Bild: Thinkstock Kollektion

SeniorenSicher wohnen im Alter

Die meisten Menschen möchten am liebsten bis ins hohe Alter zu Hause wohnen. Damit dieser Plan aufgeht, müssen aber einige ­Voraussetzungen im Haus oder in der Wohnung erfüllt sein.

von Reto Westermann und Üsé Meyer

Das «Stöckli» gleich neben dem grossen Wohn­haus ist der traditionelle Alterssitz auf Berner Bauernhöfen. Dorthin ziehen die Eltern, wenn eines der Kinder den Betrieb übernimmt. Eine Idee, an die sich die Wohnlösung der Familie Meyer im luzernischen Neuenkirch anlehnt: Direkt neben dem Einfamilienhaus, das Cornelius Meyer und seine Frau Christianne, beide 69, während 32 Jahren bewohnt haben, steht heute ihr Stöckli in Form eines kleinen, zweistöckigen Nebengebäudes. Im ursprünglichen Einfamilienhaus sind 2012 Sohn Dominik und Schwiegertochter Fiona mit den drei Kindern Jaël, Timo und Beda als Mieter ein­gezogen.

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Ins Heim nur, wenn es gar nicht mehr geht

Die Ausgangslage, die Christianne und Corne­lius Meyer vor dem Bau ihres Stöcklis hatten, ist typisch: Ein Drittel der über 60-Jährigen wohnt heute in einem Einfamilienhaus und bleibt dort meist bis ins hohe Alter. Das zeigen die aktuel­len Erhebungen des «Age Report», der im Ok­tober zum dritten Mal erscheint (siehe «Mehr Infos»). «Generell erfolgt der Wechsel in ein Heim nur noch, wenn es die Pflegesituation unbedingt erfordert», sagt François Höpf­linger, Professor am Soziologischen Institut der Universität Zürich sowie Herausgeber und Koautor des «Age Report». Fachleute nennen diesen Trend zum Verbleib in der eigenen Wohnung «aging in place».

Damit man sich bis ins hohe Alter in der gewohnten Umgebung wohlfühlt, müssen aber verschiedene Faktoren stimmen. «Nur wenn das Haus oder die Wohnung auch langfristig die Wohnbedürfnisse im Alter erfüllt, bereitet es Freude, darin zu wohnen», sagt Markus Schuler, Präsident der Zentralschweizer Sektion des Hausvereins Schweiz und Berater bei Pro Senectute.

Wer in einer nach 2004 geplanten Wohnung an zentraler Lage wohnt, hat gute Chancen, dass viele wichtige Anforderungen ans Wohnen im Alter erfüllt sind. Denn das damals eingeführte Gesetz zur Gleichstellung Behinderter schreibt einen hindernisfreien Zugang zum Haus und zu den Wohnungen vor. «Grundsätzlich geht es beim altersgerechten Bauen um die Unfall­sicherheit und die Kompensation der nachlassenden körperlichen Leistungsfähigkeit», sagt Felix Bohn, Architekt und Fachmann für altersgerechtes Bauen und Wohnen. So können das Seh- und das Hörvermögen nachlassen, das Gehen und der Gleichgewichtssinn Probleme bereiten. «Die Wohnumgebung muss daran angepasst sein oder umgebaut werden können», sagt Bohn. Manchmal würden schon einfache Massnahmen reichen, etwa ein Geländer für einige hundert Franken. In vielen Fällen sind jedoch höhere Investitionen nötig (siehe «Vorsicht, Fallen: Eigenheimfinanzierung nach der Pensionierung»). «Diese lohnen sich aber in jedem Fall», so Bohn. Denn sie würden auch für jüngere Menschen mehr Komfort und Sicherheit schaffen, und Vermieter altersgerecht angepasster Wohnungen könnten aus einem grösseren Spektrum an Mietern auswählen.

Bei Einfamilienhäusern sind Anpassungen meist schwieriger als bei Wohnungen: Die Wohnräume sind oft über zwei bis drei Geschosse verteilt, die Treppen manchmal eng, und der Zugang zum Haus führt häufig über Stufen. «Gerade weil die Anpassung schwieriger ist, sollte man sich als Einfamilienhausbesitzer frühzeitig mit dem Wohnen im Alter auseinandersetzen», rät Spezialist Markus Schuler. Denn es braucht Zeit, um bauliche Veränderungen umsetzen zu können – oder eine andere Wohnung zu suchen. Auch das Haus zu verkaufen oder zu vererben, erfordert langwierige Vorbereitungen.

