Patrick Georges hats gut. Als ­Managementprofessor an der Pariser Eliteuni HEC verfügt er über ein nettes Einzelbüro. Und Georges weiss genau, was er tun muss, wenn er noch mehr aus sich he­rausholen will: die Tür schliessen. Die Ruhe seines Einzelbüros mache ihn – im Vergleich zu den Grossraumbürolisten – um exakt 37 Prozent intelligenter, behauptet der Autor des Bestsellers «Gagner en ­efficacité» («Effizienter werden») fröhlich in einer Youtube-Videobotschaft.

Bläst im Grossraum dann noch die ­Klimaanlage in den Nacken und sitzt man eng aufeinander, fehle nur noch eine schlechte Beleuchtung, dann sei das Desaster komplett. Die Hirnleistung nimmt um bis zu 50 Prozent ab, der Stress erhöht sich um 13 Prozent. Grossraumbüros seien so gefährlich, weil sie direkt aufs Gemüt schlagen, sagt Georges. Akustische und ­visuelle Reize prasseln permanent auf das Hirn ein, bis gewisse Teile mit Informationen übersättigt sind. Mit der Folge, dass der Stirnlappen, der Sitz des rationalen Denkens, nicht mehr genügend aktiviert werden kann. Die Konzentration sinkt, man wird träge, ist dauermüde, wird öfter krank und wechselt irgendwann den Job.

Das sind nicht die Hirngespinste eines lustigen Belgiers. Als Neurochirurg weiss Georges genau, was im Oberstübchen abgeht. Wer in einem Grossraumbüro arbeitet und sich Georges' Erkenntnisse zu Herzen nimmt, bleibt abends etwas länger an der Arbeit. Die Finger fliegen wie von selbst über die Tasten. Das Gerede der Kollegen ist weg. Die Ventilatoren summen leise. Es ist, als gäbs kein Grossraumbüro mehr.

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Quelle: Masterfile, Adrian Stähli, Laurent Burst/Naturpark Uetlihof, Credit Suisse

Eine Bank machts vor

Den Abend abwarten müsste man gar nicht. Denn es gibt heute Grossraumbüros, die ohne Käfighaltung auskommen und ungestörtes Arbeiten möglich machen. Das neuste Vorzeigeprojekt ist der Uetlihof 2, das neue Bürogebäude der Credit Suisse am Fusse des Zürcher Hausbergs.

Die nackten Zahlen lassen niemanden kalt: ein Büroturm mit zehn Stockwerken über und sechs Stockwerken unter dem Boden. 38'089 Quadratmeter reine Büro­fläche; so viel wie fünf Fussballfelder. 2977 Quadratmeter für die Gastronomie, 2039 Quadratmeter für Sport, elf Lifte, drei Lichthöfe und eine Rolltreppe zwischen ­jedem Stockwerk. 270 Millionen Franken hat der grösste Minergie-P-Eco-Bau der Schweiz gekostet. 2000 Arbeitsplätze beherbergt er, 2500 Banker müssen sie sich teilen. Ob das nur gutgeht?

Davon ist Rolf Krummenacher, der den Bereich Infrastruktur und Logistik der Credit Suisse leitet, felsenfest überzeugt. Die Bürofabrik Uetlihof 2, die so gar nichts mit einer Fabrik gemein hat, ist das «Baby» des Luzerner Ingenieurs. Es ist, als hätte Nina Hagen den Soundtrack dafür geschrieben: Alles so schön bunt hier, denkt man auf den ersten Blick.

Ein Jahr lang haben Krummenacher und sein Team das Konzept im ehemaligen Sunrise-Tower in Zürich-Oerlikon von 210 IT-Mitarbeitern im Alltag testen lassen. Viele Ideen wie Billardtische und Urwaldzimmer fielen durch. Krummenacher nahm viel vom Wow-Effekt zurück und speckte das Konzept so weit ab, bis es den Bankern wie ein Massanzug passte. Smart Working, schlaues Arbeiten, heisst das Zauberwort.

