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LohnklageEine Nanny kämpft für Gerechtigkeit

Der Chirurg hat eine neue Klinik gegründet, R.T. ist pleite.

Sie passte auf seine Kinder auf. Er zahlte ihr irgendwann keinen Lohn mehr. Wie eine Nanny von einem Schönheitschirurgen ausgenutzt wurde.

von aktualisiert am 31. Januar 2019

Als R. T.* ihre Geschichte erzählt, steht ihr Sohn mit gepackten Koffern in der Tür. Er reist nach Rumänien, Familienbesuch über Weihnachten. Er muss dieses Jahr allein fliegen, R. T. kann ihre blinde Mutter nicht besuchen. «Obwohl ich gern würde», sagt die 50-Jährige mit Tränen in den Augen. Der Sehnenriss in der Schulter macht ihr zu schaffen. Vor allem aber fehlt Geld auf dem Konto – Geld, das ihr ehemaliger Arbeitgeber ihr schuldet.

Er, der Arbeitgeber, ist Schönheitschirurg in Zürich. Eine eigene Klinik, ein schönes Zuhause in ländlicher Gegend. Sie, R. T., ist Nanny, 2001 der Liebe wegen in die Schweiz gekommen. Ein Jahr lang passte sie auf die Kinder des Arztes auf. Im April 2018 beendete sie das Arbeitsverhältnis abrupt, nachdem sie keinen Lohn mehr erhalten hatte. Einen Monat zuvor war gegen seine Schönheitsklinik in Zürich das Konkursverfahren eröffnet worden.
 

«Auch Reiche müssen sich ans Gesetz halten.»

R. T.*, 50, Nanny


Seither wartet R. T. auf Lohnzahlungen, Ferienabgeltung, Spesen und das Geld für geleistete Überstunden Mehrarbeit Überstunden zum Nulltarif? . Insgesamt 20'000 Franken. «Ich weiss nicht mehr, wie ich meine Rechnungen bezahlen soll», sagt sie. Der Sohn musste sie unterstützen. Der Chirurg aber gründete zwei Monate nach der Firmenpleite eine neue Klinik. Am selben Standort, unter fast demselben Namen.

Dabei war die gebürtige Rumänin überglücklich, als sie im Mai 2017 die Stelle als Kinderbetreuerin erhielt. Zuvor hatte sie jahrelang im Verkauf gearbeitet. Sie liebt Kinder und wollte schon immer Erzieherin werden. «Mit den beiden Kindern der Familie hatte ich eine gute Zeit. Ich habe viel Energie und Herzblut investiert.» Am Anfang gab es auch keine Probleme. Sie fuhr mit der Familie in die Sommerferien. Eine Woche Rhodos in einem Luxushotel. Die Nanny schlief mit den Kindern im selben Zimmer.

Zwölf-Stunden-Tage

Das Idyll hielt nicht lange. Während der Arbeit benutzte sie ihr Privatauto, doch die Kilometer wurden ihr nicht bezahlt. Sie betreute die Kinder oft zwölf Stunden täglich. Als R. T. einmal einen Tag krank war, verlangte die Frau des Chirurgen ein Arztzeugnis Krankheit Zum Arzt, weils der Chef so will . Lohnabrechnungen bekam die Nanny erst auf Nachfrage. «Ich musste darum betteln.» Anfangs nur um die Abrechnungen. Dann wurde der Lohn zu spät überwiesen, seit März 2018 überhaupt nichts mehr.

R. T. kündigte fristlos Den Job kündigen So machen Sie es richtig und bat den Schönheitschirurgen in einem letzten Schreiben, dass er ihr die ausstehenden Gelder bezahle. Als sie am folgenden Wochenbeginn nicht zur Arbeit erschien, meldete sich die Frau des Chirurgen. «Du musst dich nicht schämen», schrieb sie ihr. «Ich weiss, dass dein Verhalten nur deine Mentalität und deine Arbeitsweise widerspiegelt.»

R. T. reichte es. Sie nahm sich einen Anwalt. «Auch Reiche müssen sich an das Gesetz halten», sagt sie heute. Der Kragen platzte ihr, als sie sah, dass die Familie per Internet eine neue Nanny sucht. «Da wusste ich: Jetzt kann ich nicht länger schweigen.»

Auf Kontaktversuche reagierte der Chirurg nicht. «Selbst für das Konkursamt und die Arbeitslosenkasse ist der Fall mühsam, weil sich der Schuldner unkooperativ zeigt», sagt R. T.s Rechtsanwalt Marc Schmid. Auf Anfrage sagt der Schönheitschirurg, dass «die Situation in keiner Weise derjenigen entspricht, wie sie Frau T. erzählt». Die vorliegenden Unterlagen bestätigen jedoch R. T.s Version.

R. T. wartet noch immer. «Ich hoffe, dass das Ganze bald ein Ende hat – und keine weitere Angestellte abgezockt wird.»


*Name der Redaktion bekannt

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