Meldungen wie diese von Ende Mai verschickt die Schweizer Casino-Branche gern: «Am Montag gewann ein Mann im Casino St. Gallen innerhalb einer Stunde gleich zweimal viel Geld. Er machte sich mit rund 70'000 Franken auf den Heimweg.»

Meldungen wie jene über den Berner Volleyballer von Ende März will keiner lesen. Der 33-Jährige, der sich als Banker ausgab, hatte fast 700'000 Franken im Casino verprasst. Auch das Geld seiner Sportkollegen und die Ersparnisse seiner Grossmutter. Die hätte den Betrag fürs Altersheim benötigt.

Es sind zwei Seiten einer Branche, die gern mit aufgekratzten Männern und fröhlichen Frauen wirbt, fast 700 Millionen Franken pro Jahr einnimmt und einen gesellschaftlichen Schaden von Hunderten Millionen verursacht. Die Gewinne der Schweizer Casinos gehen an Private – und etwa zur Hälfte an die AHV und den Kanton. 6,3 Milliarden Franken seien das seit 2002 gewesen, rechnet der Casino-Verband vor.

Verhältnismässig mickrige 48 Millionen Franken flossen in die Suchtprävention und die Bekämpfung des exzessiven Geldspiels. Die Verluste, also etwa die Kosten für die Therapie von Suchtkranken und ihre verminderte Arbeitsleistung, trägt die Allgemeinheit.

Jeder ist willkommen

Bereits jetzt tun die 21 Schweizer Casinos alles, um ihr Publikum an Spieltische und Automaten zu locken. Mit Gratis-Kaffee, Gratis-­Glace, Gratis-Prosecco, Gratis-Buffet, Gratis-Parkplatz und Gratis-Fahrt im E-Tuktuk werden die Gäste bei Laune gehalten, egal, ob die Nachtigall singt oder die Lerche. Sollte fatalerweise das Geld ausgehen, versorgen etwa im Casino Luzern gleich drei Bancomaten klamme Gäste mit frischen Scheinen.

Die Branche darf sich rühmen, niemanden über 18 auszuschliessen, dem andernorts der Eintritt erschwert oder gar verunmöglicht wird. Ob Männer mit Migrationshintergrund oder Gebrechliche im Rollstuhl – sie sind in Casinos ebenso gern gesehen wie rauchende Gäste. Ihnen bietet ausgerechnet das strikte Zürich «einen grosszügig gestalteten Raucherbereich» mit über 160 Spielautomaten und sieben Spieltischen. Auch ihr Geld ist wie in vielen Casinos an 365 Tagen im Jahr willkommen, mit Öffnungszeiten, die durchaus bis 7 Uhr früh dauern können. In Meyrin am Genfersee kann gar 23 Stunden lang gezockt werden, aber dann ist Schluss, irgendwann muss man schliesslich staubsaugen.

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Doch der Staubsauger verscheucht künftig keine Gambler mehr vom einarmigen Banditen. Die Casinos Baden AG, Davos, Luzern und Pfäffikon SZ locken neu zum Online-Spiel rund um die Uhr, Bern und Neuenburg werden folgen. Gleichzeitig sollen ausländische Anbieter von Glücksspielen für Schweizer Zocker blockiert werden. Wobei sich ohnehin ein erheblicher Teil der Schweizer Casinos in französischer oder österreichischer Hand befindet, darunter so gut laufende wie Bern oder Genf und das umsatzstärkste, Montreux.

Offen ist zudem, ob sich IT-Giganten wie Apple und Google dazu herablassen, die ausländischen Geldspiel-Apps für die Schweiz zu sperren. Und selbst IT-Experten ist nicht klar, wie sich eine Blockade für exzessive Spieler durchsetzen lässt, ohne durch exzessive Kontrolle ihre Privatsphäre zu verletzen.
 

60'000 Spielsüchtige dürfen gegenwärtig kein Schweizer Casino betreten.


Die heimische Casino-Branche erhofft sich online 250 Millionen Franken im Jahr, Einnahmen, die bisher das Land verliessen. Wie viel Geld von den Casinos aus Mörtel in die virtuellen Casinos wandern wird, ist ungewiss. So oder so: Die neue Möglichkeit, pausenlos Geld und Gesundheit zu riskieren, bereitet Sucht- und Schuldenberatern Sorge. «Wir erwarten eine Zunahme von Menschen, die durch diese Spielmöglichkeit eine Sucht- und/oder Schuldenproblematik entwickeln. Das Ausmass negativer Konsequenzen von Glücksspielsucht wird unterschätzt», sagt Barbara Bracher von der Fachstelle für Schuldenfragen Luzern.