Christianne und Cornelius Meyer haben schon früh damit begonnen: «Wir hatten die Idee eines Mehrgenerationenhauses schon lange im Hinterkopf», sagt Cornelius Meyer. Bis die Familie von Sohn Dominik sich mit der Idee anfreunden konnte, habe es aber noch einige Zeit gebraucht, ebenso für die Realisierung des zweiten Hauses.

Die Anforderungen formulieren

Der erste Schritt bei der Suche nach der passenden Wohnform im Alter ist eine Liste der Bedürfnisse und Visionen. Typische Fragen sind:

  • Wie möchte ich wohnen?
  • Welche Lebensziele möchte ich mir erfüllen?
  • Für welche Hobbys brauche ich Raum?
  • Was erwarte ich vom sozialen Umfeld?
  • Welche sonstigen Bedürfnisse sind mir ­wichtig?


Auf Basis der Antworten prüft man, welche Wohnform und welcher Wohnort die Bedürfnisse optimal erfüllen und langfristig den Anforderungen genügen. Dabei geht es nicht nur um die eigene Wohnung, sondern um das ganze Gebäude und die Umgebung: Die Nähe zu einer Haltestelle des öffentlichen Verkehrs, einem Lebensmittelladen und einem Arzt sind dabei ebenso relevant wie der ebenerdige Zugang zum Haus und ein ausreichend grosser Lift. Unter Einbezug aller Wünsche und Anforderungen kristallisiert sich meistens eine der folgenden drei Lösungen heraus:

Lösung 1: Bleiben

Wenn die aktuelle Wohnsituation zu den künftigen Wünschen passt und den Anforderungen an altersgerechtes Wohnen genügt, ist ein Umzug nicht nötig. Vor allem für Besitzer von Eigentumswohnungen oder Mieter von Wohnungen an zentraler Lage ist Bleiben oft der passende Weg. Im Zweifelsfall sollte eine Fachperson für altersgerechtes Wohnen beigezogen werden, die prüft, ob spätere Anpassungen wie der Ersatz einer Badewanne durch eine Dusche mit vertretbarem Aufwand möglich sind.

Lösung 2: Umziehen

Lässt sich die Wohnsituation nicht mit den künftigen Wünschen oder den Anforderungen an altersgerechtes Wohnen in Einklang bringen, ist ein Umzug oft die vielversprechendste Op­tion. Neben altersgerechten Miet- oder Eigentumswohnungen gibt es noch weitere Alternativen: zum Beispiel eine Alters-WG, Siedlungen mit Service-Dienstleis­tungen oder eine Wohnung in einem sogenannten Mehrgenera­tionenhaus. Bei Letzteren handelt es sich um Gebäude, deren Wohnungsmix so ausgelegt ist, dass sie sich für verschiedene Interessengruppen wie Familien, Singles, aber auch ältere Menschen eignen.

Wichtig: Vor dem Umzug sollte man die neue Wohnumgebung und die Wohnung auf ihre Alterstauglichkeit prüfen, um unliebsamen Überraschungen vorzubeugen.

Lösung 3: Ausbauen

Wenn man sich im eigenen Heim zwar wohlfühlt, das Haus aber zu gross ist, kann der Umbau eine gute Lösung sein. Denn mit den Einnahmen aus einer zweiten Wohnung im Haus lassen sich die Umbaukosten und die Reno­va­tion des Gebäudes in vielen Fällen refinanzieren.

Das Ziel ist es, das zu gross gewordene Einfamilienhaus in ein Zwei- oder Dreifamilienhaus umzuwandeln, in dem mehrere Generationen nebeneinander wohnen können. Familie Meyers Stöckli ist ein typisches Beispiel ­dafür.

«Das Potenzial für einen Um- oder Anbau ­ist bei vielen älteren freistehenden Einfamilienhäusern vorhanden», sagt Mariette Beyeler, Architektin aus Lausanne. Sie hat im Jahr 2010 eine grosse Studie zu den Möglichkeiten älterer Liegenschaften im Hinblick auf das Wohnen ­im ­Alter gemacht und dazu ein Buch veröffent­licht, das realisierte Beispiele zeigt (siehe «Mehr Infos»).