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«Ein gutes Grossraumbüro ermöglicht ungehinderte Kommunikation, reagiert aber genauso auf das Bedürfnis, sich zurückziehen zu können», sagt Krummen­acher wie in einem freundlichen Werbespot. Zu einem smarten Büro gehören deshalb genauso Kojen für konzentriertes Arbeiten, Boxen für vertrauliche Gespräche, Projekträume für Teamarbeit, aber auch klassische Bürolandschaften für konven­tionelle Schreibtischarbeiten.

Beobachter: Rolf Krummenacher, ruhige ­Arbeitsplätze, Sitzungszimmer, Kaffeeräume – das alles gibt es doch heute in jedem Büro. ­Warum das ganze Aufheben um den «New Way of Working», die neue Art zu arbeiten?
Rolf Krummenacher, Chef Real Estate der Credit Suisse: Weil sich die Arbeitswelt verändert hat und heute ganz andere Dinge wichtig sind, zum Beispiel Team- und Kreativarbeit. Dafür braucht man ­andere Räumlichkeiten und Angebote. Die alte Infrastruktur mit Wabenbüros gibt das einfach nicht her.

Beobachter: Für die vielen netten Extras wie die Lounges, den begrünten Business-Garden und die ­Gesprächsboxen braucht es aber doch mehr Platz?
Krummenacher: Nein. Bei unseren Analysen haben wir festgestellt, dass ein konventioneller Platz maximal die halbe Zeit belegt ist. Das haben wir geändert. In unserem Pilotprojekt in Zürich-Oerlikon teilen sich 210 IT-Leute 160 Arbeitsplätze, die dann bis zu 80 Prozent der Zeit besetzt waren. Auf der gleichen Fläche arbeiten zwar über 20 Prozent mehr Menschen, aber jeder Einzelne hat für sich mehr Raum.

Beobachter: Aber das alles kostet doch. Die Einrichtung ist sehr gediegen.
Krummenacher: Der einzelne Arbeitsplatz kostet tatsächlich bis zu 15 Prozent mehr. Aber die Zahl der Arbeitsplätze sinkt ja um einen Fünftel. Unter dem Strich sparen wir trotz den ­vielen Zusatzangeboten.

Beobachter: 2500 Arbeitnehmer in einem Gebäude: Ist da nicht die Gefahr gross, dass der Einzelne in der Masse untergeht?
Krummenacher: Diese Gefahr ist allgegenwärtig, und wir haben alles getan, um ihr zu begegnen. Denn das Gefühl unterzugehen löst Selbstzweifel aus. Man fühlt sich weniger wichtig – und weniger verantwortlich ­gegenüber den Kollegen.

Beobachter: Was konkret haben Sie im Gebäude dagegen ­unternommen?
Krummenacher: Die 2500 Mitarbeiter sind stockweise zugeteilt, pro Stock in fünf Teams à maximal 60 Personen. Die einzelnen Stockwerke sind eng strukturiert, ähnlich wie Wohnungen. Riesige offene Flächen gibt es keine. Zudem haben wir zwei Haupteingänge und zwei Restaurants eingerichtet; denn dort erlebt man das Gefühl der Vermassung immer am stärksten.

Rolf Krummenacher

Quelle: Masterfile, Adrian Stähli, Laurent Burst/Naturpark Uetlihof, Credit Suisse
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Krummenachers Botschaft ist klar: Das Grossraumbüro der Zukunft sieht nicht wie ein Grossraumbüro aus. Es ist, als hätte man den Feierabend vorverlegt. Man trifft sich im Business-Klub, diskutiert in lockerer Atmosphäre, arbeitet in wechselnden Gruppen, kann sich jederzeit zurückziehen und ganz für sich sein. Alles mit dem ­Ergebnis, dass der Einzelne produktiver ­arbeitet. Die neue schöne Bürowelt soll ja Doping für die Kopfarbeiter sein.

Vorbei mit der Käfighaltung

Smart Working à la Credit Suisse markiert den totalen Bruch mit dem traditionellen Grossraumbüro, das in den siebziger Jahren unbesehen aus den USA übernommen wurde. Firmen pferchten ihre Mitarbeiter in Kleinstboxen, mit denen man riesige Säle mit schlechter Lüftung und kaltem Neonlicht auffüllte. Sie verdichteten, vermassten, senkten die Kosten.

