«Doch, man kann es lernen», sagt Lukas Lüscher. Es ­brauche jedoch Geduld, Hartnäckig­keit und viele Versuche, bis eine Mischung harmonisch sei. «Ein Tropfen zu viel kann alles aus dem Gleichgewicht bringen.» Es geht um Harmonie. Um einen Wohlklang verschiedener Duftnoten. Aber auch da­rum, diese Harmonie wieder zu sprengen: «Wenn du einen Duft kreierst, darfst du nicht bei der Harmonie stehen bleiben», sagt Lüschers Geschäftspartner Malvin Richard. «Du musst einen Schritt weitergehen und die Harmonie stören. Es sind die Ecken und Kanten, die einen Duft interessant machen.»

Vor zwei Jahren fingen die beiden ­Jugendfreunde mit Serena Britos – der Dritten im Bunde, sie ist gerade auf einer Südamerikareise – in einem Pop-up-Store in Zürich an, natürliche Parfüms zu erfinden. Das lag nahe: Der Vater von Malvin Richard ist einer der Gründer der Firma Farfalla, die qualitativ hoch­stehende ätherische Öle produziert.

Riecht das nun blumig oder schon orientalisch? Es ist ziemlich schwierig, Düfte und Gerüche zu beschreiben – deshalb hat der britische Parfüm-Experte Michael Edwards ein Duftrad entwickelt, mit dem sich Düfte systematisieren lassen. Heute beziehen sich Parfümeure und –kritiker auf der ganzen Welt auf dieses System, auch Malvin Richard und Lukas Lüscher von «Richard.Lüscher.Britos», die für Beobachter Extra Natur ein Eau de Cologne kreiert haben. Sollten wir Ihnen mit dieser Anleitung Lust auf weitere Experimente gemacht haben, wird es auch Ihnen helfen, sich in der flüchtigen Welt des Parfüms zurecht zu finden.

Das DIY-Eau de Cologne besteht hauptsächlich aus zitronigen Duftnoten, im Duftrad wird es deshalb im Feld «Zitrus» positioniert. Geben Sie zu Beginn des Experiments etwas Eau de Cologne auf ihre Haut oder einen Papierstreifen und riechen sie daran. Lassen sie dem Duft einige Minuten Zeit, um sich zu entwickeln und überlegen Sie sich dann, wie Sie ihn verändern möchten. Würde Ihnen eine zusätzliche «hölzerne» Note gefallen? Dann fügen Sie ihm einen Tropfen des ätherischen Öls der Weisstanne hinzu. Wenig Tuberose macht ihn stattdessen etwas weicher und blumiger. Eine frische, männliche Nuance erhält man, wenn man das Eau de Cologne mit etwas Galbanum anreichert.

Die im Duftrad eingezeichneten Vorschläge zur Abwandlung des Eau de Cologne stammen von Malvin Richard. Natürlich kann man aus einem zitronigen Eau de Cologne keinen durch und durch holzigen Duft machen; das Eau de Cologne nimmt immer nur Nuancen einer anderen Duftrichtung an. Achtung: Das ätherische Öl immer nur tropfenweise zugeben. Ein einziger Tropfen kann den Charakter eines Duftes bereits verändern.

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Vom Duft der Arvenwälder inspiriert

«Die meisten Parfüms werden heute aus synthetischen Zutaten gemacht», sagt Richard. Das garantiert einen einfachen Produktionsprozess und ein stabiles ­Ergebnis. Ein natürliches Parfüm her­zustellen ist dagegen eine komplexe Angelegenheit. Die Duftpflanzen stammen aus verschiedenen Ländern, der Anbau muss kontrolliert werden, und die ­ätherischen Öle, die durch Pressung oder Wasserdampf-Extraktion gewonnen werden, unterliegen erst noch feinen Schwankungen: Sie bilden – ähnlich wie Wein – Lage, Bodenbeschaffenheit und die klimatischen Verhältnisse eines ­Anbaugebiets ab. Der Lohn für so viel Aufwand? Natürliche Parfüms sind frei von bedenklichen Chemikalien. Und sie duften vielschichtiger.