Durch den Ausbau profitieren alle Beteilig­ten: Die Grosseltern können günstig in der vertrauten Umgebung bleiben, und die jüngere ­Generation erhält eine für Familien attraktive Wohnsituation. Die Nähe der Generationen ermöglicht zudem gegenseitige Hilfeleistungen: «Die Grosseltern können beispielsweise die Enkel hüten und erhalten später Unterstützung, die ihnen das selbständige Wohnen erleichtert», sagt Mariette Beyeler.

Wichtig ist selbstverständlich, dass auch beim Aus- und Weiterbauen die Anforderungen des altersgerechten Wohnens berücksichtigt werden. Auch daran hat die Familie Meyer beim Bau ihres Stöckli gedacht: Der Zugang ist ebenerdig, das Badezimmer rollstuhlgerecht vor­bereitet und die Treppe in den ersten Stock so angelegt, dass sie mit einem Treppenlift problemlos nachgerüstet werden kann.

Tipps zum sicheren Wohnen

Kleine Eingriffe, die den Wohnkomfort und die Sicherheit im Alter erhöhen:

Senioren_Treppe.jpgHandläufe: Montieren Sie beidseits der Treppe gut umgreifbare Handläufe, die 30 Zentimeter über den Treppenanfang und das Ende hinausreichen.

Stufenmarkierung
: kontrastreich markierte Treppenabsätze und Stufenkanten sind besser erkennbar. Je nach Untergrund können aufklebbare Antirutschstreifen oder ein Farbanstrich hilfreich sein.

Antirutschbeläge
: Bringen Sie rutschfeste Klebestreifen (erhältlich im Baumarkt und in Do-it-yourself-Abteilungen) in der ­Badewanne und ­Dusche an oder lassen Sie diese mit einer speziellen Beschichtung rutschsicher machen.

Haltegriffe
: Lassen Sie im Bereich von Badewanne, Dusche und WC Griffe anbringen.

Senioren_Stolpern.jpgUmräumen: Räumen Sie in der Küche alle häufig gebrauchten Gegenstände und ­Lebensmittel so ein, dass sie ohne Bücken oder Hochsteigen erreichbar sind.

Liegen und Sitzen
: Erhöhen Sie Bett und Sofa mit Unterlegeklötzen; das erleichtert das Hinsetzen und das Aufstehen.

Stolperfallen: Räumen Sie lose Teppiche weg; sie zählen zu den gefährlichsten Stolperfallen.

Tipps fürs Renovieren

Diese Massnahmen für altersgerechtes Wohnen lassen sich bei Sanierungsarbeiten präventiv umsetzen:


Senioren_Ofen.jpgIn der Küche

Statten Sie die Küche mit Auszügen aus, das erleichtert die Arbeit und schafft übersicht.

Herd, Arbeitsfläche und Spülbecken auf einer Ebene vereinfachen das Kochen.

Positionieren Sie den Backofen auf einer für Sie bequemen Arbeitshöhe.


Senioren_Bad.jpg Im Bad

Lassen Sie statt einer Badewanne eine flache Duschwanne einbauen.

Planen Sie das Bad so, dass genügend Bewegungsraum für Sie und eine Hilfsperson vorhanden ist.

Wählen Sie rutschfeste Bodenbeläge.

Sehen Sie Befestigungspunkte für Handgriffe vor.


Generell

Gute, blendfreie Beleuchtung einbauen. > Eliminieren Sie wenn möglich Schwellen. > Installieren Sie ein Notrufsystem, wenn Sie im höheren Alter alleine wohnen.

Wählen Sie ausreichend breite Türen (mindestens 80 Zentimeter).

Vorsicht, Fallen: Eigenheimfinanzierung nach der Pensionierung

Reichen das Eigenkapital, die AHV-Renten sowie die Gelder der zweiten und eventuell dritten Säule aus, um den Lebensstandard und das Eigenheim auch nach der Pensionierung halten zu können? Wer sich diese Frage stellt, muss bedenken: Finanzinstitute können die Pensionierung zum Anlass nehmen, die finanzielle Situation ihrer Kunden zu prüfen. «Seit gut einem Jahr stellen wir fest, dass die Banken ihre Portfolios öfter konsequent durchleuchten», so Florian Schubiger, Hypothekarberater bei der Winterthurer Vermögenspartner AG. Sieht die Bank die Tragbarkeit nicht mehr gegeben, wird sie vom Hausbesitzer verlangen, ­dass er einen Teil der Hypothek ­zurückzahlt. «Fehlt das Geld, hat man ein Problem», sagt Schubiger.

