Moderne Neubauten sind fast so luftdicht wie Flugzeugkabinen. Und: Um Energie zu sparen, werden gegenwärtig auch Zehntausende älte­rer Gebäude mit neuen Fenstern und luftdichten Aussenhüllen versehen.

So profitieren die Bewohner wohl von geringen Wärmeverlusten, sind aber anderseits von abgestandener Luft bedroht – und das buchstäblich. Denn je weniger die Innenraumluft zirkuliert, umso mehr wird der Körper durch unerwünschte Stoffe belastet: Rückstände von Zigarettenrauch, Räucherstäbchen oder Duftkerzen, oft aber auch Ausdünstungen aus Teppichen, von Haustieren, Reinigungsmitteln, Möbeln oder Baustoffen. So kann Formaldehyd aus Möbeln oder Spanplatten in erhöhter Konzentration auftreten. Bekannt sind auch die Folgen von zu hoher Luftfeuchtigkeit – wo es feucht und warm ist, gedeiht Schimmel.

Dicke Fettschichten im Lüftungsschacht

Der Zürcher ETH-Umweltchemiker Reto Coutalides spricht von einem Interessenkonflikt – «zwischen Energiesparen und einem guten Innenraumklima».

In der Konsequenz verlangen die für den Bau relevanten SIA-Normen bereits seit dem Jahr 2000 ein Lüftungskonzept. Dabei bleibt jedoch offen, ob man wie bisher durch das Öffnen von Fenstern Frischluft zuführt oder ob eine automatische ­Luftaufbereitungsanlage installiert wird. In Minergiehäusern ist eine derartige Komfortlüftung aber zwingend vorgeschrieben.

Das bringt aber nur dann die erhoffte Wirkung, wenn diese Lüftungen regelmässig kontrolliert und gewartet werden. Ge­rade bei älteren Anlagen, die noch vor der Lancierung von Minergie erstellt wurden, liegt einiges im Argen. Der Basler Lüftungsfachmann Istvan Szekeres sagt: «Die Reinigung solcher Anlagen wurde in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt.» Szekeres stösst immer wieder auf Fälle, wo Lüftungsschächte über Jahrzehnte in Betrieb waren, aber nicht ein einziges Mal geputzt ­wurden. Verunreinigungen in der Zuluft bergen ein Gesundheitsrisiko, wenn Keime, Schmutz oder Schadstoffe in den Kreislauf geraten – unerwünschte Stoffe werden so direkt in die Wohnung geblasen.

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Doch auch Schmutz und Ablagerungen in den Abluftkanälen können problematisch sein. Istvan Szekeres findet mitunter zentimeterdicke Rückstände von Fett und anderen unappetitlichen Verschmutzun­gen. «Das verschlechtert die Lüftungsleistung überproportional und führt zu erhöh­ter Feuchtigkeit und erhöhten Schadstoffkonzentrationen im Innenraum», sagt der Experte. Fett in Lüftungsschächten ist nebenbei auch brandgefährlich.

Schwarzpeterspiel mit dem Vermieter

In der Regel verlaufen die Rohre von ­aussen über ein Lüftungsgerät und von dort durch Wände und Böden in Küche, Bad und Wohnräume. Der Weg der Luft führt dabei meist durch einbetonierte Kanäle, die den Bewohnern gar nicht zugänglich sind. Wenn nicht gerade Fett aus den Schlitzen tropft, verschwendet niemand einen Gedanken an die Lüftungsschächte. Experte Szekeres empfiehlt, die Anlagen alle drei bis fünf Jahre zu inspizieren und wenn nötig reinigen zu lassen. Eine optische Kontrolle der Lüftungszugänge können Laien selbst durchführen, grundsätzlich empfiehlt sich aber ein Lüftungshygieniker.

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Handelt es sich um Mietwohnungen, muss sich die Verwaltung respektive der Hauseigentümer darum kümmern. Denn abgesehen von kleinen Unterhaltsarbeiten des Mieters – etwa dem Auswechseln eines Fettfilters an einem Dampfabzug –, ist der Vermieter für den reibungslosen Betrieb des Gebäudes verantwortlich.