Es war die Zeit des Kalten Kriegs. Sekretärinnen duckten sich hinter Kugelkopf-Schreibmaschinen, die wie Gewehrsalven durch die Büros donnerten. Gepolsterte Wändchen boten etwas Schutz vor den Nachbarn, die persönliche Kaffeetasse und das Farbfoto von Frau und Kinderchen ­waren das letzte Zeichen des Widerstands gegen die totale Vermassung.

Was diese «Cubicles» anrichteten, liess sich in der Frühzeit von Youtube heiter mitverfolgen – die Überwachungskamera sah mit: Bürolisten zerdepperten in ihrer Frustration Bildschirme, die so schlecht waren, dass einem nach einer Stunde ­Arbeit garantiert schwindlig war.

Es dauerte nicht lange, bis der miese Ruf der Grossraumbüros die Elfenbein­türme der Wissenschaft erreichte. Gleich reihenweise prangerten Studien die menschenverachtende Käfighaltung der industrialisierten Bürowelt an. Ein australisches Forscherteam um Vinesh Oommen fasste die Ergebnisse 2009 in einer Überblicks­studie unter dem Titel «Warum Ihr Büro Sie krank machen kann» zusammen: «Angestellte in Grossraumbüros leiden unter Reizüberflutung und Identitätsverlust; sie sind weniger produktiv und weniger zufrieden.» Der Verlust der Privatsphäre sei gravierend. Weil alle sehen können, was man am Computer macht, und alle hören, wie man telefoniert, entstehe ein kollektives Gefühl der allgemeinen Verunsicherung.

2009 bestätigten Forscher der Hochschule Luzern Oommens Befund für die Schweiz. Wer in einem Grossraumbüro arbeite, sei stärker ab­gelenkt, weniger zufrieden, häufiger müde und öfter krank als die Kollegen in Einzelbüros. Am konfliktträchtigsten sei aber der Lärm: Zwei von drei fühlen sich durch ­Telefonate und Unterhaltungen der Kollegen gestört; in Zweierbüros sind es nur halb so viele. Jedem Zweiten fehlt ein Raum für spontane Besprechungen. Jeder Dritte klagt über schlechte Luft, jeder Sechste über Schlafstörungen, jeder Siebte über Kopfschmerzen, juckende Augen, ­eine gereizte, verstopfte oder laufende ­Nase. Je kleiner das Büro, desto weniger Beschwerden, so das Ergebnis von 40 Jahren Grossraumbüro.

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Der Marktplatz am Arbeitsplatz

Die Revolte gegen das Prinzip der grossen Fläche begann Anfang der achtziger Jahre, im Anschluss an eine dreitägige Konferenz des amerikanischen Organisationsberaters Harrison Owen. Die Tagung war nach neusten Erkenntnissen aufgebaut und bis ins kleinste Detail durchgeplant. Doch als Owen das Feedback der Teilnehmer auswertete, merkte er schnell: Am meisten hatten die ungezwungenen Gespräche während der Kaffeepausen gebracht.

Nach dem ersten Schock erinnerte sich Owen an seine Zeit beim US-Friedens­korps in Westafrika. Dort hatten sich einmal die 500 Bewohner «seines» Dorfs in ­einem grossen Kreis versammelt, um einen vier Tage dauernden Ritus zu feiern. Das Spannende daran: Das Fest war nicht durchorganisiert, sondern wurde von der Dorfgemeinschaft spontan weiterentwickelt. Davon inspiriert, organisierte Owen in der Folge Veranstaltungen, die wie esoterisch verbrämte Hippie-Treffen anmuteten: Zu Beginn bildeten die Teilnehmer ­einen Kreis, formierten nach persönlichen Interessen und Vorlieben Arbeitsgruppen und entwickelten so die Tagung immer weiter.