Machen sich Richard, Lüscher und Britos an die Kreation eines neuen Dufts, steht am Anfang immer die blosse Idee. «Als wir unsere erste Kollektion entwickelt haben, schwebte uns eine holzige Hauptkomponente vor. Also fragten wir uns: Wo riecht es so? Wir entdeckten das Val d’Anniviers, wo die Arven den obersten Waldsaum bilden. Den Duft, den die Arvennadeln verströmen, sobald die Sonne sie wärmt, wollten wir in unserem Parfüm haben.»

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Für jedes Parfüm eine «fremde» Nase

Für die Umsetzung ihrer Vision reisen die drei Jungparfümeure vor Ort. Sie ­suchen nach weiteren Duftnoten, die den typischen Geruch der Gegend ausmachen. Und kehren in der Dorfbar ein. «Dort erkundigen wir uns nach Bauern, die als Rohstofflieferanten in Frage kommen könnten», sagt Lüscher.

Obwohl Richard in der Provence, in Grasse, eine Ausbildung zum Parfümeur gemacht hat, suchen sie für das Aus­tüfteln der exakten Formel jeweils eine renommierte «Nase», für jedes Parfüm eine neue. «Das erlaubt uns, ganz unterschiedliche Düfte zu entwickeln.» So kamen bereits Kollaborationen mit den Zürcher Nischenparfümeuren Andy Tauer und Vero Kern zustande. Für das Marketing zeichnet das Trio verantwortlich: Zu jedem Parfüm gibt es ein Foulard, das die «Geschichte» des Dufts als Collage abbildet. Den Duft benennen die Jungunternehmer nicht etwa nach einer Region, sondern schlicht nach geografischen Koordinaten, in diesem Fall nach denen des Val d’Anniviers: «46° N 08° E». Die Terroir-Idee ist puristisch bis ins letzte Detail durchgezogen.

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Lukas Lüscher hält uns einen Papierstreifen unter die Nase. Der Duft lodert wie ein Lagerfeuer unter klarer Sternennacht. Der warme Geruch des Arvenholzes fühlt sich wie eine Umarmung an. Rauch liegt in der Luft. Und eine winzige Dosis von etwas Kristallklarem, das belebend wirkt wie ein Gletscherbach.

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Eau de Cologne, hausgemacht

Produziert werden die Richard-Lüscher-Britos-Düfte, von denen bald der sechste auf den Markt kommt, in den Labors von Farfalla in Uster. Die Mischverhältnisse sind fein austariert, die Produktion ist standardisiert, die Zutaten werden aufs Gramm genau und steril verarbeitet.

Für uns liessen sich Richard und ­Lüscher auf ein Experiment ein: Sie verraten uns, wie man zu Hause ein natürliches Eau de Cologne mischen kann. Er habe sich für etwas Einfaches entschieden, sagt Richard. Es setze sich aus einer überschaubaren Anzahl Substanzen ­zusammen – und biete gerade deswegen Spielraum für eigene Experimente. «Eine kleine Einführung in die wohlriechende Welt des Parfüms sozusagen.»

Richard hat unser Do-it-yourself-Eau-de-Cologne aus drei «Akkorden» komponiert, die zuerst einzeln gemischt werden. Der Kopf-Akkord, den man beim Parfüm als Erstes wahrnimmt, besteht aus flüchtigen Duftstoffen und wird meist durch helle, zitronige Noten definiert. Der Herz-Akkord verleiht dem Duft Charakter und wirkt als Bindeglied zwischen Kopf- und Basisnote. Der ­Basis-Akkord riecht oft animalisch, dunkel, erdig oder harzig und bleibt am längsten auf der Haut. In unserem Duft sorgt ein Hauch Tonkabohne – beissend, medizinisch – dafür, dass die Harmonie raffiniert gestört wird.

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Erst nachdem Richard überprüft hat, ob die einzelnen Akkorde in sich stimmig sind, mixt er aus ihnen die konzen-trierte Mischung – im Fachjargon das Concentré genannt. So gelinge die Komposition des Dufts einfacher. Zuletzt wird das Concentré mit Alkohol zur ­gebrauchsfertigen Form verdünnt. Wir schnuppern. Es sei nur so viel verraten: Der Winter kann kommen.


Text: Julia Hofer
Bilder: Mara Truog
Illustrationen: Anne Seeger und Andrea Klaiber