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TemporärarbeitUnsichere Zeiten für Zeitarbeiter

Tiefe Löhne, schlechte Absicherung: Temporäre sind oft «Zweitklassangestellte».

316'000 Menschen arbeiten in der Schweiz als Temporäre, Tendenz steigend. Wie verhindern sie, dass ihnen das schadet?

Von aktualisiert am 28. Oktober 2015

Ivo Tanovic* arbeitet temporär – mittlerweile seit zwei Jahren. Bis zum Frühjahr hatte er einen unbefristeten Vertrag bei ABB Turbo Systems in Baden, erhielt dort aber aus wirtschaftlichen Gründen die Kündigung. Wenig später wurde er vom selben ­Personalverleiher an eine andere ABB-Firma in Turgi vermittelt, Frist: drei Monate. In dieser Zeit gelten zwei Tage Kündigungsfrist. «An der ersten Stelle wäre ich gern geblieben, man war mit meiner Arbeit immer zufrieden, und ich hatte ­gute Bewertungen.» Angestellt ist Tanovic im Stundenlohn, 13. Monatslohn und Ferien sind enthalten. Der Vater zweier Kinder, der das Einkommen mehrheitlich allein bestreitet, leidet unter der beruflichen Unsicherheit.

 

«Belastend ist das ständige Risiko, arbeitslos zu werden.»

 

Ivo Tanovic*, Temporärarbeiter

2014 fanden in der Schweiz 316'000 Personen über Personalverleiher eine Anstellung, somit arbeiteten 6,5 Prozent der Erwerbstätigen in Temporärstellen. Seit 2004 wuchs ihre Zahl um 140'000 Personen rasant an. Würde man einen Steckbrief des typischen Temporärangestellten erstellen, sähe er so aus: Mann mit Berufs­abschluss, alleinstehend, bis zirka 35 Jahre alt. Laut Statistik des Staats­sekretariats für Wirtschaft (Seco) sind zudem gut 60 Prozent Ausländer.

Sie träumen von einer Festanstellung

Im Jahr 2014 veröffentlichte Swissstaffing, der Verband der Personaldienstleister, eine Umfrage zur Temporärarbeit in der Schweiz. Demnach arbeiten 55 Prozent der Zeit­arbeiter nur unfreiwillig temporär, weil sie keine Stelle fanden, 45 Prozent wählten diese Arbeitsform aus ihrer aktuellen Lebenssituation heraus. Acht von zehn Befragten wünschten sich eine Festanstellung. Das Bild des Arbeitsnomaden mit abwechslungsreicher Arbeit und der Freiheit, Dauer und Zeitpunkt des Arbeitseinsatzes zu wählen, trifft nur auf eine Minderheit gut Qualifizierter zu.

«Ich wurde vertröstet»

Für viele sieht die Realität aus wie für Ivo Tanovic. Beim Stellenantritt habe man ihm bei ABB eine Fest­anstellung in Aussicht gestellt. «Doch dann wurde ich immer wieder vertröstet.» Einige Temporäre hätten über drei Jahre dort gearbeitet. An seiner jetzigen ­Stelle herrsche Personalstopp, der mit Temporären überbrückt werde. «Belastend ist vor allem das ständige Risiko, erneut ­arbeitslos zu werden», sagt Tanovic. Der Bosnier, der ­keinen Berufsabschluss, sondern nur eine Anlehre ­gemacht hat, lebt seit 17 Jahren in der Schweiz. Seine längste Festanstellung dauerte sieben Jahre. Als er arbeitslos wurde, fand er nur noch Temporär­arbeit. Dazu sagt er: «Man muss sich stärker motivieren und gehört nicht wirklich dazu.»

Die starke Zunahme der Temporärarbeit, Lohnmissbräuche und schlechte Arbeitsbedingungen führten 2012 dazu, dass die Branche dem allgemeinverbindlichen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) Personalverleih unterstellt wurde. Verpflichtend ist er für alle Betriebe mit einer Lohnsumme von über 1,2 Millionen Franken. Zwei Drittel der Temporärangestellten profitierten von dieser Absicherung, so André Kaufmann von der Gewerkschaft Unia, der bei den GAV-Verhandlungen dabei war. Er betont jedoch: «Auch wenn jetzt einiges geregelt ist und Mindestbedingungen gelten, bleibt Temporärarbeit eine prekäre Beschäftigungsform.» Ungenügend ist laut Kaufmann vor allem der Kündigungsschutz. Und trotz Mindestlöhnen bleibt die Tat­sache bestehen, dass die meisten Festangestellten deutlich mehr verdienen.