Die Methode der kollektiven Kaffeepause gipfelte in der Multi-Space-Technologie, die zehn Jahre später die Bürowelt revolutionieren sollte. Man gruppierte die Arbeitsplätze wabenförmig um einen Marktplatz herum, wo man sich zum lockeren Gespräch beim Pausenkaffee traf. Das Angebot wurde ergänzt durch weitere Erholungs- und Besprechungszimmer.

Die Firmen rechnen falsch

Die eigentliche Revolution folgte aber erst in der zweiten Hälfte der Nullerjahre. In der Schweiz ging sie von Googles neuem Forschungssitz in Zürich aus. Die Büros des amerikanischen Suchmaschinenkonzerns nahmen sich aus wie eine materialisierte Kinderphantasie: mit Seilbahnkabinen, Rutschbahn, Dschungelzimmer. Medien verklärten die Büros zum Arbeiterhimmel. Vor lauter Firlefanz vergassen sie fast, dass dahinter knallhartes Kalkül stand. Was kuschelig-fröhlich aussieht, ist ein nonterritoriales Büro, in dem niemand mehr einen fixen Arbeitsplatz hat. Den wählt man sich je nach der anstehenden Arbeit aus. Der Uetlihof 2 der Credit Suisse ist die konsequente Weiterentwicklung dieses Prinzips.

Doch diese Hightech-Bürolandschaften nehmen sich noch immer wie futuristische Planspiele aus. Mit der Realität der rund 3 Millionen Schweizer Büroarbeiter haben sie so wenig zu tun wie die Weite des Meers mit der Lebenswelt von Aquariumfischen.

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Denn die meisten Firmen fürchten den Schritt in die Bürogegenwart, vor allem aus Spargründen. Sie scheuen die hohen Investitionen in Raum, Möbel und die vielen Extras. Büroplanung beschränkt sich für sie noch immer auf die Frage: Wie lassen sich (möglichst viele) Arbeitsplätze auf einer vorgegebenen Bürofläche möglichst geschickt verteilen? Sie denken in Quadratmetern pro Arbeitsplatz und übersehen dabei, dass es um ihre wertvollste Res­source geht: ihre Angestellten. Die Folge solcher Fehlplanung sind graue Pultlandschaften, deren Lebensfeindlichkeit mit ein paar Pflanzen kaschiert wird.

Lukas Windlinger, Leiter der Forschungsgruppe Workplaces an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, ist überzeugt, dass viele Firmen falsch rechnen. Die Kosten für die Büroeinrichtung betragen im Schnitt nur rund 1,5 Prozent ihrer Ausgaben. Trotzdem spare man hier – obwohl man wissen müsste, dass zu verdichtete Arbeitsplätze die Produktivität der Mitarbeiter senken. Und obwohl klargeworden sein sollte, dass coole Arbeitsplätze ein entscheidender Wettbewerbsvorteil im «Krieg um Talente» sind.

Der Widerstand komme aber gar nicht so sehr von der Konzernspitze, hat Windlinger in Befragungen festgestellt. «Viele Entscheidungsträger und Personalverantwortliche sind offen, wenn es darum geht, Büros ansprechender zu gestalten.» Es sind die gewöhnlichen Mitarbeitenden und das mittlere Management, die Widerstand leisten. «Sie haben Angst, bequeme Sitzgelegenheiten und gemütliche Rückzugsmöglichkeiten könnten ein falsches Zeichen setzen.» Schliesslich gehe man ja ins Büro, um zu arbeiten, nicht um sich auszuruhen, hört der Professor für Facility-Management immer wieder.

Windlinger, der das Credit-Suisse-Pilotprojekt in Zürich-Oerlikon wissenschaftlich ausgewertet hat, stellte aber fest, dass auch die «kleinen Chefs» in wenigen Wochen Verfechter der neuen Bürophilosophie wurden. Ihre Teams funktionierten besser, es wurde kommunikativer gearbeitet. So ging die Zeit, die die IT-Spezialisten vor ihrem Computer verbrachten, deutlich zurück: von 83 Prozent in ihren alten Büros auf jetzt 67 Prozent. Zeit, die für Team­arbeit frei geworden ist.

