Das Tessin ist beim Thema Schule dem Rest der Schweiz oft einen Schritt voraus – etwa beim frühen Schuleintritt oder der Integration. Mit der definitiven Abschaffung der Leistungsstufen in der Sekundarschule wäre es nun der erste Kanton, der diesen Schritt konsequent vollzieht.

Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), sieht darin Potenzial für eine nationale Dynamik. Sie sagt dem Beobachter: «Obwohl sich bereits viele Schulen in der Deutschschweiz auf den Weg gemacht haben, Strukturen zu verändern und beispielsweise vom geteilten zum integrativen Oberstufenmodell zu wechseln, könnte das ‹Modell Tessin› Strahlkraft in den Rest der Schweiz haben.»

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Bisher werden Oberstufenschülerinnen und -schüler im Tessin in Mathematik und Deutsch in Grund- und Fortgeschrittenenkurse eingeteilt. Die Folge ist oft eine Stigmatisierung: Wer im B-Kurs landet, verliert leicht die Motivation, und das Selbstwertgefühl sinkt. 

Rösler kann diesen Effekt bestätigen. Zwar wolle sie keine Ferndiagnose abgeben, doch sie hofft auf eine positive Wirkung: «Der Stress, in welches Niveau man eingeteilt wird und wo man ‹hingehört›, wird so kleiner und der Druck vonseiten der Erziehungsberechtigten geringer.» 

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Das Experiment: Ein voller Erfolg

An sechs Tessiner Schulen wurde der Verzicht auf Selektion zwei Jahre lang getestet. Statt getrennter Klassen gab es Teamteaching: Zwei Lehrpersonen unterrichten gemeinsam die heterogene Klasse. Die wissenschaftliche Begleitung durch die Pädagogische Hochschule Graubünden zeigt beeindruckende Ergebnisse:

  • Die Unterrichtsqualität blieb auf hohem Niveau stabil.
  • Die Motivation der Jugendlichen stieg spürbar an, das soziale Miteinander verbesserte sich.
  • Schwächere Schüler wurden mitgezogen, ohne dass Stärkere gebremst wurden.

Für die oberste Schweizer Lehrerin ist die gewählte Methode der Schlüssel zum Erfolg. Das Modell «Teamteaching» sei auch in der Deutschschweiz eine immer wieder genannte Möglichkeit, um der grossen Heterogenität und der zunehmenden Individualisierung wirksam entgegenzutreten und den Jugendlichen eine gute Unterstützung zu bieten.

«Die Schule muss allen die gleichen Bildungschancen garantieren.»

Marina Carobbio Guscetti, Tessiner Bildungsdirektorin

Die Tessiner Bildungsdirektorin Marina Carobbio Guscetti (SP) ist überzeugt: «Die Schule muss allen die gleichen Bildungschancen garantieren.» Deshalb beantragt die Tessiner Regierung beim Parlament nun die Abschaffung der Leistungskurse auf Sekundarstufe. Ein wichtiger und nötiger Schritt.

Eine neue Studie des Uno-Kinderhilfswerks Unicef stellt der Schweiz bezüglich Chancengerechtigkeit schlechte Noten aus: Nur gerade auf Platz 31 von 41 schafft es die Schweiz in dieser Kategorie. Und die Situation hat sich in den letzten Jahren keineswegs gebessert. 

Die Tessiner Reform soll schrittweise über sechs Jahre bis 2032 an den verbleibenden 30 Sekundarschulstandorten umgesetzt werden. Zwar rechnet die Regierung durch das Teamteaching mit Mehrausgaben von jährlich rund 3,6 Millionen Franken, doch sinkende Schülerzahlen könnten diese Kosten fast vollständig auffangen.

Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals am 12. Mai 2026 veröffentlicht.

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Quellen