Die Schulden bedrohen die Existenz ihrer Klienten. Ein 37-Jähriger, der in der Luzerner Fachstelle Rat suchte, hatte 255'000 Franken verspielt – bei einem Lohn von 3000 Franken netto. Ein 45-Jähriger hatte 110'000 Franken Schulden – bei einem Nettoverdienst von 4458 Franken.

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Schon heute zähle die Schweiz 220'000 übermässige Glücksspieler, rechnet der Genfer Verein für Suchtkrankheiten hoch. Neun von zehn exzessiven Zockern seien verschuldet, zwei von drei hätten psychische Probleme. Rund 60'000 Suchtgefährdete werden gegenwärtig daran gehindert, sich finanziell und psychisch zu ruinieren. Oft sind es junge Männer mit ausländischem Pass und Schweizer Wohnsitz, die sich wegen ihrer Spielsucht selbst sperren liessen oder, in weit ­geringerer Zahl, vom Casino ­gesperrt wurden.

«Das Geld ist verjubelt und vertubelt»

«Online-Geldspiele haben hohes Gefährdungs- und Abhängigkeitspotenzial Online-Spielsucht Tickende Zeitbombe? , da über das Handy jederzeit und unauffällig um Geld gespielt werden kann», sagt Franz Eidenbenz vom Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix in Zürich. Um jene Leute via Smartphone zu erreichen, wurde die App und Website Safer-gambling.ch entwickelt. Betroffene im Zentrum Radix meinen, wegen der Zuverlässigkeit werden künftig mehr Leute auf den Webseiten von Schweizer Casinos spielen. Sie waren skeptisch gegenüber den Manipulationsmöglichkeiten von ausländischen Online-Casinos mit juristisch schwierig erreichbaren Sitzen wie Malta oder Isle of Man.

Die Eidgenössische Spielbankenkommission zählt vor allem auf die Selbstkontrolle der Casino-Branche und die Selbstkontrolle der Spieler. Das Casino ist gesetzlich verpflichtet, den Spielern zu helfen, Dauer, Häufigkeit und Nettoverlust in den Griff zu kriegen. So muss ein Spieler online ein Konto eröffnen und einen Höchstwert fest­legen, um die täglichen, wöchentlichen oder monatlichen Einsätze oder Ver­luste zu beschränken. Ob das genügt? Auch ohne Gesichtskontrolle wie in einem Casino, wie in Baden oder Basel?

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Sie würde sich wünschen, kontrolliert spielen zu können, sagt eine Frau in einem Dokfilm der interkantonalen Kampagne Spielen ohne Sucht. «Aber das ist illusorisch.» Die Frau hat an Automaten 200'000 bis 300'000 Franken verloren und stottert das Geld nun ab.
 

«On­line-Casinos sind ein Suchtgebiet und ein Absturzgebiet. Man beutet die Unerfahrenheit und die Naivität der Leute aus. Das ist eine Katastrophe.»

Mario Gmür, Psychiater


«Spieler werden erst maximal stimuliert und dann maximal ausgebeutet», sagt Mario Gmür. Der Zürcher Psychiater schaffte es mit einer Volksinitiative, dass 1995 die einarmigen Banditen im Kanton Zürich verboten wurden. 6400 Automaten mussten daraufhin aus den Beizen und Spielhallen entfernt werden. Gmür ist nicht gegen das Glücksspiel an sich. Doch dass der Staat nach dem Verbot der Spielautomaten 21 Casinos mit ihren finanziell ruinösen Spielen zuliess, hält er für eine «Form der Arglist» und eine «kriminelle Unbekümmertheit der Politik».

In den Spielbanken werde «salamitaktikmässig enteignet», sagt Gmür. Denn letztlich sei die Landepiste der Zehntausenden von Spielsüchtigen im Land das Konkursamt. «Das sind alles Anwärter für Ergänzungsleistungen.» Egal, ob online oder nicht: «Das Geld ist verjubelt und vertubelt.» Gmür wäre lieber, man würde alle Casinos schliessen bis auf eines, am besten in Luzern, jedenfalls weit weg von der Schweizer Grenze. «Online hat jeder und ist jeder ein Casino. Ein Lehrling hat in 15 Minuten seinen Lohn verspielt. On­line-Casinos sind ein Suchtgebiet und ein Absturzgebiet. Man beutet die Unerfahrenheit und die Naivität der Leute aus. Das ist eine Katastrophe.»

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