Was Temporäre wissen müssen

Vertrag: Arbeitgeber ist die ­Temporärfirma. Sie schliesst mit dem ­Angestellten einen Rahmenvertrag ab, der für alle ­Einsätze gültig ist. Für jeden Einsatz gibt es zudem einen indivi­duellen ­Einsatzvertrag, der die ­jeweiligen ­Einzelheiten (Beginn und Ende des Einsatzes, Arbeits­zeiten, Lohn, Sozialversicherung­sabzüge, Spesen) regelt.

Lohn: Der Gesamtarbeits­vertrag (GAV) Personalverleih regelt den ­Mindestlohn. Gilt für den Betrieb schon ein allgemeinverbindlicher GAV, gelten dessen ­Mindestlöhne.

Berufliche Vorsorge: Beim unbefristeten Einsatz gilt die Versicherungspflicht von Beginn an. Bei befristeten Anstellungen mit einer Vertragsdauer von bis und mit drei Monaten: keine Versicherung. Bei einer befristeten Anstellung mit Vertragsdauer von mehr als drei vollen Monaten: Die ­Versicherung ist ab dem ersten Tag gültig. Bei einem ursprünglich kurzfristigen Vertrag, der auf eine Dauer von ­gesamthaft über drei Monaten verlängert wird: Die Versicherungspflicht gilt ab Vertragsverlängerung.

Kündigungsfristen: Bis zum dritten Monat zwei Arbeitstage, vom vierten bis zum sechsten Monat sieben und ab dem ­siebten ­Monat ein Monat. Alle ­Einsätze beim selben Personal­ver­leiher innerhalb eines Jahres ­werden ­zusammengezählt. Kettenverträge, mehrere Verträge im selben Betrieb, sind verboten, weil so der ­Arbeitnehmerschutz umgangen wird.

Weiterbildung: Der GAV-Weiter­bildungsfonds gewährt für Weiter­bildung auf Gesuch hin eine Kostenübernahme bis zu 5000 Franken und für Lohnausfall bis zu 2300 Franken (Infos: www.temptraining.ch).

Mehr Infos zum GAV gibt es bei der ­GAV-Vollzugsstelle Tempcontrol: www.tempservice.ch/tempcontrol

Starke Zunahme von Temporärarbeit

Im neuen GAV Personalverleih, der ab 2016 gilt, werden die Mindestlöhne für Ungelernte stufenweise um 400 Franken, für Gelernte um 250 Franken monatlich erhöht. Bei der erwähnten Swissstaffing-Umfrage lag der selbstdeklarierte Bruttostundenlohn für 70 Prozent der Temporären zwischen 20 und 35 Franken, sechs Prozent verdienen weniger als 20 Franken.

André Kaufmann betont: «Bevor man sich als Temporärer vermitteln lässt, sollte man sich erkundigen, ob der Personalverleiher dem GAV unterstellt ist und ihn auch einhält». 2014 zeigten Kontrollen in 614 Personalverleihbetrieben 185 Ver­stösse ­gegen Mindestlohnvorschriften. «Temporärarbeitende sind begehrt. Wir werden mit Stellenmeldungen buchstäblich überschwemmt», sagt Isabelle Wyss, Leiterin des RAV Baden.

Für Arbeitslose sei der GAV Personalverleih wichtig, weil er die Mindestlöhne nach Ausbildung regle. «Damit ist klar, dass ein Berufsfachmann den entsprechenden Lohn erhalten muss, auch wenn er als Hilfskraft angeworben wird – und allenfalls dann wegen der Lohnforderung den Job nicht ­erhält», sagt sie. Mit der starken Zu­nahme der Temporärarbeit habe sich die Vermittlungstätigkeit im RAV ver­ändert. «Wiederholte Arbeitslosigkeit nimmt zu, und nicht selten werden die Arbeitslosen vom selben Arbeitgeber wieder eingestellt.» Sie beobachtet: «Vor allem ältere Temporär­angestellte über 40 haben nach mehrmaligen ­Einsätzen keine Chance mehr auf eine Festanstellung.»

