Erst ist es der Schock nach dem Einbruch, dann kommt die Angst: Viele Einbruchsopfer haben grosse Mühe, zu verarbeiten, dass sich fremde Menschen Zutritt zu ihren Wohnräumen verschafft haben. Sie erleben das Ereignis als krasse Verletzung ihrer Intim­sphäre. Und fürchten, dass es sich wiederholen könnte.

Sobald die Spuren gesichert, die Anzeige erstattet, der Verlust protokolliert und die Versicherungen informiert sind (siehe Artikel zum Thema «Was tun nach dem Einbruch»), geht der Alltag wieder los. Bloss ist das für viele Menschen einfacher gesagt als getan, denn der Schock sitzt tief, und die Verunsicherung bleibt. Manche ­Betroffene leiden unter Schlafstörungen, an­dere unter psychosomatischen Beschwerden und der Angst, erneut Opfer von Einbrechern zu werden. Viele fühlen sich daheim nicht mehr sicher – fast jeder zehnte Betroffene zieht deshalb ­einen Umzug zumindest in Erwägung. Ein Einbruch ist immer eine Grenzverletzung.

Keine Opferhilfe vom Staat

Viele Menschen haben nach einem Einbruch Mühe, wieder in einen angstfreien Alltag zurückzufinden, und wenden sich in der Hoffnung auf Unterstützung an eine Opferhilfestelle. Dort allerdings dürfen nur wenige auf Hilfe hoffen, ausser es ist beim Einbruch zu physischer Gewalt gekommen. Denn das Opferhilfegesetz greift nur bei Straftaten gegen die körperliche, psychische oder sexuelle Integrität, nicht aber bei Diebstahl. Die grosse Mehrheit der Einbruchsopfer wird alleine gelassen. Die Polizei verweist in der Regel auf den Hausarzt, der immerhin durch die Vermittlung des Patienten an Psychologen oder Psychiater helfen kann.

Zahlreiche Studien belegen, dass Menschen, die bereits einmal Opfer eines Einbruchs geworden sind, das Risiko, erneut heimgesucht zu werden, höher einschätzen als solche, die davon verschont blieben. Eine Einbruchstudie der Basler Versicherungen von 2013 belegt, dass Einbruchsopfer durchschnittlich ein Jahr lang generell ein geringeres Sicherheitsgefühl haben. Erst im Laufe eines weiteren Jahres kehrt das ­Sicherheitsgefühl dann meist auf seinen Ausgangswert zurück.

Nach dem Einbruch folgte die Scheidung

Gemäss der Basler-Studie empfinden 16,9 Prozent der befragten Frauen und 4,8 Prozent der Männer die psychische Belastung nach einem Einbruch als «sehr stark»; 10,8 Prozent der Frauen und 12,5 Prozent der Männer nennen die Belastung immerhin «recht stark».

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Was sich hinter den nackten Zahlen versteckt: Im Einzelfall kann ein Einbruch dramatische Folgen haben. Ein wahres Beispiel: Beim Ehepaar V. wurde eingebrochen. Der Ehemann liess die alten Türschlösser durch modernere ­ersetzen und an der Haustür einen zusätzlichen Riegel anbringen. Danach fühlte zumindest er sich wieder sicher. Seine Frau hingegen litt massiv unter den Erinnerungen an den Einbruch. Es gab kaum mehr andere Themen. Der Mann war genervt, die Frau fühlte sich unverstanden. Heute sind die beiden geschieden.

Das isch Strub – Wie schütze ich mich vor Einbrechern?

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Wann ist professionelle Beratung angezeigt?

Rahel Bachem vom Psychologischen Institut der Universität Zürich hat gemeinsam mit Professor Andreas Maercker den Ratgeber «Ist es noch mein Zuhause?» verfasst. «Einbruchsopfer fühlen sich oft alleine, weil es kaum Selbsthilfeangebote gibt», sagt Rahel Bachem, die sich ­mit Stressfolgestörungen und posttraumatischen Beschwerden befasst. Der Ratgeber soll Einbruchsopfern helfen, in ihren gewohnten Alltag zurückzufinden.

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Der Ratgeber kann bei verschiedenen Polizeiposten und Versicherungsagenturen kostenlos bezogen werden. «Wir wollten mit diesen Ratschlägen niederschwellig bleiben, einfache Tipps geben und nicht gleich sagen, jeder müsse zum Psychiater. Hat jemand aber über einen längeren Zeitraum massive Probleme, die das gewohnte Leben verunmöglichen, ist es sicher sinnvoll, sich professionelle Hilfe zu holen», sagt die Wissenschaftlerin.

Der Ratgeber besteht aus drei Teilen: In einem ersten Teil wird durch einen Selbsttest abgeklärt, wie stark jemand vom Einbruch mitgenommen ist. Danach wird in einem zweiten Teil erklärt, welches die Symptome dieser Belas­tung sind. Schliesslich bietet der Ratgeber Übungen an, die dazu beitragen sollen, einen besseren Umgang mit den belastenden Erinnerungen zu finden und wieder ein normales Leben führen zu können.

Was bei der Verarbeitung hilft

  • Reden Sie mit Freunden, Familienmitgliedern und Nachbarn über das Geschehene – das hilft bei der Verarbeitung.  Treffen Sie Sicherheitsmassnahmen, die für Ihre Wohn- und Lebenssituation passen.
  • Gehen Sie Ihren Hobbys nach, treffen Sie sich mit Freunden, treiben Sie Sport.
  • Versuchen Sie, sich daran zu erinnern, was in Ihrem Leben alles gut und vom Einbruch unbeeinträchtigt ist.
  • Verändern Sie Ihr Zuhause, stellen Sie die Möbel um, streichen Sie Wände, ersetzen Sie die Vorhänge.
  • Wenn Sie lange und heftig unter der Belastung leiden, holen Sie sich professionelle Hilfe. Bitten Sie allenfalls Ihren Hausarzt um die Vermittlung.
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Quelle: Beobachter Edition
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