Ein an sich unbedeutendes Umfrage­ergebnis zeigt, wie gut die neuen Büros aufgenommen wurden: Die befragten Mitarbeiter erklärten, sie hätten jetzt wie gewünscht mehr Kontrolle über Licht und Raumtemperatur als in ihren alten Büros. Das ist deshalb eigenartig, weil sich in den Minergiebüros weder Licht noch Raumtemperatur beeinflussen lassen. Alles geschieht automatisch. Was sich verändert, sind die Mitarbeitenden.

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Totale Transparenz und keine Heimat

Der grosse Wermutstropfen nonterritorialer Büros: Die neuen Büronomaden müssen ihre «Büroheimat» preis­geben, sie ­haben kein eigenes Pult, keinen eigenen Stuhl mehr. Ihnen bleibt nur ihr Laptop, ihre Tastatur und ihr persönliches Headset zum Telefonieren. Es fehle ein wichtiges Stück Privatsphäre, das man einfach brauche, kritisiert Toni Lengen, Kopf der Zürcher Büroplanungsfirma Off Consult. Man müsse bei jedem Projekt sorgfältig ab­wägen, ob man die Wirtschaftlichkeit oder die Privatsphäre höher gewichten wolle.

Nonterritorial bedeutet totale Transparenz. Das Symbol dafür ist der elektronische Kalender, der für alle Kollegen jederzeit einsehbar ist. Dank ihm weiss man, wo die Chefin im Moment sitzt, was der Kol­lege gerade tut. Ohne die elektronische Krücke würden alle unnütz im Büro he­rumrennen und suchen. Der «grosse Bruder» braucht keine Überwachungskameras zum Sehen mehr, er weiss ja.

Wenn das Gespür fehlt

Aus Prinzip auf Büros ohne fixe Arbeitsplätze zu setzen, hält Toni Lengen für «eine Modebewegung von Technokraten, denen das psychologische Feingefühl abgeht». Wichtig sei nur, dass alle einen Arbeitsplatz haben, der ihrer Aufgabe und Befindlichkeit entspricht. Der müsse nicht zwingend immer der gleiche sein. Wenn man aber wie in Finnland Vitrinen mit persönlichen Dingen darin aufstellen oder Pinnwände für Persönliches aufhängen müsse, sei das ein hilfloser Versuch, etwas Individualität in die anonyme Bürowelt zu retten.

Lengen, der in seiner Freizeit mit der Motorsäge Holzplastiken formt und seinen Kunden am liebsten Meditationsräume in die Büros baut, sagt: «Menschen brauchen einen fixen Ort, der ihnen allein vorbehalten ist – auch im Büro. Wir neigen dazu, unser Territorium abzustecken, um so unsere Identität darstellen zu können.»

Um die Kunden seine Vorstellung ­eines guten Büros erleben zu lassen, hat Lengen seine Firma nach seinen Visionen gestaltet. Es ist eine unscheinbare Oase im hektischen Zürcher Binz-Quartier, mittendrin steht der «Zeit-Raum», in dem man sich ­eine Viertelstunde zum Regenerieren zurückziehen kann.

Das Problem der schlecht genutzten Arbeitsplätze löst Lengen auf andere Art: Die Innendienstmitarbeiter verfügen für klassische Büroarbeiten nur über einen knapp bemessenen Arbeitsplatz, und die Aus­sendienstler müssen sich einen Platz teilen. Im Gegenzug stehen allen vielfältige Konferenz-, Pausen- und Erholungsräume zur Verfügung. Viel Raum für Bewegung ­also.

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Aber auch Lengen kann das Lärm­problem, gemäss allen Studien der grösste Ärger im Büro, nicht restlos lösen. Das sei auch mit der geschicktesten Arbeitsorganisation und besten Architektur nicht möglich, sagt Markus Meis vom norddeutschen Hörzentrum Oldenburg. Was an sich aber gar nicht so schlimm sei. Sogar ein Schallpegel von bis zu 60 Dezibel – so laut ist eine Nähmaschine – muss nicht zwangsläufig eine hohe Störwirkung entfalten. Ganz ­anders «deutlich verständlicher Sprachschall»: Schon leise gesprochene Sätze mit einer Lautstärke von nur 35 Dezibel lenken ab, wie verschiedene Studien nachgewiesen haben.

