«Für den Gemeindeammann ist klar: Das Polizeireglement muss angepasst werden. Die Nachtruhe soll für alle Kuhweiden gelten, die sich in der Nähe von Wohngebieten befinden.» (Blick.ch, 23. Juni 2021)

Heuer gibt es kein Sommerloch, dafür einen Stadt-Land-Graben. Es geht um die Unterschiede zwischen «Chreis Cheib» und «Hintertupfingen»: Man wählt anders, impft anders – und regt sich über anderes auf. Jene mit leichtem Schlaf etwa über unterschiedliche Lärmquellen. In der City sind es johlende Heimkehrerinnen aus den Clubs, der kettenrauchende Nachbar mit Dauerhusten oder die Zeitungsverträgerin mit dem frisierten Töffli. Auf dem Land sind es: Kühe.

Ein Aargauer, der in den Ferien regelmässig von daheim habe fliehen müssen, um Ruhe zu finden, hat nun etwas Erstaunliches erreicht: Den Kühen in seinem Wohnort Berikon werden die Glocken abgenommen. Die Beschwerde bei der Gemeinde blieb zunächst erfolglos. Zu gespalten sei das Dorf in dieser Frage. Beim Kanton fand er Gehör: «Die Nachtruhe ab 22 Uhr soll auch für Kuhglocken gelten.»

Lauter Protest

Im Entscheid des Kantons heisst es gemäss SRF: «Aus unserer Sicht liegen keine überwiegenden öffentlichen Interessen vor, und es ist wahrhaftig nicht notwendig, dass die Tiere aus Sicherheitsgründen Glocken tragen müssen (keine Gefahr für Entlaufen der Tiere).»

Die Reaktionen darauf fielen laut aus. In Berikon zogen Trychler durch die Strassen, um sich mit dem Bauern zu solidarisieren. Auf Facebook freute sich die wohl bekannteste Glockengegnerin Nancy Holten über eine gewonnene Schlacht in ihrem Krieg gegen den Lärm und für das Tierwohl. Der betroffene Bauer nahm es gelassen: «Was solls? Dann lasse ich meine Kühe eben Tag und Nacht ohne Glocken draussen grasen.»

Das könnte sich für ihn sogar auszahlen. Glückliche Kühe geben bessere Milch. Vor sieben Jahren hängten Forscherinnen der ETH in einem Feldversuch 100 Kühen drei Tage lang mittelgrosse Glocken um den Hals. Man höre und staune: Die Tiere frassen weniger und ruhten sich seltener aus. Die Leiterin der Studie sagte: «Schuld daran ist auch der Lärmpegel von über 100 Dezibel.»

Ende gut, fast alles gut. Der lärmgeplagte Aargauer muss nicht mehr die Flucht ergreifen, die Trychler können sich wieder dem Coronavirus zuwenden, und der Stadt-Land-Graben ist um eine Schaufel Pragmatismus weniger tief als noch zuvor. Oder um es mit den Worten des Geschäftsführers des Aargauer Bauernverbands zu sagen: «Ich glaube, man darf nicht stur an etwas festhalten.»

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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