar- und Windkraftanlagen ist auch dank grösserer Nachfrage deutlich billiger geworden.

«Wir verbrauchen nach wie vor viel zu viel Energie. Ob nun ‹saubere› oder aus fossilen Quellen.»

Thomas Angeli, Beobachter-Redaktor

Die sogenannte Energiewende, die in den Wochen und Monaten nach der Atomkatastrophe in aller Munde war, ist das allerdings noch nicht. Noch lebt die Schweiz quasi vom Ersparten. Dank der über Jahrzehnte ausgebauten Wasserkraft und langfristigen Stromimportverträgen können wir so tun, als wäre unser Lebensstil eine Selbstverständlichkeit.

Das wird sich aber ändern – ändern müssen. Denn der heilsame Schock, den Fukushima in Sachen Elektrizität brachte, hat sich noch nicht auf unseren täglichen Umgang mit Energie niedergeschlagen. Wir verbrauchen nach wie vor viel zu viel Energie – ob nun «saubere» oder aus fossilen Quellen. Und wir verhalten uns immer noch so, als ginge uns der von uns verursachte Klimawandel nichts an.

Schöne Worte für die Zukunft

In den Energieperspektiven 2050 des Bundes ist zu lesen, was es zur Lösung des Problems braucht: «Wir gehen weg von den fossilen Energien, werden dafür aber mehr Strom brauchen.» Und: «Die Energieversorgung 2050 besteht fast vollständig aus inländisch produzierter, erneuerbarer Energie.»

Das sind vorerst nicht viel mehr als schöne Worte. Denn allen Fortschritten zum Trotz stecken die erneuerbaren Energien in der Schweiz immer noch in den Kinderschuhen. Bis 2050 sollen gemäss den Energieperspektiven 33,6 Terawattstunden Strom von Schweizer Fotovoltaikanlagen kommen – 2019 waren es gerade mal 2,2 Terawattstunden.

Grosses Potenzial ortet das Bundesamt für Energie auch bei der Energieeffizienz. Weil Geräte und Maschinen immer weniger Strom brauchen, lasse sich auch da sparen. Dem technischen Fortschritt kommt jedoch nur allzu oft eine üble menschliche Angewohnheit in die Quere: Wir nutzen zwar sparsamere Maschinen, dafür einfach mehr davon. Oder wie viele Geräte besitzen Sie, mit denen Sie zum Beispiel fernsehen können? Eben.

Fukushima hat uns aufgeschreckt und zum Nachdenken gebracht. Eine Atomkatastrophe wünscht sich niemand mehr. Aber ein kräftiger Tritt in den Hintern täte uns nach zehn Jahren mit unzureichenden Fortschritten vielleicht wieder einmal gut.

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Thomas Angeli, Redaktor

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