Beobachter: Herr Rodewald, vor zwei Wochen gaben Sie uns ein äusserst emotionales Interview. Wenige Stunden später zogen Sie es zurück. Sie wollten plötzlich die Schlussabstimmung des Parlaments abwarten.
Raimund Rodewald: So etwas habe ich noch nie gemacht. Aber: Ich habe die schwärzesten Wochen meiner ganzen 33 Jahre in der Stiftung Landschaftsschutz hinter mir. Zeitweise habe ich die Welt nicht mehr verstanden. Zum grossen Glück überwog am Schluss dann doch noch die Vernunft im Parlament. Es wird sich aber erst in den kommenden Monaten zeigen, wie viel der Landschaftsschutz unserem Land noch wert ist.

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Wie meinen Sie das?
Ich habe die Beschlüsse mit etwas Abstand analysiert und auch intern in der Stiftung besprochen. Die Folgen der Solaroffensive sind nun für den Landschaftsschutz verkraftbar. Mehr Sorgen bereitet mir noch immer die Haltung des Ständerats. Er wollte, dass der Landschaftsschutz keine Rolle mehr spielt, und hat mit seinem Entscheid die Hemmschwelle überschritten. Es sind weitere Vorstösse hängig, die in die gleiche Richtung gehen, einfach für die Wasser- und die Windkraft . Das macht mir Bauchweh.
 

Werden Sie den Parlamentsbeschluss mit einem Referendum bekämpfen?
Nein.
 

Warum nicht?
Im Wesentlichen geht es beim neuen Gesetz um die beiden Projekte Gondosolar und die Erhöhung der Grimsel-Staumauer. Das Grimsel-Projekt haben wir schon vor vielen Jahren gutgeheissen. Bei Gondo warten wir ab, ob das Projekt überhaupt realisierbar ist. Es gibt nirgends im Alpenraum auf dieser Höhe eine Solar-Freiflächenanlage in einer völlig unberührten Landschaft. Wir haben aber nichts dagegen, wenn man das nun als wissenschaftlichen Pilotversuch betrachtet.


Was ist mit dem Solarprojekt in der Walliser Gemeinde Grengiols?
Dieses Projekt ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ich bin auch skeptisch, ob bis Ende 2025 ein fertiges Gesuch auf dem Tisch liegt.

«Angst ist ein schlechter Ratgeber für gute Politik.»

Raimund Rodewald, Landschaftsschützer

Mit dem Mantelerlass werden auch weitere Windkraftprojekte möglich.
Konkrete Projekte sind im Moment keine sichtbar. Wir hoffen, dass allfällige Vorhaben, die den Landschaftsschutz betreffen, mit uns vorbesprochen werden – trotz der Panikmache im Parlament. Das war bis vor wenigen Wochen nie ein Problem.
 

Angesichts einer drohenden Strommangellage befürworten inzwischen viele den schnellen Ausbau von erneuerbaren Energien, ohne Rücksicht auf den Landschaftsschutz. 
Angst ist ein schlechter Ratgeber für gute Politik. Leider hat auch Werner Luginbühl als Präsident der Elektrizitätskommission diese Angst noch geschürt. Er hat öffentlich empfohlen, Kerzen zu kaufen – für den Fall, dass die Lichter im Winter ausgehen. Ich finde es nicht gut, wenn man mit solchen Ängsten Politik macht.
 

Sie gelten als Verhinderer der Energiewende. Der ehemalige SP-Parteipräsident Peter Bodenmann, der die Idee für das Solarprojekt bei Grengiols lieferte, schrieb kürzlich, Sie hätten sich total verrannt. Mit Ihrer Politik würden Sie neue Atomkraftwerke befürworten.
Ich habe mich leider an solche Angriffe von Herrn Bodenmann gewöhnt. Es ist völlig absurd, zu behaupten, wir würden die Atomkraft befürworten.
 

Der Präsident der Stiftung Landschaftsschutz, Kurt Fluri, hat in der Weltwoche geschrieben, dass man die Atomkraft weiterverfolgen sollte.
Das hat er nicht als Präsident der Stiftung Landschaftsschutz geschrieben, sondern als Privatperson. Unsere Stiftung hat 2017 klar für den Ausstieg aus der Atomkraft votiert und die Energiestrategie unterstützt, in der Hoffnung, dass diese im Einklang mit dem Natur- und Landschaftsschutz umgesetzt wird.
 