Dieses Problem umgeht, wer die Hypothek rechtzeitig amortisiert – entweder ­direkt, durch Rückzahlungen an die Bank, oder indirekt, durch Einlagen auf ein Konto der dritten Säule. Letzteres ist meist der bessere Weg, da man einerseits Steuern spart und andererseits mit dem Geld die Hypothekarschuld auf die Pensionierung hin reduzieren kann. Steuern spart auch, wer sein Eigenheim noch vor der Pensionierung renoviert – denn sämtliche Arbeiten mit werterhaltendem Charakter kann man vom steuerbaren Einkommen abziehen.

Senioren haben es bei Banken schwer

Ein weiteres paradoxes Problem kennt ­Florian Schubiger aus eigener Erfahrung: Da besitzt ein Paar eine Immobilie im Wert von über einer Million Franken, die ­Hypothek ist abbezahlt – und trotzdem müssen die Pensionäre finanziell unten durch: wegen der tiefen Renten. Jetzt könnte man denken, dass man, um zu mehr flüssigem Kapital zu gelangen, einfach eine neue Hypothek aufnehmen oder eine bestehende aufstocken könnte. Dem ist aber nicht so. «Eine Hypothek aufzu­stocken, wird ab 60 Jahren schwierig – und wenn, dann nur bis maximal 60 Prozent des Liegenschaftswerts», sagt Schubiger. Die Gründe dafür sind zum einen die schlechtere Tragbarkeit durch die tiefen Renten, zum anderen die verkürzte Lebenserwartung der Schuldner. Die Lehre daraus: Wer für den späteren ­Lebens­unter­-halt zusätzlich zu den Renten Kapital braucht, sollte die Hypothek nicht zu sehr zulasten der Ersparnisse amortisieren.

Wer seinen Kredit auf normalem Weg kaum wieder aufstocken kann, dem bietet sich ­eine Alternative: die sogenannte Umkehrhypothek. Die Eigenheimhypothek wird aufgestockt durch eine Festzinshypothek mit einer Laufzeit von zehn Jahren oder mehr. Der Zins, der in dieser Zeit anfällt, kommt auf ein Sperrkonto (zwecks Sicherung der Zinszahlungen); den Restbetrag erhalten die Pensionäre. «Die Nachfrage ist aber eher klein», sagt Adrian Wenger vom VZ Vermögenszentrum in Zürich. Meist seien es Leute mit einer Immobilie im gehobenen Segment und hohen Unterhaltskosten. Dank Spezialkredit können die Besitzer trotz tieferer Renten für einige Jahre im Eigenheim wohnen bleiben – im Wissen, dass sie das Haus nach Ablauf der Umkehr­hypothek wohl veräussert müssen.

Weitere Infos

Mariette Beyeler: «Weiter­bauen. Wohneigentum im ­Alter neu nutzen»; Christoph-Merian-Verlag, 2010, 172 Seiten, 38 CHF

François Höpflinger (Hg.): «Age Report III: Wohnen im höheren Lebensalter»; Seismo-Verlag, 2014, 272 Seiten, 38 CHF

«Planungsrichtlinien für ­altersgerechte Wohnbauten»; gratis via Fachstelle für ­behindertengerechtes Bauen: www.hindernisfrei-bauen.ch

«Zu Hause älter werden – komfortabel und sicher»; ­Broschüre der Stadt Winterthur; kostenloser Download unter: www.wohnenimalter.ch

Hausverein Schweiz: www.hausverein.ch (Beratung für Mitglieder)

Hauseigentümerverband Schweiz: www.hev-schweiz.ch (Beratung für Mitglieder)

Pro Senectute: www.pro-senectute.ch (Diverse Beratungsangebote)

Age-Stiftung: www.age-stiftung.ch (Unterstützung für Wohnprojekte im Alter)

www.weiterbauen.info (Informationen rund um die ­altersgerechte Erweiterung ­bestehender Liegenschaften)

Veröffentlicht am April 04, 2016