Man lernt nie aus. Und man entwickelt sich immer weiter – bis ans Lebensende: Diese zwei simplen Weisheiten sind die Grundlage für das «Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung», das der Psychoanalytiker Erik H. Erikson vor 60 Jahren prägte. Er zeigte auf, dass jeder junge Erwachsene auf seinem Lebensweg an dieselbe Weggabelung gelangt: Die eine Richtung nannte Erikson «Stagnation», die andere «Generativität». Wer den Weg der «Stagnation» einschlägt, dem ist es egal, wenn nach ihm die Sintflut kommt. Was sollte es ihn auch kümmern – es geht ihm im Leben um nichts und niemand ausser um sich selbst. Eigenschaften wie Rücksicht und Einfühlungsvermögen sind auf diesem Egotrip hinderlich.

Auf dem Weg zur «Generativität» hingegen entwickelt man soziales Engagement und setzt sich für Dinge ein, von denen ­andere profitieren können – selbst kommende Generationen. Kurz, man übernimmt Verantwortung für sich und andere. Übertreibt man es dabei allerdings, vernachlässigt man sich selbst zum Wohle ­anderer. Ist man hingegen erfolgreich, hat man laut Erikson die Fähigkeit zur Für­sorge erlangt. Doch auch diese hat ihre ­Tücken: Wer darauf fixiert ist, kann nicht loslassen und scheut Konflikte.

Immer wenn ich mit Müttern von im Elternhaus wohnenden erwachsenen Söhnen rede, kommt mir Eriksons Theorie in den Sinn. Die meisten dieser Mütter füllen ihren Söhnen den Kühlschrank, waschen ihre Kleider und putzen das Badezimmer. Viele von ihnen beherrschen Multitasking schon seit eh und je. Darum sind sie Putzfrau, Waschfrau und Köchin in einem – gratis notabene.

Das Zusammenleben neu aushandeln

Und wenn der Filius mal knapp bei Kasse ist, zahlen sie auch die Handyrechnung. Die Krankenkasse übernehmen sie ohnehin. Sie haben sich im Lauf der Jahre daran gewöhnt, dass sie einen Bruchteil dessen für sich zur Verfügung haben, was der Sohnemann im Ausgang ausgibt. Weil sie nicht loslassen können, Auseinandersetzungen scheuen und zu viel Verantwortung übernehmen, machen sie bloss die Faust unter der Haushaltsschürze. Gleichzeitig machen sie sich so unentbehrlich.

Es liegt nicht nur an den langen Aus­bildungszeiten der jungen Erwachsenen oder an den teuren Wohnungen, dass man heute länger im Elternhaus bleibt. Es liegt auch daran, dass die Mütter ihre Jungen nicht aus dem Nest schubsen. Bleiben sie drin, obwohl sie flügge wären, müssen Eltern und Kinder eine neue, gleichberechtigte Form des Zusammenlebens aushandeln. Dazu gehört, dass die Jungen Miete zahlen. Und wenn schon die Mutter die Hausarbeit allein machen muss, dann soll diese Arbeit anständig entlöhnt werden.

Anzeige

Noch sinnvoller ist aber eine partnerschaftliche Wohnsituation. Erwachsene Leute sollen sich die Hausarbeiten ­teilen – und zwar sämtliche. Junge Erwachsene, die bloss ihr eigenes Bett machen müssen, werden auf dem Weg Richtung «Genera­tivität» Mühe haben. Sofern sie überhaupt das Rüstzeug mitbekommen haben, ihn einzuschlagen.

Buchtipp

Erik H. Erikson: «Der vollständige Lebenszyklus»; Suhrkamp-Verlag, 2009, 144 Seiten, Fr. 16.90