Ist so, weil ist so. Wer in der Schweiz Militärdienst geleistet hat, kennt das Argument, das jede Diskussion abwürgt. Peter Nell, der nie im Tenue grün steckte, lernte es mit 77 Jahren kennen.

Angefangen hat es mit einem «Marschbefehl», dem er nicht folgen wollte. Es ging um einen zweitägigen Fortbildungskurs für Experten im Erwachsensport in Magglingen BE. Ein Kurs, sagt Nell heute, der ihn komplett unterfordert hätte: «Man tanzt ein bisschen in der Turnhalle, dann gibts einen Theorieblock.»

In Peter Nells Leben dreht sich seit der Pensionierung alles um Sport. Er unterrichtete Tennis, koordinierte 20 Pro-Senectute-Velogruppen im Kanton Zürich, bildete in über 100 Kursen Leitende im Erwachsenensport aus. Während seiner Berufszeit als Lehrer und Dozent für Didaktik verfasste er diverse Lehrmittel. Kurz: Peter Nell ist ein Profi durch und durch, der den Ruhestand nicht kennt. «Ich bitte Sie, meinen Antrag wohlwollend zu prüfen», endete sein Gesuch an das Bundesamt für Sport, mit dem er um Dispensierung vom Kurs bat.
 

«Das Anwenden militärischer Strukturen in der Freiwilligenarbeit muss ein Ende haben!»

Peter Nell, engagiert im Erwachsenensport

Zurück kam eine Lobeshymne. Man danke ihm ganz herzlich für sein «über Jahrzehnte hinweg immenses Engagement als Seniorensport-Leiter». Als «kleines Dankeschön» war dem Schreiben ein «druckfrisches» Mikrofasertuch mit dem Erwachsenensport-Logo beigefügt. Peter Nells Antrag hingegen wurde abgelehnt – und sein Kampfgeist geweckt.

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Nell gelangte auf dem Dienstweg an die nächsthöhere Instanz. Doch auch Pierre-André Weber, Chef Jugend- und Erwachsenensport, lehnte ab. «Ausnahmen sind nicht zulässig. Sie würden nicht nur gegen die Sportförderungsgesetzgebung, sondern auch gegen die Bundesverfassung verstossen, insbesondere gegen Artikel 5 (Grundlage und Schranke staatlichen Handelns ist das Recht) und Artikel 8 (Rechtsgleichheit).»

Es macht Peter Nell wütend, dass beim Bundesamt für Sport Explodierende IT-Kosten Das Bundesamt für Sport schlägt alle Rekorde alle Fortbildungspflichtigen durch den gleichen «Fleischwolf» gepresst werden sollen – ungeachtet der erworbenen Qualifikationen und des bereits Geleisteten. Er sagt: «Das Anwenden militärischer Strukturen in der Freiwilligenarbeit muss ein Ende haben!»

Am liebsten würde er sich mit Viola Amherd, der VBS-Chefin, an einen Tisch setzen. Ihr die Sache erklären. Nell würde der Bundesrätin den dicken Ordner zeigen, in dem er alle Dokumente sammelt, die seinen Fall betreffen. Darunter auch die Verfügung, in der es heisst: «Das Gesuch von Peter Nell um Dispensation von der Weiterbildungspflicht wird abgewiesen.» Als Beilage: Rechnung Verfahrenskosten mit Einzahlungsschein, 150 Franken.

Peter Nell geht es um Grundsätzliches: «Wie geht man mit Freiwilligen um?» Es sei eine Tatsache, dass immer weniger Leute bereit sind, sich längerfristig freiwillig zu engagieren Mangel an Freiwilligen «Noch nie war es so notwendig, solidarisch zu handeln» . Man sehe es in der Politik, in den Vereinen. Er selbst übernahm in seiner Gemeinde einen Posten in der Kirchenpflege. Er sagte für eine Amtsdauer zu – und blieb schliesslich für drei. «Nicht weil ich wollte, sondern weil man niemanden fand!»
 

«Das Bundesamt muss einen anderen Ton anschlagen im Umgang mit Freiwilligen.»

Peter Nell, engagiert im Erwachsenensport

Sein Anliegen sei, dass die Freiwilligenarbeit nicht den Bach runtergehe. Deshalb müsse das Bundesamt erstens den Bereich Erwachsenensport umkrempeln. Und zweitens einen anderen Ton anschlagen im Umgang mit Freiwilligen. «Die Ausbildung muss flexibler werden, basierend auf dem Dossier der interessierten Person», sagt Nell. Falls jemand Veloleiter werden wolle, müsse man ihn fragen: Was hast du bereits gemacht in dem Bereich? «Ich will eine lebendige Gesellschaft, die bereit ist, sich zu verändern.»

Beim Bundesamt verteidigt man das Festhalten am Bisherigen: «Die Weiterbildungen sind aus Qualitätsgründen eminent wichtig. Nur wenn die Expertinnen und Experten fachlich auf dem neuesten Stand bleiben und bereit sind, Neues zu lernen, können sie ihre Ausbildungsfunktion wirksam und im Sinn des Gesetzgebers wahrnehmen.»
 

«Gefahr der Willkür» 

Man werde auch künftig nicht im Einzelfall entscheiden, welche Kurse Freiwillige zu absolvieren haben. Dispensationen würden die Gefahr der Willkür in sich bergen. «Wer sollte beurteilen, wann und warum ein Erwachsenensport-Leiter dazu berechtigt ist und ein anderer nicht?»

Reformen seien hingegen im Bereich der Digitalisierung geplant. Dank einer neuen App werde man künftig mehr Wissen zu Hause oder unterwegs erwerben können. «So könnte die Präsenzzeit bei einer Ausbildung möglicherweise verkürzt oder anders genutzt werden.»

Für Peter Nell ein schwacher Trost. Seine Lehrberechtigung als Experte wird ihm aberkannt. Er wird sozusagen – unter Protest – ehrenhaft entlassen. Jetzt kümmert er sich um die Velogruppe, die er für die Pro Senectute Kanton Zürich ins Leben gerufen hat: Thementouren in Zürich. Los gehts im März. Das Mikrofasertuch hat er entsorgt.
 

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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