Montagnachmittag, kurz nach drei Uhr. Während draussen die Sonne lacht, herrscht im Halbdunkel des Grand Casino Bern gedrückte Stimmung. Einzig das Klingeln und Scheppern der Spielautomaten sowie das monotone Murmeln der Croupiers stört die nervöse Stille. 64 Frauen und 90 Männer, so die Zähler der Eingangskontrolle, träumen in diesem Moment vom grossen Gewinn und verspielen dabei ihr sauer verdientes Einkommen, ihre AHV, die IV, das Arbeitslosen- oder das Haushaltsgeld.

Und es läppert sich einiges zusammen: 769 Millionen Franken erwirtschafteten 2004 allein die 19 Schweizer Kasinos. Auf weitere 431 Millionen Franken beliefen sich die Erträge aus Lotterien und Wetten. Tendenz steigend. Nutzniesser sind neben den Spielbankaktionären die Kantone und der Bund: Sie kassieren laut Gesetz einen Grossteil der Gelder. 317 Millionen Franken flossen im letzten Jahr in die AHV, weitere 400 Millionen kamen den Lotteriefonds der Kantone zugute.

Schwierig ist es nicht, die Spieler so weit zu bringen, ihr Geld auszugeben. Man kennt sich, duzt sich, sieht sich schliesslich fast jeden Tag. «Mit diesen kleinen Einsätzen gewinnst du sowieso nicht. Spiel mit 50er-Chips.» Gegen 1000 Franken hat der vom Croupier angesprochene Mittdreissiger innert einer halben Stunde am Berner Roulettetisch liegen lassen. Seinen letzten Batzen hat er in Zwei-Franken-Jetons statt in die gewohnten 50er-Chips gewechselt. Weiter hinten versucht ein Rentner minutenlang, einem Spielautomaten mit zittrigen Händen eine Hunderternote zu verfüttern – «bonjour tristesse» statt Kasinoglamour à la James Bond.

Spass kommt selten auf
Der von den Spielbanken viel zitierte Spass am Spiel kommt selten auf. Spannung hingegen schon, und zwar meist unerträgliche. «Mindestens 80 Prozent der Spieler sind hochgradig süchtig. Die kommen nicht, weil sie wollen, sondern weil sie müssen», sagt einer, der es weiss: Walter Schneider*, seit 35 Jahren Spielprofi.

Glücksspielsucht hat nichts mit lasterhaftem Lebenswandel zu tun, sondern ist eine Krankheit (siehe Nebenartikel «Selbsttest: Sind Sie glücksspielsüchtig?»). Die Betroffenen sind häufig schwer depressiv – 21 Prozent haben Selbstmordgedanken. Zudem rauchen Häufigspieler mehr und konsumieren mehr Alkohol als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Ess- und Schlafstörungen, häufiger Besuch bei Prostituierten sowie Arbeitssucht können weitere Begleiterscheinungen sein.

Süchtige führen ein Doppelleben
Seit der Eröffnung der 19 helvetischen Spielbanken hat die Schweiz eine der höchsten Kasinodichten der Welt. Vier Millionen Besucher zählten die Spielsäle letztes Jahr – eine Million mehr als 2003. Nicht nur die Umsätze schnellen in die Höhe, auch die Zahl der Süchtigen wächst rapid: Die Stiftung Berner Gesundheit etwa verzeichnet eine Zunahme der Spielsuchtberatungen um jährlich 50 Prozent.

Gegen 48'000 Spielsüchtige soll es hierzulande geben, so eine 2004 im Auftrag der Spielbankenkommission und des Bundesamts für Justiz erstellte Studie des Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS).

Dabei dürfte die Dunkelziffer weit höher liegen, denn viele Spielsüchtige führen wie Max Grädel* ein eigentliches Doppelleben. «Es fällt den Leuten unheimlich schwer, sich zu outen, weil sich viele für ihr Geld- und ihr Suchtproblem schämen», weiss Peter Küllmer, Leiter der Beratungsstelle BfA in Münchenstein BL. Fachleute gehen von rund 200'000 Süchtigen aus.

Und die Kasinos tun alles, um neue Gäste anzulocken – etwa mit Tea-Time-Anlässen, Ladies-Nights und Zockerwettbewerben, bei denen die Spieler Gratischips erhalten und Preise gewinnen können. Im Aargauer Grand Casino Baden finden pro Jahr 360 solcher Lockveranstaltungen statt. Und das Casino Schaffhausen wirbt: «Bei uns existieren keine Hemmschwellen. Wer beispielsweise die Spielregeln nicht kennt, dem helfen unsere top ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne weiter.» Auch der frühere Garderobenzwang ist abgeschafft – eine weitere Konzession ans Massenpublikum. Bankomaten in den Räumlichkeiten der Spielbanken erleichtern die schnelle Geldbeschaffung – zumindest für jene Gäste, die noch etwas auf dem Konto haben. Geöffnet ist meist bis drei oder vier Uhr in der Früh, in Baden rollt die Kugel am Wochenende gar bis morgens um halb sechs.