Hilfskräfte mit Matur und Master

Im Mittel dauern Temporärarbeitsphasen 13 Monate. Ein Fünftel der auf Zeit Beschäftigten arbeitet ­allerdings seit drei und mehr Jahren temporär. Viele verrichten einfache Tätigkeiten oder haben eine Stelle, für die sie ­eigentlich überqualifiziert sind: Fast ein Drittel arbeitet als Hilfskräfte, das sind dreimal so viele wie im normalen Arbeitsmarkt. Nur gerade zwei Prozent sind im Kader oder in akademischer Funktion angestellt, obwohl ein Fünftel der Temporären einen Hochschulabschluss oder eine höhere Berufsausbildung vorweisen kann.

Am häufigsten wird in der Indus­trie und im Baugewerbe temporär gearbeitet. Manuel Wyss, Branchenleiter bei der Unia, nennt als Beispiel die Produktionsbetriebe der Novartis in Stein AG. Dort macht der Anteil der Temporären an der Belegschaft satte 25 Prozent aus. «Seit 2004 ist der Anteil um zehn Prozent gestiegen, im selben Zeitraum wurden aber nur etwa fünf Prozent der Temporärverträge in Festanstellungen umgewandelt.»

Wyss weist darauf hin, dass Temporäre bei Massenentlassungen nicht nur zuerst gehen müssen, sondern Sozialpläne für sie praktisch nie gelten. «So wird das Risiko für Auftragsrückgänge voll auf die Mitarbeiter ausgelagert.» Dabei schenkt Temporärarbeit ein: 2014 wurde damit in der Schweiz ein Umsatz von 6,5 Milliarden Franken erzielt. Die Soziologin Natalie ­Benelli von der Hochschule Luzern bezeichnet Temporäre als «Zweitklassangestellte». Sie erklärt: «Vom Betrieb werden sie nicht gefördert, sie erhalten oft ­weniger anspruchsvolle Arbeit, und die Integration ins Team kann schwierig sein, wenn die Mitarbeiter sie als Konkurrenz betrachten.» Für bestimmte Bevölkerungskatego­rien sei Temporärarbeit eine obligatorische Etappe für den Erwerbseinstieg geworden. Benellis Fazit: «Temporär­arbeit trägt zur Prekarisierung des ­Arbeitsmarkts bei. Denn sie gibt keine finanzielle Sicherheit und macht Zukunftsplanung unmöglich.»

«Sich unbedingt bewerben»

Und wie wird Temporärarbeit bei Bewerbungen bewertet? Barbara Bourouba, HR-Chefin beim Baustoffkonzern Holcim, sagt: «Relevant sind für uns die Begründungen, das Alter und bei welchen Firmen die Einsätze geleistet wurden.» Bei jungen Berufsanfängern seien mehrere Temporäreinsätze durchaus üblich. «Bei internen Stellenbesetzungen sind Temporäre im Vorteil, wenn sie positiv auffallen und Potenzial für weitere Aufgaben haben», betont Bourouba, «deshalb sollten sie sich unbedingt bewerben.»

Der Temporärarbeiter Ivo Tanovic bewirbt sich seit Frühling neben der Vollzeitarbeit auf Stellenangebote hin. Nach der Entlassung bei ABB Turbo Systems meldete er sich beim RAV an – und blieb angemeldet. «Das Wissen, rasch wieder Arbeitslosengeld zu erhalten, wenn ich wieder gehen muss, beruhigt», sagt Tanovic. Heute ist er im logistischen Bereich tätig. Nach dem Einsatz in Turgi hofft er, über ein Praktikum, das ihm der Personalverleiher versprochen hat, eine feste Stelle im Dienstleistungsbereich zu finden. Es wäre höchste Zeit: «Unsere Kinder sind jetzt im Schulalter, ein sicherer Lohn wird daher immer wichtiger.»

*Name geändert

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