Geräusche bekämpfen den Lärm

Seine Erklärung: «Unsere Informations­verarbeitung fokussiert automatisch auf Sprache. Und je besser Sprache verstehbar ist, desto höher ist die Störwirkung. Wir können nichts dagegen tun», sagt der Psychologe. In Mitarbeiterbefragungen zeige sich, dass Sprachlärm noch belastender als dauernder Zeitdruck sein kann. Auch der Körper reagiere, indem er Stresshormone ausschütte und sich verkrampfe. «Sprachlärm kostet täglich bis zu 34 Minuten Arbeitszeit», hat Meis ausgerechnet.

Das sogenannte Sound-Masking mit ­rosa Rauschen, wie es beispielsweise die Credit Suisse einsetzt, ist eine von vielen Lösungen, wie sich die Lärmsituation in Büros verbessern lässt. Dabei werden Rauschgeneratoren in die Decken inte­griert, die den Gesprächslärm mit einem akustischen Teppich maskieren. 40 Dezibel – so laut rumpeln ältere Kühlschränke – ­genügen, um Belästigungsreaktionen zu senken – auch wenn es dadurch im Büro etwas lauter wird. Damit lässt sich das Lärmproblem aber nicht für jeden einzelnen Mitarbeitenden beheben. Auch an­dere Lösungen müsse man in Betracht ­ziehen, empfiehlt Meis: zum Beispiel den Einbau von Trennwänden, die den direkten Sprachschall vermindern, oder von ­Absorbern, mit denen sich die Räume ­enthallen lassen.

Der Lärm wird auch künftig ein Pro­blem bleiben. Denn: «Der Trend zum Grossraumbüro wird sich weiter verstärken», ist Jacqueline Vischer, kanadische Professorin für Umweltpsychologie, überzeugt. «Einzelbüros wird es nur noch in Ausnahmefällen geben, wenn es die Arbeit tatsächlich erfordert.» Wie aber wird das Büro der Zukunft aussehen? Es werde mobil sein, fixe Arbeitsplätze würden fehlen, sagt Vischer. Das gelte auch für Chefs, die aus ihren Prestigebüros vertrieben würden.

Alles wird schöner, vieles bleibt gleich

Das Büro von morgen wird auch voll von unsichtbarer Technik sein. Man trägt wohl einen Chip auf sich, der jeden Arbeitsplatz im Nu an die persönlichen Bedürfnisse ­anpasst: Geräte, Klima, Licht, Stuhl und Tischhöhe stellen sich wie von Zauberhand ein. Per Knopfdruck kann man vielleicht noch signalisieren, ob man für Besprechungen zur Verfügung steht. Papier wird es kaum mehr geben. In Konferenz­tische sind grosse Touchscreens eingelassen, die alle gleichzeitig bedienen können.

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Die Büros werden auch grün sein. Minergie ist so selbstverständlich wie die vielen Pflanzen, die Lärm schlucken und für ein angenehmes Raumklima sorgen. Vielleicht sind gar Tiere willkommen; denn die senken den Stresslevel. Man soll sich ja möglichst wohl fühlen: Glückliche Arbeitnehmer sind um bis zu 54 Prozent produktiver als unzufriedene, hat das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation herausgefunden.

Das Büro wird ein schöner, angenehmer Ort sein. Weil solche Arbeitsplätze aber teuer sind und die Firmen so flexibel wie nur irgend möglich sein wollen, werden sie vermehrt auf freie Mitarbeiter ­setzen. Diese werden sich dann in Bürogemeinschaften organisieren, wenn sie nicht vollständig vereinsamen wollen. Und dort, ist unschwer zu erahnen, wird es sein wie in einer grossen WG: etwas chaotisch, ohne allzu viel Komfort, vollgestopft mit Hightechgeräten und privaten Utensilien. Halt so, wie viele Grossraumbüros schon heute aussehen.