Kinder wollen die Welt entdecken – am liebsten mit Vollgas. Dass sie dabei mal stolpern und sich wehtun, gehört dazu. Nach dem ersten Schock und ein paar tröstenden Worten sind die Kleinen jedoch meist rasch wieder bereit fürs nächste Abenteuer.

Manchmal passieren aber gröbere Unfälle. Dann müssen nicht nur die Kinder tapfer sein, auch die Eltern sind gefordert. In der Hektik ist oft schwer einzuschätzen, welche Reaktion erforderlich ist.

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Bei Sonnenschein herrscht Trubel im Notfall

Georg Staubli, Chefarzt und Abteilungsleiter der Notfallstation am Universitäts-Kinderspital Zürich, sagt zum Beobachter: «Grundsätzlich gilt: Wenn Eltern sich Sorgen machen, sollten sie die Verletzung einer Fachperson zeigen.» Allerdings lohnt es sich, zu bedenken, mit welchem medizinischen Problem man wo Hilfe sucht. Bei kleineren Verletzungen sind die Kinderarztpraxis, die Apotheke oder eine Hotline wie Medgate oft eine gute und schnelle erste Anlaufstelle.

Zur Person

«Nach Feierabend und am Wochenende ist unsere Notfallstation meist voll. Handelt es sich nicht um einen absoluten Notfall, muss man mit Wartezeiten rechnen», sagt Staubli. Auch das Wetter spielt eine Rolle: «Bei Sonnenschein ist bei uns viel mehr los als bei Regen.» Besonders oft sehe er Brüche sowie Kopf- und Bauchverletzungen.

Im Herbst ziehen sich Kinder solche Blessuren häufig bei Aktivitäten wie Velofahren, Fussballspielen oder dem Herumtollen auf dem Spielplatz zu. Beim Wandern kommt es ebenfalls immer wieder zu Unfällen. Meist sind die dort entstehenden Verletzungen bei Kindern laut Notfallarzt Staubli allerdings nicht so gravierend, dass sie im Spital behandelt werden müssen.

Der Grund: Es handelt sich dabei selten um klassische Wanderunfälle, sondern eher um typische Kinderunfälle, da Kinder beim Wandern schlicht das tun, was sie überall tun: Sie klettern in die Höhe und springen herunter. Im besten Fall macht das grossen Spass, im schlechteren endet es mit einem heftigen Aufprall.

«Rund 256’000 Kinder und Jugendliche verletzen sich jedes Jahr bei einem Unfall.»

Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU)

Gemäss der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) verletzen sich jedes Jahr rund 256’000 Kinder und Jugendliche bei einem Unfall in den Bereichen Sport sowie Haus und Freizeit.

Bei folgenden Symptomen sollten Eltern den Notruf 144 wählen:

  • Fehlstellungen oder Verkrümmungen an Armen und Beinen
  • Starke Rückenschmerzen und Taubheitsgefühle in den Beinen
  • Anhaltende Bauchschmerzen mit Erbrechen
  • Starke Kopfschmerzen und wiederholtes Erbrechen
  • Bewusstlosigkeit mit anschliessender Benommenheit oder Verwirrtheit
  • Grosse, weiche Beule am Kopf mit der Beschaffenheit eines Wassersacks


Beim Entscheid, ob man den Notruf wählt, solle auch die eigene Anspannung berücksichtigt werden, rät Georg Staubli. Denn ein vor Schmerz schreiendes Kind lässt niemanden kalt. Wer sich nicht mehr zutraut, das Auto sicher ins Spital oder zum Hausarzt zu lenken, ruft besser den Rettungsdienst.

Wann Kühlen und Abwarten reichen

Allerdings erscheinen manche Verletzungen auf den ersten Blick dramatischer, als sie tatsächlich sind.