Jedenfalls sollte man ein Schwarzpeterspiel zwischen Mieter- und Vermieterseite vermeiden, wenns ums Lüften geht. Das gilt auch bei den Diskussionen, wer für einen allfälligen Schimmelpilz verantwortlich ist. Sein Wachstum ist immer die Folge von lokal zu hoher Luftfeuchtigkeit, und dafür gibt es verschiedene Ursachen. Verfügt ein Gebäude etwa über eine ungenügende Wärmedämmung und kühlen deswegen einzelne Wände ab, kondensiert an diesen Stellen Feuchtigkeit, und Schimmel­pilz beginnt zu wuchern.

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Schimmel: Wann wirds gefährlich?

Während einige schwarze Flecken auf einer Fuge im Bad oder an einem Fenster noch nicht alarmierend sind, muss bei grossflächigem Befall eingeschritten werden. Der St. Galler Baubiologe Paul Raschle sagt: «Sobald der Befall eine Fläche von mehr als zehn mal zehn Zentimetern bedeckt, sind Massnahmen nötig.» Die Entfernung muss aber von ausgebildetem Personal ausgeführt werden, das mit den nötigen Arbeitsinstrumenten ausgerüstet ist (Atemschutzgerät und Hautschutz).

Bei einer nicht durchdachten Haussanie­rung sind selbst bei korrektem Lüften und richtigem Heizen Feuchtigkeitsschäden zu befürchten. Umweltchemiker Reto Coutalides: «Wenn bauphysikalisch etwas nicht in Ordnung ist, können die Bewohner noch so viel lüften, und es kommt dennoch der Schimmelpilz.» Stattet die Verwaltung älte­re, schlecht wärmegedämmte Wohnhäuser nachträglich mit modernen, sehr luftdichten Fenstern aus, ist es gar nicht so einfach, die Feuchtigkeit abzuführen. Hier sind auch die Vermieter gefragt. Baubiologe Paul Raschle: «Die Vermieter sind meiner Meinung nach verpflichtet, die Bewohner genau darüber zu informieren, wie sie sich in Sachen Lüftung verhalten sollen.»

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So wird die Luft rein – und Schimmel hat keine Chance


  • In jeder Wohnung ohne automatische Lüftung mindestens drei- bis viermal täglich lüften: Fenster ganz öffnen und für Durchzug sorgen. Fenster in Kipp­stellung bringen nichts, weil so der Lüftungseffekt praktisch gleich null ist. Dafür kühlen die Wände aus, und es geht viel Wärmeenergie verloren.

  • In kühleren Räumen (bei zum Beispiel 16 Grad im Schlafzimmer) muss mehr gelüftet werden.

  • Je kälter es draussen ist, umso weniger muss gelüftet werden.

  • Die ideale Raumtemperatur im Winter liegt bei 20 bis 21 Grad, die Luftfeuchtigkeit zwischen 45 und 60 Prozent.

  • Luftbefeuchter sollten nur gezielt an kalten Wintertagen eingesetzt werden. In luftdichten Wohnungen sind sie gänzlich unnötig. Und: Reinigt man sie nicht regelmässig, werden sie zur Keimquelle.

  • Automatische Lüftungsanlagen dürfen nicht ausgeschaltet werden. Halten Sie sich an die Betriebs- und Wartungs­anleitung des Herstellers.

  • Lüftungsschächte und -geräte, aber auch Durchlässe und Filter regelmässig kontrollieren und wenn nötig wechseln.

  • Ein guter Hinweis auf die Luftqualität ist der Gehalt an Kohlendioxid, der sich mit CO2-Messgeräten selbst messen lässt (sogenannte «Luftampeln»): Je schlechter ein Raum durchlüftet ist, desto höher ist der CO2-Gehalt.

  • Feuchtigkeit in Bad oder Küche sofort abführen: Nach dem Baden oder Duschen Fliesen und Fugen möglichst mit einem Lappen oder Gummischaber trocknen. Nicht von einem Zimmer ins andere lüften, um so die Feuchtigkeit abzuführen.

  • Grosse Schränke oder Möbel nicht direkt an die Wand stellen, vor allem nicht an Aussenwände. Abstand: fünf Zentimeter.

  • Keine blosse Symptombekämpfung bei Schimmel: Javelwasser, Ethyl­alkohol oder andere Schimmelpilzentferner helfen kurzfristig, beheben aber die Ursache nicht. Zur wirk­samen Sanierung muss die Ur­sache der zu hohen Feuchtigkeit vom Fachmann bestimmt und behoben werden.

Buchtipp

Reto Coutalides: «Innenraumklima. Wege zu gesunden Bauten»; Werd-Verlag, 2009, 208 Seiten, 51 Franken

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