Mal im Ernst: Wie viele Einsprachen gegen Erneuerbare liegen auf Ihrem Tisch?
Der Vorwurf, wir seien Verhinderer, ist faktenwidrig. Aktuell sind bei uns genau fünf Verfahren im Energiebereich hängig. Drei davon betreffen Windkraftanlagen. Daneben kämpfen wir für einen alternativen Standort einer grösseren Biomasseanlage, die in der Nähe eines Vogelschutzgebiets geplant ist. Beim fünften Verfahren geht es um ein Wasserkraftprojekt, das einen der herausragendsten Wasserfälle im Kanton Bern beeinträchtigen würde. Von Verhinderungspolitik kann keine Rede sein.
 

Warum hat der Landschaftsschutz so viel Rückhalt im Parlament verloren?
Die Zusammensetzung des Parlaments ist aktuell weniger natur- und landschaftsfreundlich. Vor allem der Ständerat hat an Sensibilität verloren. Es scheint, als habe man vergessen, dass die Bevölkerung 2013 für ein neues Raumplanungsgesetz gestimmt hat, namentlich mit Landschaftsschutz-Argumenten. Ein Jahr zuvor hat es auch die Zweitwohnungsinitiative gutgeheissen. 2008 war das Verbandsbeschwerderecht vom Volk deutlich bestätigt worden. Das Momentum ist aktuell nicht auf unserer Seite, da gebe ich Mitte-Ständerat Beat Rieder recht. Momentum heisst aber: Ich schaue nicht, was gestern war und was in der Zukunft kommen wird, sondern nur, was aktuell gerade opportun ist.


Der Ständerat macht keine zukunftsgerichtete Politik mehr zum Wohl unseres Landes?
Das habe ich nicht gesagt. Es ist aber so, dass das Parlament seine Kompetenzen stark ausreizt. Wenn man in ein Gesetz schreibt, die Grimsel-Staumauer wird um 23 Meter erhöht, spielt man sich zur Exekutive auf. Man tut so, als gäbe es den Kanton Bern gar nicht, der eigentlich die Konzession erteilt.

«Mein täglicher Kampf ist es, dafür zu sorgen, dass man die Schönheit unserer Landschaften nicht vergisst.»

Raimund Rodewald, Landschaftsschützer

Vielleicht verkaufen Sie Ihre Anliegen aber auch schlecht. Wenn man vom Schutz des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler BLN spricht, interessiert das doch niemanden.
Das ist berechtigte Kritik. Die Engländer sprechen von «Areas of outstanding natural beauty», Landschaften von ausserordentlicher Schönheit. Es ist verheerend, dass bei uns das BLN nur als behördliches Verhinderungsinventar wahrgenommen wird. Ein kleiner Fortschritt ist, dass gewisse BLN-Gebiete nun als Naturpark bezeichnet wurden.
 

Das Solarprojekt bei Grengiols liegt auch in einem Naturpark. Trotzdem hat das offenbar keine Rolle gespielt.
Das ist leider so. Trotzdem glaube ich, dass die Bevölkerung einen anderen Bezug zu Naturpärken hat als zum BLN-Inventar. Mein täglicher Kampf ist es, dafür zu sorgen, dass man die Schönheit unserer Landschaften nicht vergisst.
 

Wie weit darf man beim Landschaftsschutz beim Bau von erneuerbaren Energien gehen?
Mit Solaranlagen auf Gebäuden und Infrastrukturen. Das ist der Königsweg. Einzelne Grossprojekte sind in baulich vorbelasteten und intensiv genutzten Gebieten durchaus möglich. Für die Wasserkraft wurde aber bereits viel Landschaft geopfert.
 

Das ist Teil des Parlamentsbeschlusses. Künftig müssen Neubauten ab einer Grösse von 300 Quadratmetern mit Solaranlagen bestückt werden.
Das ist sinnvoll. Der Wermutstropfen ist, dass es erst ab dieser Grösse zur Pflicht wird. Damit hat das Parlament einen Grossteil des Gebäudebestands in der Schweiz aus dem Gesetz genommen. Ich hätte es begrüsst, wenn man die Pflicht auch auf bereits bestehende Gebäude ausgeweitet hätte. Nötig wären auch Solaranlagen auf Autobahn- und Parkplatzüberdeckungen und an Stützmauern.
 