Stösst sich das Kind etwa den Kopf und weint, ist das allein kein Alarmsignal. Im Gegenteil: «Beginnt ein Kind sofort zu weinen, ist das in der Regel ein gutes Zeichen», sagt Staubli. Selbst wenn es über Kopfschmerzen klagt und sich eine harte Beule entwickelt, muss das kein Grund zur Sorge sein – sofern das Kind stets bei Bewusstsein war. «Dann kann man ein Schmerzmittel verabreichen und abwarten.» Auch einmaliges Erbrechen nach einem Sturz ist nicht weiter schlimm: «Das passiert häufig aus der Aufregung heraus», erklärt Staubli.

Georg Staubli, Dr. med.Chefarzt / AbteilungsleiterNotfallstation Kinderspital Zürich

«Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Wenn sie am nächsten Tag nicht auf den Fuss stehen oder den Arm nicht bewegen, stimmt etwas nicht», sagt Notfall-Chefarzt Georg Staubli.

Quelle: Privat

Wenn Füsse oder Arme zwar schmerzen, aber nicht massiv angeschwollen oder fehlgestellt sind, könne man dem Kind ebenfalls vorerst ein Schmerzmittel geben, die betroffene Stelle kühlen und ruhigstellen. Danach sollten Eltern beobachten, wie sich die Verletzung entwickelt: «Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Wenn sie am nächsten Tag nicht auf den Fuss stehen oder den Arm nicht bewegen, stimmt etwas nicht», erklärt Staubli.

Verbrennungen und Bisswunden

Neben Stürzen gehören Verbrennungen und Bisswunden zu den typischen Risiken auf Herbstausflügen. Bei Verbrennungen gilt gemäss Kinderarzt Staubli: «Ist die Haut nur leicht gerötet, reicht das Kühlen mit Hahnenwasser.» Eiskaltes Wasser sollte man aber vermeiden, weil es die Durchblutung beeinträchtigen kann. Auch sollte man das Kind nicht unter die Dusche stellen, sondern nur die verletzte Körperstelle kühlen.

Bilden sich Blasen oder löst sich die Haut ab, ist eine Abklärung in der Kinderarztpraxis nötig. Verbrennungen, die grösser sind als zwei Handflächen oder sich im Gesicht oder über einem Gelenk befinden, sind Fälle fürs Spital.

«Katzenbisse sind durch die spitzen Zähne gefährlicher als Hundebisse, weil die Bakterien tief ins Gewebe gelangen.»

Georg Staubli, Chefarzt Notfallstation Universitäts-Kinderspital Zürich

Bei Bisswunden ist entscheidend, von welchem Tier die Wunde stammt und wie tief sie ist. «Katzenbisse sind durch die spitzen Zähne gefährlicher als Hundebisse, weil die Bakterien tief ins Gewebe gelangen», sagt Georg Staubli. Ist die Haut nur gequetscht, aber ansonsten intakt, reicht gründliches Desinfizieren. Blutet die Wunde, rät Staubli, sie 10 bis 20 Minuten unter fliessendem Wasser auszuspülen.

Bisse im Gesicht oder an den Händen sowie tiefe, klaffende Wunden müssen immer abgeklärt werden. Zudem muss bei allen offenen Wunden der Tetanusschutz überprüft werden. Ist die Impfung nicht mehr aktuell, sollte sie innerhalb von 24 Stunden aufgefrischt werden. Im Zweifel berät die Kinderarztpraxis.

Ruhig bleiben hilft

Abgesehen von Pflastern, Verbänden und Salben gibt es etwas, das oft unterschätzt wird: die Haltung der Eltern. «Schaffen es die Eltern, ruhig zu bleiben, ist das ein grosser Vorteil», sagt Georg Staubli.

Zudem ist die Wortwahl wichtig. Sätze wie «Du musst keine Angst haben, es gibt bestimmt keinen Piks» sind wenig förderlich. «Beim Kind bleiben nur die Worte ‹Angst› und ‹Piks› hängen», mahnt Staubli. Besser sei es, unaufgeregt zu erklären, was passiert. So lässt sich zwar nicht jeder Schmerz verhindern – aber mit Ruhe, Aufmerksamkeit und etwas Grundwissen sind Eltern für viele kleine und grosse Notfälle gut gerüstet.

Quellen