Dabei rühmt sich die Schweiz, Vorreiterin in Sachen Spielsuchtprävention zu sein. Der Staat, im Zwiespalt zwischen fetten Pfründen und der Volksgesundheit, schreibt den Kasinos so genannte Sozialkonzepte vor. Sie sollen der Prävention sowie der Früherkennung von Suchtspielern dienen. Wer über seine Verhältnisse lebt, wird laut diesen Konzepten gesperrt oder kann sich selber sperren lassen. Zudem sollen rigorose, schweizweite Zutrittskontrollen verhindern, dass gesperrte Spieler dennoch Zugang zu Spieltischen und Automaten haben.

Doch der Staat hat mit der Selbstkontrolle der Kasinos quasi den Bock zum Gärtner gemacht – die Sozialkonzepte sind kaum mehr als ein Feigenblatt. Gerade einmal drei Prozent aller Beratungen erfolgen auf Anraten der Spielbanken: Die Croupiers, die süchtige Spieler erkennen und melden sollten, haben keinerlei Interesse, die Gäste vom Spielen abzuhalten – sie beziehen einen Teil ihres Lohns aus den Trinkgeldern, dem so genannten Tronc.

«Die Kasinos wollen doch ihren Goldesel nicht schlachten», zitiert Sozialarbeiter Erich Bucher von der Fachstelle Perspektive in Kreuzlingen TG ein Bonmot aus der Szene. Ähnlich sieht es Jürg Niggli von der Stiftung Suchthilfe St. Gallen, der gegen 70 Prozent der Kasinogänger für süchtig hält: «Die Sozialkonzepte müssten viel weiter greifen und die Kasinos viel mehr Süchtige sperren. Aber wer sägt schon den Ast ab, auf dem er sitzt?»

Zwar wurde in den vergangenen drei Jahren über 10'000 Personen eine Spielsperre verhängt – in den meisten Fällen aber auf Antrag der Betroffenen. «Selbstverständlich wissen auch die Croupiers, wer süchtig ist. Aus dem Verkehr gezogen werden Zocker aber meist erst, wenn sie den Betrieb stören oder wirklich kein Geld mehr haben», weiss Spielprofi Schneider.

Seine Beobachtungen decken sich mit den Erfahrungen von Marcel Bernhard und Hazir Berisha*. Beide spielten jahrelang täglich, verloren dabei Hunderttausende von Franken. Dennoch wurden die zwei Spieler kein einziges Mal von Kasinovertretern auf ihre Sucht angesprochen, geschweige denn gesperrt. «Das Personal animiert einen vielmehr dazu, weiterzuspielen», erzählt Bernhard. «Die Sozialkonzepte sind eine reine Alibiübung», sagt auch Paul Amsler*. Fast täglich von zwölf Uhr mittags bis drei in der Früh spielte der IV-Rentner an den Automaten im Casino Bern. Er verlor insgesamt 150'000 Franken und musste schliesslich Privatkonkurs anmelden. «Die Sperren erfolgen viel zu spät, die meisten Leute sind dann bereits heillos verschuldet», kritisiert Amsler. Von Früherkennung könne keine Rede sein. Und: «Es ist doch offensichtlich, dass in einem Kasino praktisch alle Stammgäste ein Problem haben.»

Die Spielbanken weisen jegliche Schuld von sich. «Wir setzen das Sozialkonzept vollumfänglich und gewissenhaft um», betont etwa Detlef Brose, Geschäftsführer des Grand Casino Baden. Brose räumt allerdings ein, dass selbst das beste Sozialkonzept der Welt keine hundertprozentige Trefferquote beim Aussondern von Problemspielern erreichen könne. In die gleiche Kerbe schlägt Jolanda Moser, Geschäftsleiterin des Schweizer Casino-Verbands: «Wir sind der Überzeugung, dass die Sozialkonzepte die bestmögliche Lösung zur Prävention der sozial schädlichen Folgen von Glücksspiel sind. Allerdings kann selbst das beste Präventionskonzept nicht garantieren, dass sämtliche Gefährdeten auch tatsächlich erfasst werden.» Dies gelte umso mehr, so Moser, als die Kasinos im Rahmen der Früherkennung darauf angewiesen seien, dass der Gast Symptome zeige. «Sonst können wir gar nicht einschreiten.»

Dabei wäre es ein Leichtes, die exzessiven Spieler herauszufiltern. Über die Videoüberwachungsbänder, die jedes Kasino 28 Tage lang aufbewahren muss. Oder über die Zutrittskontrolle, deren Daten sogar dauerhaft gespeichert werden.

*Name geändert

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