Im Lavaux am Genfersee haben Sie sich aber gegen Solarpanels bei der Autobahn gewehrt. Warum?
Es kommt immer auf den Standort an. Im Lavaux sind wir in einer schützenswerten Landschaft. Die Terrassenlandschaft ist ein Weltkulturerbe. Eine Überdeckung mit Solarpanels wäre darum dort nicht sinnvoll, auch nicht bei anderen Infrastruktur-Denkmälern wie etwa den Maillart-Brücken. Überall sonst wäre ein Solarausbau dringend notwendig.


Auch in den Alpen? Sie können doch problemlos vollständig zurückgebaut werden. Wo ist das Problem?
Der Rückbau ist ein Scheinargument. Die Solarmodule beim Projekt Gondosolar haben eine Lebensdauer von 30 Jahren, mit Verlängerung auf 60 Jahre. Das gibt auch die Alpiq offen zu, und das steht auch so im Richtplanblatt des Kantons Wallis.

«Auch bei der Solar- und der Windkraft sollte es meiner Meinung nach einen runden Tisch geben. Es ist aber völlig unklar, ob das geschehen wird.»

Raimund Rodewald, Landschaftsschützer

Jede Energiequelle hat Nachteile. Befürworten Sie denn eher Wind oder Wasser?
Schwierige Frage. Das grosse Problem ist: Es gibt keine Abstimmung zwischen den drei Eckpfeilern der erneuerbaren Energie in der Schweiz, zwischen Wind, Wasser und Solar. Ich fordere darum schon seit längerem, dass der Bundesrat das Zepter in die Hand nehmen muss und diese Frage nicht dem Parlament überlässt – erst recht nicht vor einem Wahljahr. Energieministerin Simonetta Sommaruga zeigt hier Führungsschwäche. 
 

Was soll sie anders machen?
Sie müsste dringend den «Runden Tisch Wasserkraft» weiterführen. Es gab damals auch Anträge dafür. Ich habe das sehr unterstützt, wie auch der Axpo-Vertreter. Sie war aber dagegen. Auch bei der Solar- und der Windkraft sollte es meiner Meinung nach einen runden Tisch geben. Es ist aber völlig unklar, ob das geschehen wird.
 

Solarenergie sei viel beliebter als die Windkraft. Das sagte Ständerat Beat Rieder kürzlich in der NZZ. Einverstanden?
Ich musste schmunzeln über diese Aussagen unseres neuen Solarpapstes. Vertreter der Windenergie sagen mir natürlich genau das Gegenteil. Windenergie sei viel schneller zu erzeugen und weniger abhängig von chinesischer Produktion. Ich habe den Eindruck, jeder schiebt dem anderen den schwarzen Peter zu. Insbesondere im Wallis, der Heimat von Herrn Rieder, wo man gleichzeitig den Ausbau der Wasser-, Wind- und Sonnenkraft fördern will.
 

Vor zwei Wochen sagten Sie, Sie seien froh, dass Sie bald pensioniert werden. Wie lange wollen Sie noch weitermachen?
Ich hoffe wirklich nicht, dass sich diese vergangenen schwarzen Wochen wiederholen. Für die Wintersession schwant mir leider Böses. Mein Ziel ist es, bis zu meiner Pensionierung in ein paar Jahren das Image des Landschaftsschutzes wieder dorthin zu bringen, wo es vor kurzem war.
 

Wie soll das gelingen?
Es geht nur mit glaubwürdiger Sensibilisierung für die Schönheit der Schweiz. Dafür habe ich mich immer eingesetzt und werde es auch weiterhin tun.

Zur Person

Raimund Rodewald leitet seit drei Jahrzehnten die Geschäftsstelle der Stiftung Landschaftsschutz. Der Biologe hat die Raumplanung der Schweiz massgeblich mitgeprägt. Rodewald ist zudem Gastdozent für Landschaftsästhetik und erhielt 2008 den Ehrendoktor der juristischen Fakultät der Uni Basel. Zusammen mit anderen Umweltorganisationen hat er die Landschaftsinitiative sowie die Biodiversitätsinitiative lanciert, die den Verlust an Artenvielfalt, Landschaft und Baukultur stoppen wollen.

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